Schloßgeheimnisse

Erschienen: Januar 1969

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Complete Steel“

- London : Macdonald & Co. 1969

- München : Goldmann Verlag (Goldmanns Kriminalromane K 1003). Übersetzung: Mechtild Sandberg. 157 S. ISBN-10: 3-442-26003-5

- München : Goldmann Verlag (Goldmanns Taschen-Krimi 4504). Übersetzung: Mechtild Sandberg. 157 S. ISBN-13: 978-3-442-04504-4

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Michael Drewniok
Der Archivar, der zu viel wusste

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

Seit das Finanzamt Ihrer Majestät nicht mehr davor zurückschreckt, den Adel des englischen Inselreiches zur Kasse zu bitten, muss auch Lord Henry widerwillig Cremond Ornum House, den uralten Stammsitz seiner Familie in der Grafschaft Calleshire, der Öffentlichkeit für Besichtigungen öffnen. Trotz vieler Klagen über die damit einhergehenden Belästigungen laufen die Geschäfte so gut, dass sich der Lord sogar einen eigenen Historiker leisten kann.

Dieser Osborne Meredith droht nun die Hand zu beißen, die ihn füttert: Im Archiv des Schlosses will er ein altes Dokument gefunden haben, welches eindeutig belegt, dass dem derzeitigen Schlossherrn sein hoher Titel gar nicht zusteht. Groß sind Aufregung und Zorn derer von Cremond, die natürlich nicht auf ihr Vermögen und ihre Privilegien zu verzichten gedenken. Was genau Meredith herausgefunden hat, wird allerdings ein Geheimnis bleiben: Man findet ihn mit eingeschlagenem Hinterkopf in der Waffenkammer, versteckt in einer uralten Ritterrüstung.

Inspektor Christopher Dennis Sloan und Constable Crosby von der örtlichen Kriminalpolizei sehen sich vor einem unerfreulichen Fall. Womöglich ist ein Mitglied der gräflichen Familie selbst der Täter? Als Kandidat gilt vor allem William Murton, das kaum standesgemäße schwarze Schaf, immer in Geldnöten und neidisch darüber, von der Erbfolge ausgeschlossen zu sein.

Im durchwühlten und verwüsteten Archiv findet Sloan auf einem der verstreuten Dokumente den Abdruck eines Damenschuhs, was auch die weiblichen Hausbewohner verdächtig wirken lässt. Zudem steht nach Auskunft der beiden ältlichen Tanten des Lords ein weiterer Todesfall unmittelbar bevor: Das Erscheinen des Schlossgespenstes hat ihn angekündigt, doch Sloan glaubt nicht recht an Geister ...

Vertrautes richtig gut serviert

Manchmal erlebt selbst der erfahrene Krimileser eine angenehme Überraschung: Schloßgeheimnisse ist vor Jahrzehnten in der ehrwürdigen Krimi-Reihe des Goldmann-Verlags erschienen - hinter einem sträflich reizlosen Titelbild und offenbar ohne besondere Resonanz, denn der Titel wurde seither nicht mehr aufgelegt. Das ist außerordentlich schade, denn hier gälte es eine echte Perle zu bergen.

Dabei ist Schloßgeheimnisse kein besonders origineller, an Plot-Überraschungen reicher Roman. Eigentlich lesen wir ein reichlich anachronistisches Werk: einen „Cozy“, d. h. einen jener „Kuschelkrimis“, die in einem Krimi-Märchenland spielen. Gern weit entfernt von der verderbten Großstadt auf dem Land und dort auf adligen Landsitzen oder Schlössern tummeln sich Gestalten, die von Zeit & schnöder Realität vergessen wurden: exzentrische Adlige, vornehme Butler, naiv-geschwätzige Dienstmädchen, weltfremde Pfarrer ... Die Liste kann problemlos verlängert werden.

