Die Tote mit der roten Strähne

Erschienen: September 2021

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Dime”

  • New York : Mulholland Books/Little, Brown and Company/Hachette Book Group Inc. 2017
  • Frankfurt/Main : Suhrkamp Verlag September 2021. Übersetzung: Andrea O'Brien. Cover: FinePic, München. 363 Seiten. ISBN-13: 978-3-518-47170-8
  • Frankfurt/Main : Suhrkamp Verlag September 2021 [eBook]. Übersetzung: Andrea O'Brien. 4,02 MB [ePUB]. ISBN-13: 978-3-518-76986-7

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Michael Drewniok
Drogenhandel und Mord zum Ruhme Gottes

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

Detective Betty Rhyzyk arbeitet für das Drogendezernat des Dallas Police Department. Der Kampf gegen Rauschgift- und Medikamentenmissbrauch ist längst zu einem Krieg ausgeartet. Im texasnahen Mexiko agieren Drogenkartelle, gegen die der Staat machtlos ist. Wer sich nicht schmieren lässt, wird umgebracht, wobei die Scheußlichkeit der begangenen Bluttaten mögliche Störenfriede und ‚Verräter‘ abschrecken soll.

Natürlich vernachlässigen die Kartelle den lohnenden US-Markt nicht. Sie gehen auch jenseits der Grenze immer grausamer gegen Konkurrenten, Spitzel und notfalls Polizeibeamte vor. In Dallas steht aktuell Tomás Ruiz ganz oben auf der Fahndungsliste. Weil er gerade in Texas aktiv ist, will das Drogendezernat die Gelegenheit nutzen und den Verbrecher fassen.

Die Aktion wird von Rhyzyk geleitet - und endet in einem Desaster: Ruiz kann flüchten, zurück bleiben mehrere Tote. In den folgenden Tagen steigt die Zahl der Opfer sprunghaft an, denn auf seiner Flucht zurück nach Mexiko geht der ohnehin paranoide Gangster buchstäblich über Leichen.

Dass Rhyzyk kurz darauf ein Paket zugestellt wird, das Ruiz‘ Schädel enthält, signalisiert eindeutig, dass sich eine weitere, bisher unbekannt Bande in den Drogenkrieg eingeschaltet hat. Ihre Mitglieder sind fanatisch fundamentalreligiös und noch brutaler als die Mexikaner. Rhyzyk hat das besondere Interesse der Gruppe erregt. Ihr Eifer bei der Fahndung wird von den Medien begleitet. Zudem ist Rhyzyk lesbisch, was zusätzlich den heiligen Zorn ihrer Gegner entfacht …

Wir bauen einen Bestseller

Man ist nie zu alt für eine Kurskorrektur: Bis 2017 war Kathleen Kent (*1953) bekannt für ihre Historienromane. Sie lieferte einer entsprechend gepolten Leserschaft die Abenteuer ebenso liebender wie rebellischer Frauen, die einerseits nach Mr. Right Ausschau hielten, aber andererseits gegen die allgegenwärtigen Chauvinisten-Schweine der Vergangenheit auftrumpften.

Nach mehrjähriger Pause präsentierte Kent eine Krimi-Heldin, die eindeutig in Serie gehen sollte, denn sehr offensichtlich hatte die Autorin an einer weiblichen Hauptfigur gearbeitet, die möglichst sämtliche Eigenschaften der genannten Rebellen-Frauen in die Gegenwart transportieren soll. Tatsächlich könnte man den Eindruck gewinnen, dass Kent Betty Rhyzyk mit Hilfe einer Strichliste charakterisiert hat, in der sämtliche Widerborstigkeiten aufgelistet waren, die heutzutage streitbaren Feminismus demonstrieren sollen, stattdessen jedoch nur Klischees aneinanderreihen.

Dazu passt eine Story, für die das Adjektiv „generisch“ erfunden worden sein könnte. Was durchaus rasant und routiniert erzählt wird, hat man in unzähligen B-Thrillern und oft im Fernsehen gesehen; in der Streaming-Version gehen solche Garne gern in Serie. Action und Gewalt, dazu Seelenschmerz und Attacken gegen moderne Frauenfeindlichkeit: Für „Die Tote mit der roten Strähne“  werden diesbezüglich sämtliche Register gezogen.

Rothaarig, groß, lesbisch

Betty Rhyzyk könnte glatzköpfig, dick und alkoholsüchtig sein, um als Hauptfigur hervorzustechen. So weit will Kent im Interesse eines möglichst kopfstarken Publikums lieber nicht gehen. Deshalb ist Betty zwar eine Außenseiterin, dies jedoch im Vollbesitz körperlicher Schönheit, auf die immer wieder hingewiesen wird.

