Narbenherz

Erschienen: Juli 2021

Couch-Wertung:

82°
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Thomas Gisbertz
Wohltuend unaufgeregter Thriller aus Dänemark

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Aug 2021

Ein eisiger Februar in Kopenhagen: Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan vom Demokratisk Dagblad recherchiert gerade zu posttraumatischen Belastungsstörungen bei Soldaten. Mit ihren Gedanken ist sie aber ganz woanders. Ihr Arzt Jens Bjerre bestätigt ihr, was sie längst weiß: Sie ist schwanger. Aber will sie das Kind überhaupt? Heloise ist hin- und hergerissen. Noch bevor sie eine Entscheidung treffen kann, erfährt sie durch Zufall vom Verschwinden eines zehnjährigen Jungen. Lukas ist der Sohn ihres Arztes und aus dem Schulhort verschwunden. Vor Ort trifft Heloise ihren guten Freund Kommissar Erik Schäfer, der in dem Fall ermittelt. Die Spuren zu dem Jungen sind verwirrend, nichts passt zusammen. Heloise versucht, Schäfer zu helfen, das entscheidende Muster zu erkennen. Doch die Zeit läuft ihnen davon.

Suche nach vermissten Jungen

Was ist mit Lukas geschehen? Bei seiner Ankunft in der Schule wurde er noch gesehen, dann verliert sich jedoch seine Spur. Heloises beste Freundin, die Psychologin Greta, kennt den Jungen, da ihr Tochter Lulu mit ihm in eine Klasse geht. Lukas Eltern sind außer sich vor Sorge. Kommissar Schäfer, der gemeinsam mit seiner Kollegin Lisa Augustin im Fall des vermissten Jungen ermittelt, spürt aber, dass die Eltern ihm etwas verheimlichen. Und wer ist die unbekannte Frau, mit der sich Lukas während der Pause öfters heimlich getroffen hat? Wer verbirgt sich hinter dem mysteriösen „Apfelmann“, von dem die Kinder sprechen? Die Ereignisse spitzen sich zu, als man in einem zugefrorenen Wallgraben Lukas‘ Anorak blutverschmiert findet.

Dänische Bestsellerautorin

Die dänische Autorin Anne Mette Hancock ist so etwas wie der neue Star der skandinavischen Krimi-Szene: Ihr Thrillerdebüt Leichenblume um die Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan und den Kommissar Erik Schäfer führte nicht nur in ihrer Heimat lange Zeit die Bestsellerlisten an, sondern auch in Deutschland war ihr Roman äußerst erfolgreich. Darüber hinaus wurde ihr Debüt mit dem Dänischen Krimipreis ausgezeichnet.

Anne Mette Hancock studierte Geschichte und Journalismus in Roskilde und arbeitete als freie Journalistin für Tageszeitungen und Magazine, bevor sie sich ganz auf ihre Tätigkeit als Thrillerautorin konzentrierte.

Mit Narbenherz erscheint nun der zweite Band der Kaldan-Schäfer-Reihe, der ebenso spannend und unterhaltsam ist wie sein Vorgänger. Hancock überzeugt erneut mit einem flüssigen Schreibstil und einem cleveren Plot mit überraschenden Ende.

Im Frühjahr 2022 erscheint mit Grabesstern bereits die Fortsetzung der Serie.

Sozialkritische Töne

Die aktuelle Thrillerreihe von Anne Mette Hancock ist anders, als man Thriller aus Skandinavien vielleicht gewohnt ist. Statt einer düsteren, beklemmenden Atmosphäre und brutalen Gewaltdelikten richtet die Autorin in ihrem aktuellen Roman den Blick auf familiäre Geheimnisse und spart bei der Suche nach dem Täter auch nicht an Sozialkritik. Besonders der Umgang mit traumatisierten Soldaten, die in Kriegs- und Krisengebieten eingesetzt wurden und denen nach der Rückkehr in ihrer Heimat zu wenig Beachtung geschenkt wird, rückt als bedrückendes Nebenthema immer wieder in den Fokus. Auch sie sind Opfer, werden häufig sich selber überlassen und werden sozial auffällig - bis hin zum Suizid. Aber auch durch Themen wie Alkoholismus, häusliche Gewalt, fehlende Integration oder ungewollte Schwangerschaft greift der Roman private wie gesellschaftliche Probleme auf, ohne aber die Suche nach dem Täter zu überlagern oder für einen Spannungsverlust zu sorgen.

Dennoch hat man insgesamt das Gefühl, dass der Roman inhaltlich etwas überladen ist. Statt viele Themen anzureißen, würde man sich wünschen, einen Aspekt tiefer gehend zu beleuchten und zum Gegenstand der Handlung zu machen.

Ungleiches Duo

Es ist immer eine Frage des Geschmacks, wie sehr man die Darstellung familiärer oder privater Probleme der Protagonisten in einem Thriller mag. Bei Hancock nimmt deren Darstellung durchaus einen größeren Raum ein. Auf der anderen Seite aber sorgen ein wirklich kurzweiliger Schreibstil und geschickte Perspektivwechsel dafür, dass der Roman dennoch selten an Tempo verliert.

Die Kombination Journalistin und Kommissar ist anscheinend derzeit sehr beliebt bei Autoren (u. a. Blix-Ramm-Reihe von Thomas Enger und Jørn Lier Horst und auch zuletzt in Kirsten Nähles Kriminalroman Zwölf Sünden), bietet ein derartiges Ermittlerduo auch einen größeren Spielraum und unterschiedliche Sichtweisen auf den jeweiligen Fall.

In Hancocks aktuellem Thriller überzeugt besonders die Darstellung des Ermittlers Erik Schäfer, der durch seine unaufgeregte Art und seine gründliche Arbeit im klaren Kontrast zur emotionalen und ruhelosen Journalistin Heloise Kaldan steht.

Wahrheit oder Schein?

Schon früh erfährt man im Roman, dass der verschwundene Lukas Bjerre eine besondere Begabung für Pareidolie besitzt. Dies meint das Phänomen, in Gegenständen, Mustern oder Objekten - wie in einer Wolke, einer Baumrinde oder auch einem Gartentor - Gesichter zu erkennen, wo eigentlich gar keine sind. Es entsteht eine Art Trugbild. Anne Mette Hancock versteht es im Laufe des Romans immer wieder geschickt, dieses Phänomen aufzugreifen. Aber erst am Ende zeigt sich, wie clever die Autorin mit Sein und Schein gespielt hat. Was ist tatsächlich in der Schule passiert? Was haben die Zeugen gesehen und wo sind die pareidolischen Fotos entstanden, die Lukas auf seinem Instagram-Profil hochgeladen hat?

Fazit:

Der zweite Band der Kaldan-Schäfer-Reihe ist durchweg spannend erzählt und besonders zum Ende hin sehr wendungsreich geschrieben. Mit authentischen Figuren, einen starken Plot und einer packenden Atmosphäre ist Anne Mette Hancock längst kein Geheimtipp mehr unter den skandinavischen Spannungsautoren.

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