Sörensen am Ende der Welt

Erschienen: August 2021

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Thomas Gisbertz
Sörensen ist längst Kult. Ein absolutes Muss für Krimi-Fans

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Okt 2021

Kommissar Sörensen zieht endgültig von Hamburg in das nordfriesische Katenbüll. Doch schnell muss er die Hoffnung aufgeben, hier in der Provinz Ruhe zu finden. Denn es gibt schon wieder eine Leiche. Diese liegt mit einem Schraubendreher erstochen im Koog. Und der letzte Mensch, der den Toten lebend gesehen hat, ist spurlos verschwunden: der junge Ole Kellinghusen. Lucy, die Tochter von Sörensens Kollegin Jennifer Holstenbeck, und der Vermisste erwarten darüber hinaus ein gemeinsames Kind. Auch wenn alle Indizien darauf hindeuten, dass Ole der Täter ist, glaubt der Kommissar an dessen Unschuld. Während er sich auf die Suche nach dem wahren Mörder macht, muss er sich mit einer nervigen Praktikantin, einen aufdringlichen Journalisten und einer Gruppe von Preppern herumschlagen - und mit seinen eigenen Ängsten.

Unheimliche Begegnung

Es ist kurz nach 22 Uhr, als eine Frau voller Angst wild an die Scheibe des Nachtschalters der einzigen Tankstelle in Katenbüll klopft und panisch schreit: „Lassen Sie mich rein!“ Noch während Ole Kellinghusen, der in dieser Nacht Dienst hat, nach dem Schlüssel sucht, um die Schiebetür zu öffnen, verschwindet die Frau wieder. Draußen entdeckt er die verstörte Unbekannte schließlich in der Waschstraße und nimmt sie mit in den Verkaufsladen. „Sie sind hier“, wiederholt sie angsterfüllt. Nachdem Ole hinter ihnen abgeschlossen hat, scheinen sie erst einmal in Sicherheit. Doch dann taucht aus der dunklen Ecke des Ladens ein Mann auf und die Ereignisse dieser verhängnisvollen Nacht spitzen sich zu.

Wortakrobat

Mit Sörensen am Ende der Welt legt Autor Sven Stricker den dritten Band seiner Reihe um den unter einer generalisierten Angststörung leidenden nordfriesischen Kommissar vor.

Seit 2001 arbeitet Stricker als freier Wortregisseur, Bearbeiter und Autor. Er gewann in dieser Funktion mehrmals den Deutschen Hörbuchpreis. Unter anderem zeichnet sich Stricker für die Bearbeitung und/oder Regie zahlreicher Wallander-Hörspiele und mehrerer ARD Radio Tatort-Folgen verantwortlich.

Mit seinem Kriminalroman Sörensen hat Angst war Sven Stricker 2017 für den Glauser-Preis nominiert. Die gleichnamige Verfilmung mit Bjarne Mädel in der Hauptrolle und gleichzeitig als Regisseur gewann 2021 den Deutschen Fernsehkrimipreis sowie den österreichischen Fernsehpreis Romy. Stricker schrieb hierfür das Drehbuch. Der zweite Band Sörensen fängt Feuer ist optioniert.

Die ungekürzten Hörbücher seiner Romane spricht der Autor selber ein. Darüber hinaus sind aber auch die gekürzten Hörspiele, die für den Deutschlandfunk Kultur produziert wurden und in denen Bjarne Mädel aus Sörensen zu hören ist, ein absoluter Hörgenuss.

Stärke des Autors

Sven Stricker ist das Beste, was dem deutschen Krimi passieren konnte. Dies gilt sowohl für seine Sörensen-Reihe als auch für seine Arbeit als Hörspielregisseur. Mit Sörensen am Ende der Welt stellt der Wahl-Potsdamer einmal mehr unter Beweis, dass seine Kriminalromane weit mehr sind als reine Spannungsliteratur. Wer dies erwartet, liegt hier falsch. Aber gerade wegen ihres Mehrgehalts lohnt sich die Reihe um Kommissar Sörensen. Stricker beherrscht die Klaviatur der Vielfalt: Melancholie, Ernsthaftigkeit und leise Töne sind ebenso Seiten seines Schreibens wie pointierte Dialoge, feiner Humor und skurrile Figuren. Dem Leser ergeht es wie Strickers Hauptfigur: Man durchlebt eine Achterbahn der Gefühle.

Wortgewandte Sprache

Bei allem Humor macht sich Stricker niemals lustig über seine Figuren, sondern nimmt sie in ihrer besonderen Art ernst. Nur so gelingt ihm der Balanceakt zwischen Ernsthaftigkeit und einem phänomenalen Sprachwitz. Am deutlichsten wir dies bei der Figur des Kommissars. Sörensen besitzt ein vermindertes Selbstwertgefühl und hat Angst, das Leben nicht in den Griff zu bekommen und bei allem zu versagen, was ihm wichtig ist: seiner Tochter Lotta, die er kaum zu sehen bekommt, oder seinem Vater, auch wenn die Beziehung zu ihm mehr als kompliziert ist.  Stricker lässt Sörensen nicht selten über sein Leben in längeren inneren Monologen philosophieren. Leise Momente, die Nähe zulassen und berühren.

Es gibt aber auch den Sörensen, der kein Fettnäpfchen auslässt. Seine Unbeholfenheit wird aber von einer großen Liebenswürdigkeit begleitet. Denn er will niemanden etwas Böses. Auch er nimmt jeden in seiner Andersartigkeit und seinem Abweichen von der gesellschaftlichen Norm an - sei es die Prostituierte Danuta, die Prepperin Rike oder die Praktikantin Sieke Pfeifer, die neu auf der Polizeistation ist. Weil er genauso wie sie ein Außenseiter ist. Weil er genauso wie sie versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen oder einfach nur zu überleben. Angst haben eigentlich alle Figuren des Romans. Nur die Gründe sind verschieden.

Skurrile Momente

Autor Sven Stricker ist aber auch ein Meister der Beobachtung, der die menschlichen Schwächen und Eigenarten aufdeckt. Verbunden mit einem wunderbaren Sprachwitz schildert er unfassbar komische Situationen, wenn zum Beispiel darüber spekuliert wird, mit welcher Art Schraubendreher der Tote ermordet wurde (Kreuzschlitz-, Schlitz-, Sechskant- oder Torxschraubendreher), die neue Praktikantin die Ermittler in den Wahnsinn treibt oder der Kommissar mit seinen Gesprächspartnern auch über Sprichwörter und ihre Bedeutung sinniert. Strickers sprachlichem Talent scheinen keine Grenzen gesetzt.

Ach ja, Sörensen löst am Ende selbstredend den Fall, denn der Kommissar ist cleverer als es auch für den Täter scheinen mag. Denn bei allem geht fast unter, dass Sven Stricker auch ein exzellenter Krimiautor ist, der es versteht, einen wunderbar durchdachten Plot zu verfassen.

Fazit:

Sven Stricker ist einfach einer der besten Krimiautoren hierzulande. Der Autor überzeugt mit einer wortgewandten Sprache, pointierten Dialoge und eine feinfühligen Figurendarstellung. Es ist selten, dass ein Krimiautor auf derart vielfältige Art zu überzeugen weiß. Stricker hält die Balance zwischen einer spannenden Erzählung und einer tragikomischen, nachdenklich stimmenden Geschichte. Einfach ein starker Kriminalroman.

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