Das letzte Bild

Erschienen: August 2021

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Carola Krauße-Reim
Spannende Verknüpfung von Realität und Fiktion

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Okt 2021

Im November 1970 wurde im abgelegenen Isdal, unweit der norwegischen Stadt Bergen, eine halbverkohlte Frauenleiche gefunden. Die Obduktion ergab, dass die Frau eine große Menge Schlaftabletten zu sich genommen haben musste, bevor sie mit Benzin übergossen in Brand geriet. Neuste Untersuchungen zeigen, dass sie um 1930 in der Umgebung von Nürnberg geboren sein muss, doch bis heute ist ihre Identität nicht bekannt. Sie benutzte diverse Pseudonyme, in ihrem Gepäck fanden sich mehrere gefälschte Pässe und unterschiedliche Währungen. Anja Jonuleit nimmt diese Frau und ihr unbekanntes Schicksal als Grundlage für ihren aktuellen Roman „Das letzte Bild“. Der ist sowohl Thriller als Familienroman und liegt neben einer gebundenen Ausgabe auch als Hörbuch vor.

Wer war die Isdal-Frau?

Diese Frage stellt sich auch Eva, die das Phantombild der Isdal-Frau in einer Boulevardzeitung findet und die ihr unglaublich ähnlich sieht. Die Sachbuchautorin aus München fängt an zu recherchieren und findet schnell heraus, dass ihre Mutter sehr viel mehr zu diesem Thema weiß, als sie anfangs zugeben will. Immer tiefer gräbt Eva und immer mehr will sie der Wahrheit auf den Grund gehen. Gleichzeitig lernt der Leser die Isdal-Frau kennen: es ist Margueritte, die aus ihrem Leben als Kind Ende des 2. Weltkrieges und später von der Suche nach ihrer Familie erzählt. Laurien ist der dritte Protagonist. Er lehrt Geschichte an der Universität in Oslo und interessiert sich besonders für die norwegischen Frauen, die von deutschen Soldaten schwanger wurden und für die Kinder aus diesen Beziehungen. Diese drei Erzählstränge laufen erst parallel, bevor sie sich immer mehr verknüpfen und zum Schluss zur fiktiven Aufklärung des Todes im Isdal führen.

Spannend, wie ein Thriller

Die Spannung wird schon zu Beginn gehörig geschürt und bleibt während der über 14 Stunden Laufzeit des Hörbuches fast durchgehend erhalten. Lediglich das letzte Drittel krankt an zu vielen Wiederholungen und sehr ausschweifenden Darstellungen, die den Schwung etwas aus der Geschichte nehmen und durch Widersprüche zudem den Eindruck machen, als wäre die Autorin nicht mehr ganz bei der Sache gewesen. Dennoch schaffen gerade die drei ständigen Perspektiv- und Zeitwechsel viel Abwechslung, die durch die sehr unterschiedlichen Charaktere der Protagonisten noch verstärkt wird.

Margueritte wächst vom Kind zur selbstständigen Frau heran und leidet während dessen immer an dem Verlust ihrer Familie. Ihre Suche und die damit einhergehenden Probleme und Zugeständnisse, verbindet faktengestützte Historie mit fiktiven Handlungen. Dieser wurzellose und einsame Mensch wird von Jonuleit intensiv dargestellt und zeigt die möglichen Schwierigkeiten von Kriegskindern sehr deutlich.

Zudem lässt Jonuleit die Probleme der Nazizeit in Norwegen und den Widerstand gegen die Besatzung einfließen, die bis heute Nachwirkungen haben und sehr unterschiedlich in dem Land wahrgenommen werden. Auch Eva ist eine Frau, die sich der Vergangenheit stellen muss und deren Frage nach Identität und Abstammung stellvertretend für viele Nachgeborene stehen dürfte. So schafft es die Autorin fast beiläufig und spielerisch, schwerwiegende geschichtliche Fragen und Themen in ihren ansonsten eher weniger schweren Roman einzubinden.

Während jedoch die beiden Frauen von ihr glaubwürdig charakterisiert werden, ist Laurien zu sehr in seinem Narzissmus gefangen. Dieser wird zwar mehr als deutlich gezeigt, jedoch wird sein Charakter dadurch sehr eindimensional. Dennoch schaffen es die drei, die komplexe Geschichte zu tragen und den Leser zu fesseln.

Drei hervorragende Stimmen lesen den Roman

Tanja Geke, Monika Oschek und Sascha Rotermund leihen den drei Protagonisten ihre Stimmen. Dass sie ausgebildete Schauspieler sind wird schnell durch ihren virtuosen Umgang mit dem Text deutlich. Sie lesen sehr eindrücklich und pointiert, erwecken durch Stimm-Modulation auch alle anderen Handelnden zum Leben. Lediglich bei Sascha Rotermund hat man den Eindruck, dass er anfangs ein wenig mit seiner Rolle als Laurien fremdelt und ihn ein wenig zu steif artikulieren lässt - doch, das legt sich relativ schnell.

Neben den drei unterschiedlichen Charakteren haben ihre ebenso unterschiedlichen Stimmen einen großen Anteil am Hörgenuss. Sie können die Stimmung ihrer Figuren, deren Emotionen und auch die herrschende räumliche Atmosphäre nahezu visuell vermitteln und bringen den Zuhörer mitten hinein in eine unglaublich spannende Geschichte, die trotz ihrer über 14 Stunden Laufzeit kaum Längen aufweist und fast immer fesselnd ist. Zum Schluss kann man kaum noch Realität von Fiktion unterscheiden und ist durchaus gewillt, das Gehörte, trotz besseren Wissens, als eine mögliche Erklärung für den Tod der Isdal-Frau anzusehen.

Fazit

„Das letzte Bild“ ist eine exzellente Aufarbeitung des norwegischen Cold Case der Isdal-Frau. Anja Jonuleit spinnt eine spannende und kurzweilige Geschichte rund um die unbekannte Tote, indem sie ein Familiendrama, Identitätsfragen und reale Geschichte gekonnt verknüpft. Die ausgezeichneten Stimmen der drei Lesenden des Hörbuches tun ihr Übriges um den Hörer in permanenten Bann zu ziehen.

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