Tödliches Netz

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • New York: G. P. Putnam’s Sons, 2000, Titel: 'The Devil´s Code', Seiten: 321, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2003, Seiten: 352, Übersetzt: Winfried Czech

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Michael Drewniok
Ein anspruchsloser, aber flotter, spannender und politisch angenehm unkorrekter Thriller

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2003

Sein enormes Fachwissen sollte Jack Morrison in den Dienst der Firma AmMath stellen, die Verschlüsselungs-Software für die US-Regierung herstellt und dabei einige Schwierigkeiten hat. Da man in seiner Person auch einen notorischen Hacker engagiert hat, ist es kaum verwunderlich, dass Morrison neugierig einen intensiven Blick auf besagte Software wirft und erkennt: Hier entsteht etwas ganz und gar Illegales. Das hätte er besser gelassen, denn Sicherheitschef St. John Corbeil fackelt nicht lange mit Schnüfflern. Morrison wird ermordet, sein Tod als missglückter Überfall eines bewaffneten Datendiebes ausgegeben. Er ist nicht der erste Pechvogel seiner Branche, der auf diese Weise endet.

Die Polizei ist mit AmMaths Version der Geschichte zufrieden, nicht jedoch Morrisons Schwester Lane Ward. Weil ihr das Gesetz seine Hilfe versagt, wendet sie sich an einen guten Freund und Kollegen ihres Bruders: Kidd ist Maler und vielleicht der Welt ältester Hacker. Zwar ist Lane sehr hübsch, aber Kidd schlägt vor allem ein, den Mord zu untersuchen, weil er seinen Namen auf einer Liste bekannter Hacker entdeckt hat, die vom FBI verdächtigt werden, einer radikalen Gruppe anzugehören, welche "abtrünnige", d. h. mit dem "Feind" - den Regierungsbehörden - zusammenarbeitende Netzsurfer aus dem Weg räumt. Auch dahinter steckt AmMath, um von der ungewöhnlichen "Unfallserie" im Umfeld der Firma abzulenken.

Ein Ruf als Attentäter ist schlecht für das heimliche Gewerbe, das Kidd betreibt. So macht er sich auf, in das Spinnennetz von AmMath vorzustoßen, in dem Corbeil bereits auf ihn lauert. Glücklicherweise steht Kidd nicht allein. Eine ganze Schar ebenso paranoider wie fähiger Datendiebe und anderer Weißkragen-Krimineller stellt ihre unglaublichen Fähigkeiten in den Dienst der illegalen, aber guten Sache. Vor allem aber ist da LuEllen, Kidds Gelegenheits-Lebensgefährtin, eine notorische, sehr trickreich Einbrecherin ohne moralische Vorbehalte. Trotzdem wird es eng für Kidd, denn nicht nur Corbeils Schergen sind ihnen auf den Fersen. Auch FBI und Polizei schlafen nicht - und guten Glaubens arbeiten sie AmMath in die gierigen Hände ...


Ein Roman von John Sandford ist für seine Leser stets eine sichere Sache. Hier werden solide konstruierte Thriller flott und geradlinig erzählt. Handwerkliches Geschick ersetzt Originalität, aber nie wird ein achtbares Unterhaltungsniveau unterschritten.

"Tödliches Netz" macht da (dem nichtssagenden deutschen Titel zum Trotz) keine Ausnahme. Dieses Mal verfolgen wir nicht den Kriminalpolizisten Lucas Davenport auf einer seiner Verbrecherjagden. Statt dessen haben wir quasi das Lager gewechselt - scheinbar (s. auch unten), denn obwohl Kidd gegen das Gesetz verstößt, klärt er gleichzeitig ein "richtiges" Verbrechen auf.

Wie es im modernen Thriller üblich ist, wird viel gereist. Geld spielt keine Rolle; man hat es oder verschafft es sich mit Tricks, wenn man es benötigt. Die Polizei und ähnliche Behörden werden ausgeblendet, so lange es die Dramaturgie erfordert. So können die AmMath-Schufte und Kidd ungestört einander verfolgen, sich beschießen und anderweitig das Leben schwer machen.

Wobei ein guter Teil der Jagd ganz modern online stattfindet. Damit stellt sich Sandford oft selbst ein Bein, weil nichts so rasch veraltet wie die Hard- und Software dieser Welt. Was der Verfasser redlich recherchiert hat, stellt er uns manchmal ein wenig zu detailliert vor und gibt dadurch selbst dem EDV-Halbgebildeten die Chance zu erkennen, dass diese digitalen Schlachten heute bereits etwas steinzeitlich wirken.

Kidd - ein Krimineller, der gleichzeitig die Hauptfigur eines Thrillers ist, der die möglichst breite Masse ansprechen soll. Keine leichte Aufgabe, denn das bedeutet, er darf nicht wirklich "schlecht" sein. Deshalb macht John Sandford Kidd eher zu einem unkonventionellen Charakter, der sein Glück in den gesetzlichen Grauzonen sucht und dabei (meist) keiner Fliege etwas zuleide tut. Kidd lässt nur die großen Konzerne und ähnliche Widerlinge zur Ader, denen dies nicht weh tut und die dem kleinen Mann (= dem Leser eines Sandford-Romans) das Geld aus der Tasche ziehen. Er hasst Waffen, malt schöne Bilder und dient auf seiner Weise der Gerechtigkeit, indem er seine kriminellen Fähigkeit immer wieder gegen das Böse einsetzt - ein richtiger Cowboy also und ein von den Alltagszwängen freier Mann, wie ihn das US-Volk liebt, auch wenn Kidd lieber über eine digitale Prärie reitet.

LuEllen geht einen Schritt weiter als Kidd. Weil sie 'nur' eine Nebenrolle spielt, darf sie sich unmoralischer geben als ihr Gefährte. Sandford verpackt das geschickt als quasi logische Konsequenz offenbar turbulenter und unglücklicher Kindheits- und Jugendjahre, wie er LuEllen immer wieder kryptisch anmerken lässt. In dieser Figur steckt daher trotz ihrer scheinbaren Eindimensionalität - die taffe, schöne Diebin - durchaus noch Potenzial für spätere Abenteuer.

St. John Corbeil ist einer dieser angenehm "realistischen" Schurken, mit denen uns Sandford gern konfrontiert. Allzu groß ist sowohl in der Unterhaltungsliteratur als auch im Kino das Rudel geistig beschädigter oder/und körperlich deformierter Serienkiller geworden. Sie wirken längst wie ihre eigenen Karikaturen. Doch Corbeil ist schlicht und ergreifend ein Mörder, weil er das schöne Leben schätzt, das ihm sein Verbrechertum beschert. Um es zu schützen, geht er über Leichen. So einfach ist das - und so überzeugend!

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