Faule und/oder ideenarme Autoren beschränken sich darauf, diese Klischees zu pflegen. Sie können sich auf ein Publikum verlassen, welches das skizzierte Ambiente heiß und innig liebt und gar nicht genug von solchem Kuschel-Kitsch bekommen kann. Catharine Aird (geboren 1930 als Kinn Hamilton McIntosh) ist erfreulicherweise mit Talent und Ehrgeiz gesegnet. Sie beherrscht die Regeln perfekt, doch statt sich damit zu begnügen, konfrontiert sie Ornum House, diese scheinbar der Gegenwart enthobene Blase, immer wieder mit den Realitäten der Moderne (bzw. des Jahres 1969, in dem dieser Roman entstand).

Kabinettstücke gehobenen Krimi-Handwerks

Zudem verfügt Aird über die seltene Gabe echten Humors. Trügerisch spielerisch gelingen ihr dank eines perfekt beherrschten (und wunderbar übersetzten) Wortwitzes zwerchfellerschütternde Kabinettstücke knochentrockener Heiterkeit. Nie mischt sich dümmliche Fratzenschneiderei à la (deutsches) Privatfernsehen in die Handlung. Mit traumwandlerischer Sicherheit trifft Aird den richtigen Ton. Ihr gelingt das seltene Kunststück einer spannenden Kriminalkomödie, die den eigentlichen Plot - den Mord im Waffenkeller - nicht aus den Augen verliert.

Nur Gutes gilt es über die Figurenzeichnung zu melden. Wiederum schafft es Aird, ihre Protagonisten gleichzeitig weltfremd, witzig, liebenswert und glaubwürdig zu gestalten. Inspektor Sloan ist ein tüchtiger Kriminalist, dem nicht nur die Schlichen des Mörders, sondern diverse Tücken des Objekts zu schaffen machen. Zu diesen zählt auch der eifrige, aber womöglich etwas zu bodenständige Constable Crosby, der stets für eine peinliche Überraschung gut ist. Wenig hilfreich ist auch Sloans Chef, Superintendent Leeyes, der mit Kritik rasch bei der Hand ist, seinen bequemen Dienstsessel im gemütlichen Revierbüro jedoch tunlichst selten verlässt.

Hinter nur scheinbar vornehmen Mauern

Ornum House wird wie erwartet von einer erlesenen Runde seltsamer Zeitgenossen bewohnt. Das 20. Jahrhundert ist längst nicht mehr so fern wie dies dem den Idealen einer (teilweise recht zwielichtigen) Vergangenheit verpflichtete Lord Henry recht wäre. Gern wettert er über die Regierung, besonders aber über das Finanzamt. Er kennt noch die goldenen Zeiten der britischen Klassengesellschaft, als zwischen Oberschicht und Pöbel strikt getrennt wurde. Jetzt strömt letzterer durch die heiligen Hallen seiner Vorfahren. Immerhin ist die Ironie dieser Situation dem Lord durchaus nicht fremd.

Wie es sich für eine große Familie mit Geld gehört, sind sich ihre Angehörigen spinnefeind. Ornum House sichert vielen Cremonds samt Anhang den Lebensunterhalt. Auf dass dies so bleibt, sind die Betroffenen gern bereit, notfalls auch einander in die Pfanne zu hauen, was dank Airds Geschick an der Feder viele köstliche Szenen zur Folge hat.

Sogar ein Schlossgespenst gibt es. Seinen Auftritt begleiten zwei echte Originale: die steinalten Lady-Schwestern Maude und Alice, die noch dem 19. Jahrhundert entstammen. Aird läuft zur humoristischen Höchstform auf, wenn sie Sloan mit diesen ebenso zerbrechlichen wie eisenharten Aristokratinnen konfrontiert. Und das Gespenst wird im Verlauf der Handlung wichtiger, als man zunächst ahnt ...

Fazit

Kleiner, aber ausgesprochen feiner ‚Kuschelkrimi‘, der liebgewonnene Klischees (Mord im Schloss, bevölkert von kauzigen Zeitgenossen) gelungen in die Gegenwart transponiert. Der an sich simple Plot wird mit knochentrockenem Wortwitz präsentiert, der dieses Werk endgültig zum Lektürespaß adelt.

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