Der Hochsitz

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 272 Seiten

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Sabine Bongenberg
Ein sperriger Rückblick

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Aug 2021

Sanne und ihre Freundin Ulrike haben Sommerferien. Aber wer in den siebziger Jahren auf einem Bauernhof groß wurde – und möglicherweise hat sich das auch bis heute nicht geändert – der hat nie so recht „Ferien“. Denn auch die Bauern-Kinder haben ihre festen Aufgaben und das gilt auch für die Bauerntochter Sanne. Immerhin – ein paar Freiheiten gibt es doch mehr als zu Schulzeiten und so bereitet sie sich mit ihrer besten Freundin Ulrike „intensiv“ auf die bald anstehende Fußball-WM in Argentinien vor. Die beiden Mädchen interessieren sich dabei weniger für die Spieler, aber die Leidenschaft des Sammelns der Hanuta-Fußball-Bilder hat auch sie erfasst. Es ist daher ein wichtiger Sport, irgendwie die begehrten Bildchen zu ergattern. Geklebt und getauscht wird dann auf ihrem geheimen Treffpunkt, dem Hochsitz am Waldrand und hier gibt es noch viel mehr zu sehen: Wer sich auf der Straße kaum grüßt, aber hier ein Auto zum Wackeln bringt, wer hier etwas versteckt oder wer sehr ordentlich und fast schon spießbürgerlich gekleidet spazieren geht und den Fotos von den Frauen auf dem Plakat in der Post doch sehr ähnlich sieht. Sanne und Ulrike sehen viel, aber verstehen nicht alles. Einiges mehr würde die Polizei verstehen – aber natürlich hat die andere Dinge zu erledigen…

Vorurteile, Klatsch, Gehässigkeiten

Max Annas lässt seinen neuen Roman kurz nach dem Deutschen Herbst und in der Fahndungswelle der Polizei nach der zweiten Generation der RAF-Touristen spielen. Die Suche nach den RAF-Mitgliedern läuft immer noch auf Hochtouren, wer sich einen BMW gekauft hat, mag manchmal seine Entscheidung verfluchen, denn dank der Vorliebe der Bande für dieses Fabrikat dürfte er auf zahlreiche kurze Unterhaltungen mit der Polizei zurückblicken und jeder versucht irgendwie zurecht zu kommen.

Annas hat hier die Welt des damaligen ausgehenden Jahrzehnts der Siebziger in einem Wassertropfen zusammengefasst: Jeder scheint jeden zu beklauen, da macht nicht einmal die Polizei eine Ausnahme, es wird wo es geht gemaggelt und gelogen und dem Nachbarn gönnt man nicht einmal das Schwarze unter den Nägeln. Es ist kein sonderlich sympathischer Personenkreis, der hier zusammengeführt wird und da machen auch die beiden Mädchen, die regelmäßig die Klebebildchen-Sammlung ihrer Brüder um einige Exemplare erleichtern oder die Ladenbesitzerin im Ort beklauen, keine Ausnahme.

Dennoch sind auch in diesem beschaulichen kleinen Ort, der unmittelbar an der Grenze zu Luxemburg liegt, Verbrechen eingezogen, die weit über die kleinen Diebereien und gehässigen Akte zwischen den Nachbarn hinausgehen. So wird der Schmuggler Peters in der Nacht auf offener Straße erschossen, plötzlich werden Banken ausgeraubt und mehr als finstere Gestalten treiben sich plötzlich in dem kleinen Örtchen herum. Für meinen Krimigeschmack, war das alles allerdings ein bisschen viel. Hätte Annas sich auf die Idee des Klappentextes bezogen, nachdem zwei Teenager die Fotos aus Fahndungsplakaten für ihre eigenen Sammelalben verwenden und damit einen ganz besonderen Blick für Gesichter und mögliche Tarnungen bekommen, hätte sich auch mit weniger Material ein dichter Krimi verfassen lassen, der den Leser sicherlich weniger verwirrt hätte. So aber hatte ich gelegentlich das Gefühl, dass auch der Autor nicht so recht wusste, wo sich die Geschichte hin entwickeln soll. Sie spielt nämlich in vielen Schichten, die mich manchmal verwirrten und insbesondere einen Nebenstrang, der über einen herumreisenden Geschäftsmann mit eigenem Chauffeur berichtet, habe ich trotz aller Mühe nicht verstanden.

Diese Langhaarigen, die Hasch rauchen…

Dennoch sind Annas bei der ländlichen Langeweile und der Zwistigkeiten viele gute Momente gelungen. So ist das Familienleben auf dem Bauernhof des Mädchens Sanne lebensnah eingefangen; lebensecht beschrieben sind auch die vielen Vorurteile und die Meinungen der Dorfbewohner über Fremde oder Zugezogene.

Wer in der Eifel groß geworden ist, der meint manchmal, wieder seine Onkel an der Kaffeetafel reden zu hören. Auch die „Dorf-Verrückte“, die offensichtlich jedes Dorf zu bieten hatte, ist hier gut dargestellt, wenn es Annas auch nicht richtig gelungen ist, mir ihre Tätigkeiten oder Beweggründe verständlich zu machen. Durch die vielen schnellen Wechsel in der Ebene der handelnden Personen ist es auch nicht immer einfach, der Handlung im leichten Lesefluss zu folgen.

Fazit:

“Der Hochsitz“ von Max Annas zeichnet insbesondere ein Gemälde über das Denken und Agieren der Menschen eines kleinen Dorfes, das trotz aller Idylle nicht von Unschuld oder Freundlichkeit geprägt wird. Diese Menschen und ihre Motive hat Annas gut eingefangen, doch ist der Krimi, der das Gerüst der Handlung trägt für meinen Geschmack zu zersplittert und damit zu schwer zu folgen. Annas hat zweifellos viel gewollt – aber meiner Meinung nach ist nicht alles gelungen.

Der Hochsitz

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