Teufelszeug

Erschienen: Juli 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Evil Things

- übersetzt von Cornelia Röser

- TB, 352 Seiten

- Bd. 1

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Andreas Kurth
In den dunklen Wäldern Lapplands lauert überraschend der Tod

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jul 2021

Helle Mauser ist 1952 eine der ersten Frauen in der Mordkommission in Helsinki. Aber sie darf nicht in der finnischen Hauptstadt bleiben, sondern wird nach einem nicht näher beschriebenen Vorfall in das abgelegene und finstere Lappland abgeschoben. Im nicht eindeutig definierten Vierländereck zwischen Norwegen, Schweden, Finnland und der Sowjetunion liegt die Bevölkerungsdichte bei rund zwei Einwohnern pro Quadratkilometer. Die Kriminalitätsrate ist dementsprechend gering, und so hat Mauser mit ihren mürrischen Kollegen in Ivalo - im äußersten Nord-Ost-Zipfel von Finnland gelegen - kaum relevante Fälle auf dem Tisch. Da kommt ihr der Brief einer Pfarrersfrau aus dem noch kleineren und abgelegeneren Käärmela gerade recht.

Dort soll ein älterer Mann spurlos in den Wäldern verschwunden sein und seinen Enkel zurückgelassen haben. Gegen den Willen ihrer Kollegen macht sie sich auf, lässt sich von einem Lastwagenfahrer mitnehmen, der auf dem Weg in ein Holzfällerlager ist - denn öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht, ein Fahrzeug stellen ihre Vorgesetzten nicht zur Verfügung. Sie kommt bei den Pfarrersleuten Irja und Timo Waltari unter, die ihr von Beginn an merkwürdig vorkommen. Und dann nimmt das Geschehen deutlich an Fahrt auf, denn der Pfarrer und sein Suchtrupp haben zwar nicht den vermissten Erno Jokinen gefunden, dafür aber Teile einer Frauenleiche.

     “ Zu ihrer eigenen Überraschung völlig empfindungslos lief Helle die Stufen hinunter zu der Stelle, an der ein Leinensack auf dem gefrorenen Boden stand. Ein dunkelbrauner Fleck zeichnete sich darauf ab wie eine exotische Blüte. Sie deutete auf den Sack.

     ‚Ist sie da drin?‘

     ‚Ein Arm‘, sagte der Pfarrer. ‚Und ein Teil des Brustkorbs. Alles voller Blut und Schmutz.‘ Er machte eine Pause. ‚Wenn Sie nichts dagegen haben, bringen wir die sterblichen Überreste in den Schuppen.‘

     Helle sah über seine Schulter zu dem alten Holzschuppen, der sich an eine Seite des Hauses schmiegte. ‚Ja bitte, tun Sie das. Dort ist es sicher kalt genug, um die Leiche aufzubewahren. Ich brauche einen Eimer Wasser, ein Handtuch und eine Lampe.‘ 

     Die übrigen Männer aus dem Suchtrupp sahen sie lange an schweigend an.

     ‚Sie haben mich verstanden‘, sagte sie ruhig. ‚Ich muss die Überreste der Leiche untersuchen.‘ ”

Neben einem Torso und einem Arm wird auch noch der Kopf einer Frau gefunden - mit einer Schusswunde. Helle Mauser beginnt mit Vernehmungen der Dorfbewohner; unter anderem befragt sie die Schwester des vermissten Mannes. Sie findet heraus, dass Erno Jokinen dagegen war, dass sein Enkel Kalle immer wieder zum Pfarrer in die Kirche ging. Waltari und Jokinen hatten darüber einen handfesten Streit, kurz bevor der Alte verschwunden ist - da steckt möglicherweise ein Motiv des Pfarrers dahinter.

Die Kommissarin findet in mühevoller Kleinarbeit heraus, dass es sich bei der Toten um eine Offizierin der Roten Armee gehandelt hat. Im beginnenden Kalten Krieg zwischen dem Westen und dem kommunistischen Ostblock ist Lappland mit seinen unklaren Grenzverläufen ein für beide Seiten problematisches Gebiet. Helle Mauser setzt ihre Nachforschungen gegen alle Widerstände fort, und was sie herausfindet, macht die Vorfälle immer mysteriöser - vor allem, als sie eine weitere Leiche findet …

     “ ‚Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Mauser?‘

     Järvi sah sich durchdringend an.

     ‚Sie schreiben, Sie seien nicht überzeugt, dass der Pfarrer, dieser Waltari, schuldig ist. Nicht überzeugt! Was für Beweise brauchen Sie denn noch, damit Sie überzeugt sind?  Der Mann ist ein Kommunist, ein ehemaliger Terrorist, praktisch ein Attentäter.‘ ”

Die Handlung des Romans ist so düster und mysteriös wie die Gegend, in der er spielt. Nach eher moderatem Start wird durch die Funde verschiedener Körperteile richtig Spannung aufgebaut. Ivar schreibt in ihren extrem kurzen Kapitelchen sehr dialogbasiert, verzichtet auf zu viele Schnörkel drumherum. Dennoch bekommt der Leser ein gutes Gefühl für die Atmosphäre in Lappland, im Finnland dieser Tage. Helle Mauser ist die zentrale Protagonistin, aber auch Pfarrer Waltari und seine Frau werden dem Leser nähergebracht. Die Erzählperspektive wechselt zwischen Helle Mauser und Irja Waltari; dabei erfährt der Leser vieles über die Hauptfiguren, und ist der Ermittlerin zuweilen auch etwas voraus mit den Informationen - aber meistens nur für kurze Zeit.

Das letzte Drittel und die völlig unerwartete Auflösung der Rätsel aus dem dunklen Lappland bringen unerwartete Dynamik in die Handlung. Für Leser und Kommissarin war die Richtung der Ermittlungen lange völlig unklar. Aber der raffinierte Plot sorgt dafür, dass zum Ende hin richtig Tempo in die Geschichte kommt. Im hinterwäldlerisch wirkenden Skandinavien hätte man dieses Ende nun wahrlich nicht erwartet.

Fazit

Katja Ivar schafft es, nach einem Beginn im Plauderton den Leser so richtig zu packen. Der politische Rahmen, das düstere Setting, die merkwürdigen Protagonisten - das ist alles gut aufeinander abgestimmt. Nach dem dramatischen Finale ist man gespannt, welche Zukunft Helle Mauser bei der Polizei in Helsinki noch haben kann - aber da es der Start einer Reihe ist, können wir uns auf weitere Fälle der lebensklugen Kommissarin freuen.

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