Charm City

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • New York: Avon, 1997, Titel: 'Charm City', Seiten: 291, Originalsprache
  • Hamburg: Rotbuch, 2003, Seiten: 337, Übersetzt: Ulrich Hoffmann

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Wolfgang Weninger
Wenig Charme in Charm City

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Sep 2003

Eine Stadt, wie Baltimore, braucht unbedingt auch eine namhafte Basketballmannschaft. Und "Wink" Wynkowski sieht sich als der große Zampano, der Baltimore mit seinem Vermögen zu dieses Geschenk verhelfen will.

Aber Wynkowski hat nicht mit der Klatschpresse des Baltimore Leuchtturms gerechnet. Kevin Feeney, Starreporter des Leuchtturms, und seine vom Ehrgeiz getriebene Jungkollegin Rosita Ruiz graben in der zwielichtigen Vergangenheit des Sportmäzens und werden fündig. Doch die Story ist so brisant, dass die Bosse der einzigen Baltimorer Zeitung die Veröffentlichung untersagen. Der zutiefst betroffene Feeney, der sich der Seite Eins sicher war, klagt Tess Monaghan bei einigen Drinks sein Leid.

Tess, die in "Baltimore Blues" ihr Detektivdebüt gegeben hat und früher beim nicht mehr existierenden Konkurrenzblatt, dem Baltimore Star, als Journalistin beschäftigt war, ist deshalb mehr als erstaunt, dass am nächsten Morgen die Reportage reißerisch auf Seite Eins zu finden ist. Aber auch die Chefetage der Zeitungsfritzen kann sich den Umstand nicht erklären, wer in der Nacht die Ausgabe manipuliert hat. Und weil eine alte Freundin unserer Jungermittlerin so ganz zufällig als Chefsekretärin des Revolverblattes arbeitet, bekommt Tess den Auftrag die internen Vorgänge im Verlag zu untersuchen.

Zu allem Unglück wird auch noch der irgendwie verwandte Lieblingsonkel Spike zusammen geschlagen und fällt ins Koma. Alles was Tess als Anhaltspunkt auf die Täter bleibt, ist der hässlichste alte Windhund des Kontinents, den sie während Onkelchens Spitalsaufenthalt in Pflege nimmt. Aber was hat ihr Onkel mit einem ausrangierten Windhund im Sinn und warum ist ein Schlägerkommando hinter ihm und plötzlich auch hinter Tess her?

Während Wink Wynkowski in seiner Garage angeblich Selbstmord begeht, wird der Fall für Tess Monaghan immer verzwickter. Die Tatsachen, die Feeney und Ruiz veröffentlicht haben, scheinen nicht den Kriterien für ehrlichen Journalismus zu entsprechen und Tess muss ihre kleinen grauen Zellen mächtig anstrengen, um sowohl Onkel Spikes Geheimnis, als auch die Vorgänge rund um den Leuchtturm zu lösen.

Laura Lippman hat mit ihrem neuen Roman "Charm City" rund um die sympathische Amateurdetektivin Tess Monaghan den Charme des Erstlingswerkes leider nicht wiederholen können. Während man in "Baltimore Blues" noch lächelnd die Unbekümmertheit der Protagonistin zur Kenntnis nahm, wirkt der Extrakt als fader Abklatsch eines Wiederholungstäters. Der Humor in diesem Buch besteht in erster Linie in der Beschreibung der puritanischen Verhältnisse einer veralterten Kleinstadt. Die Spannung hält sich bis auf wenige Sequenzen vollständig im Hintergrund.

Man merkt Laura Lippman ihre Vergangenheit als Journalistin deutlich an. In diesem Buch finden wir über weite Strecken mehr journalistische Recherche, als detektivisches Denken, wobei nicht so sehr analytische Verfahrensmethoden, sondern eher zufällige Mosaiksteinchen die Handlung gemächlich weiter treiben. Die Personen sind skurril, aber sehr zweidimensional beschrieben, in dem man Platitüden, wie dumme Schläger, saufende Journalisten, publicitygeile Medienhaie etc. auf den Leser los lässt. Das Privatleben der Detektivin grenzt ohnehin an einen Übungsplatz für einen Chaostheoretiker, was hier zwar für den Fun-Faktor nicht unbedingt negativ zu werten ist, aber leider viel zu oft als Füllmaterial für fehlende Krimisequenzen herhalten muss.

Sprachlich kann man an der Übersetzung von Ulrich Hoffmann nicht meckern. Er hat versucht, spezifisch amerikanischen Wortwitz ins Deutsche zu übertragen, wobei man von einem gelungenen Ergebnis sprechen kann, das sich leicht und locker liest und nie ermüdend wird. Daran, dass die Handlung über lange Zeit undurchsichtig dahin plätschert und das überraschende Ende sehr an den Haaren herbei gezogen wirkt, kann der Übersetzer nichts.

Im Endeffekt verfügt "Charm City" über einen beträchtlichen Unterhaltungswert für Krimifans, die es gerne ohne großen Tiefgang haben und nach dem Lesevergnügen ohne Albträume in die Federn schlüpfen möchten. Laura Lippman hat mit "Charm City" einen Schmöker geschaffen, der mich zwar nicht begeistert, aber durchaus unterhalten hat.

Charm City

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Letzte Kommentare:
28.01.2007 19:38:09
Perdita

Ich habe das Buch zu Weihnachten bekommen und es fing auch vielversprechend an. Zu Beginn war das Chaos in Tess Monaghans Leben ja noch witzig (der Hund, die Tante, der Lover etc.), so lange bis ich mich gewundert habe wo der Mord bleibt. Was mich etwas stutzig gemacht hat ist, wie Tess von dem Mord erfahren hat - auch ein Krimi, in dem in den ersten zwei Dritteln kaum Polizeibeamte auftreten, müsste eigentlich eine Warnung sein, aber ich habe tapfer weitergelesen. Wenigstens war das Ende dann wieder besser, im Mittelteil kam aber statt Spannung leider häufig ein epischer Blick hinter die Kulissen einer Zeitung!
Fazit: von dieser Autorin werde ich so schnell nichts mehr lesen! So schön Baltimore auch sein mag und so viel Frau Lippman über ihren Job weiß - das kann sie meinetwegen bei einer Cola erzählen! Wenn ich ein Buch aufschlage, wo vorne "Kriminalroman" steht, erwarte ich etwas anderes!