In der Regel bringt es ein überforderter Mann zur Sprache, denn Bettys Welt ist bevölkert mit Kollegen und Zeitgenossen, deren Gedanken offenbar ständig um ihre Homosexualität kreisen. Weil es ihnen misslingt, ihre Gedanken in Zaum zu halten, sorgen sie zuverlässig für stets neue Schwälle maskuliner Peinlichkeiten, was nach Kent Bettys Außenseiterstellung unterstreicht, in der x-ter Wiederholung aber als Stilmittel erkannt wird.

Ansonsten ist Betty Rhyzyk ein Bündel oft aufdringlicher Als-ob-Eigenheiten. Die polnische Herkunft mag eine Reminiszenz an Autorenkollegin Sara Paretsky und ihre ungleich besser, weil tiefsinnig charakterisierte Detektivin V. I. Warshawski sein. Betty ist nur insoweit polnisch, wie sie rothaarig, groß, lesbisch, laut, widerspenstig oder Fastfood-süchtig ist - eine weitere oberflächliche Eigenschaft.

Irgendwie läuft alles schief

Der Plot wird durch das Handlungstempo am Leben erhalten. Einer sorgfältigen Prüfung hält er nicht stand. Es beginnt mit den üblichen Metzeleien vertierter Drogenhändler aus Mittelamerika. Sie werden irgendwann gegen noch üblere Hinterwäldler-Strolche ausgetauscht, die zusätzlich religiös völlig aus der Spur geraten sind. Kent mischt Thriller- mit „Backwood-Horror“-Elementen, bricht dafür den Handlungsfluss ab und lässt Betty Rhyzyk in die Gefangenschaft besagter Spinner geraten.

Es schließen sich viele Seiten detailfroh geschilderter Demütigungen und Foltern an, wobei das ultimative Grauen - die Vergewaltigung durch zwei geile bzw. übergeschnappte Redneck-Söhne - über Betty hängt, die deshalb erst recht hart und blutig zurückschlägt. Das muss sie auch, weil die zuvor im Geschehen stets präsenten Kollegen durch Abwesenheit glänzen und urplötzlich wieder auf der Bildfläche erscheinen, als einer der Rednecks Betty gerade den Gnadenstoß geben will.

Die „Family“ soll für Grusel und Spannung sorgen. Zudem scheint Kent sich in Sozialkritik zu üben. Immer wieder führt sie Klage über einen US-Alltag, der einem mühsam kontrollierten Bürgerkrieg gleicht. Das organisierte Verbrechen drängt eine Regierung und ihre Behörden zurück. Vorgebliche Staatsdiener buhlen um Macht und Posten, um sich für lukrative Jobs in Politik, Wirtschaft oder Medien in Stellung zu bringen, während ausgebrannte Idealisten resigniert alten Kriminalisten-Idealen folgen und nicht selten daran zugrunde gehen.

Grell, aber nicht eindringlich

Weil Kent solche Kritik nicht in die Handlung einfließen lässt, sondern sie eher darauf abfeuert, entsteht der Eindruck eines Anspruchs, den diese Geschichte nicht erfüllen kann. Man sollte sie ohne die begleitende Werbung, die ein Niveau andeutet, das so nicht existiert, als simplen Krimi-Thriller lesen.

In dieser Hinsicht arbeitet Kent sauber und kann wie schon gesagt durch Tempo diverse Brüche im Handlungsgerüst überwinden. Glatte Routine ist kein Verbrechen, sondern kann sehr gut unterhalten. (Der deutsche Titel hat übrigens mit der Handlung nur ansatzweise zu tun; er belegt die fehlende Bereitschaft, es mit dem originalen „The Dime“ - „Die Münze“ - zu riskieren, der auf einen deutlich wichtigeren Aspekt des Geschehens anspielt.)

Die Leser scheinen dies mehrheitlich erkannt und angenommen zu haben. Kent hat einer Fortsetzung bzw. Weiterführung der Serie weit eine Hintertür geöffnet, indem sie die Hauptschurkin entkommen lässt. Selbstverständlich schwört diese blutige Rache, sodass Betty Rhyzyk weiterhin gut mit der „Family“ und ihren Übeltaten beschäftigt ist, die auch in einen bereits erschienenen dritten Band überlappen.

Fazit:

Aus Bausteinen bzw. Klischees des modernen Action-Krimis wird dieser erste Band der Betty-Rhyzyk-Reihe nie originell, aber schwungvoll (sowie ausgezeichnet übersetzt) und mit sämtlichen Elementen aktueller Streaming-Serien über die Runden gebracht; die Weichen für eine Fortsetzung sind ebenfalls gestellt.

Die Tote mit der roten Strähne

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