Kill Katzelmacher!

Erschienen: März 2020

Couch-Wertung:

80°
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Andreas Kurth
Nazi-Schergen fliehen auf der Rattenlinie in den sonnigen Süden

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2021

Martin Calsow ist den Lesern der Krimi-Couch für seine beiden Reihen um den knorrigen Bayern Max Quercher und den Westfalen Andreas Atlas bekannt. Während Quercher für das bayerische Landeskriminalamt gearbeitet hat, ist Atlas eine Ebene höher angesiedelt, beim Bundeskriminalamt aber in Ungnade gefallen. Es sollte dann mal eine Vereinigung der beiden Serien geben, daraus wurde leider nichts. Und so hat sich der Autor offenbar neue Protagonisten gesucht, die zudem in einer ganz anderen Zeit unterwegs sind.

Der amerikanische Offizier Marcus Feinstein ist in München aufgewachsen, aber 1936 zu Verwandten nach New York geflohen. Seine Eltern haben den Holocaust nicht überlebt, und Feinstein ist mit der US Army nach Deutschland zurückgekehrt. 1948 ist er immer noch in München und soll als Angehöriger der United States Constabulary, einer amerikanischen Polizeieinheit, die Rechtsauffassung der Besatzer durchsetzen. Und so wird er auch zum Tatort gerufen, als eine bizarre Puppe gefunden wird - die mit menschlicher Haut überzogen ist.

Es gibt weitere Leichenfunde, und Harald Steinmüller, einer der deutschen Polizisten, mit denen Feinstein zusammenarbeitet, findet heraus, dass es allesamt Angehörige der SS waren, die getötet wurden. Der “Häuter”, wie der Killer behördenintern genannt wird, macht München unsicher und sorgt für Angst in der Bevölkerung. Ist es ein jüdischer KZ-Überlebender, der sich rächen will? Oder steckt mehr hinter dieser grausigen Mordserie?

>>Feinstein bedankte sich bei dem kleinen Mann und steckte ihm eine Packung Camel zu.
“Eines noch, Marcus. Wenn es wirklich einer von uns ist, musst Du ihn aufhalten. Er darf nicht als Rechtfertigung für neue Gräueltaten gegen uns Juden dienen. Ich kenne da einen Rabbi in der Möhlstraße. Also, der ist etwas…”
“Zwielichtig?”, versuchte Feinstein zu helfen.
“Er ist im Devisengeschäft tätig. Er wohnt in der 23, die Geschäfte macht er allerdings in der 12. Geh in Zivil zu ihm, sag ihm herzliche Grüße vom lieben Samuel. Frag nicht nach seinen Geschäften. Frag nach jemandem, der ihm aufgefallen sein könnte. Sag ihm, es soll sein Schaden nicht sein. Und nun geh.”

Marcus Feinstein nutzt alle Kontakte und Verbindungen die er hat, um bei den Ermittlungen voran zu kommen. Und auch Steinmüller, der als früherer Wehrmachtssoldat ebenfalls viele Verbindungen - allerdings ganz anderer Art - hat, hört sich in alle Richtungen um.

Feinstein hat neben den Mordfällen auch noch private Probleme. Mit seiner Verlobten Salomea, die den Krieg in einer Pariser Dachwohnung überlebt hat, will er eigentlich nach Palästina auswandern. Nun ist aber seine Tante Regina aus New York in München. Und weder Regina noch Feinsteins Vorgesetzte wollen ihn weglassen.

Druck gibt es dann auch noch von der Polizeiführung, die die Fälle der ermordeten Veteranen geräuschlos geklärt wissen möchte. Verkompliziert wird die Lage durch die CIA, den neuen amerikanischen Geheimdienst, die sich gerade auf die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion vorbereitet.

Die Leser wissen in dieser Phase des Romans mehr als die Ermittler, weil Martin Calsow etliche schnelle Perspektivwechsel eingebaut hat. Feinstein und Steinmüller geraten mehrmals in Gefahr, und müssen sich immer wieder zusammenraufen, um ihre Erkenntnisse in einen Aufklärungserfolg umzusetzen.

“Mein Mann wurde nicht von einem Juden getötet!” Sie sagte den Satz lakonisch, es klangt wie eine Bemerkung über das Wetter.
“Wie kommen sie zu dieser Behauptung?”, fragte er leise. …
“Andere hatten bessere Gründe als Rache.”
“So? Wer denn?”
Sie schob ihn hinter die Säule, wo sie glaubte, ungestörter zu sein. “Dietrich wollte ein neues Leben beginnen. Er sagte mir, dass ihn irgendwann die Vergangenheit einholen würde. Er wollte weg.”
“Wohin?”
“Nach Südamerika.”

Durch die Aussage einer der Witwen der getöteten SS-Männer nimmt der Fall eine ganz neue Wendung. Es wird immer brisanter für Feinstein und Steinmüller, die sich nur noch gegenseitig vertrauen können, weil zu viele Beteiligte ein doppeltes Spiel spielen. US-Army, deutsche Polizei, CIA, alte Seilschaften - die Lage wird immer unübersichtlicher.

Martin Calsow gelingt es hier, vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges eine Krimi-Handlung zu entwerfen, die mehr als Spannung bietet. Seine Geschichte hat unglaublich viele Facetten, und neben den beiden Ermittlern als Hauptperson gibt es etliche Protagonisten, die stellvertretend für Menschen-Gruppen dieser Zeit stehen.

Die politische Haltung der Amerikaner zu deutschen Veteranen hat sich 1948 bereits grundlegend gewandelt. Das Bündnis mit Deutschland gegen die Sowjetunion zeichnet sich bereits ab. Und obwohl der Leser stets mehr Wissen hat als die Ermittler, versteht es der Autor perfekt, immer neue Spannung zu erzeugen. Das dramatische Finale auf der sogenannten Rattenlinie ist dann ein Sahnebonbon zum Schluss.

Fazit:

Durch seine beiden Romanreihen ist mir Martin Calsow als hervorragender Geschichten-Erzähler bekannt. Mit “Kill Katzelmacher” hat er sich nun in eine andere Zeit begeben und wieder einen ausgezeichneten Plot entworfen. Spannend, nachdenklich machend und hintergründig - und dann auch noch überaus unterhaltsam. Allerfeinstes Lesekino, wie so oft bei Calsow. Es bleibt nur eine Frage offen: Wird es mit Feinstein und Steinmüller noch weitergehen? Ich hoffe sehr.

 

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