Girl in the Night

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2022

- OT: The Night Swim

- aus dem Englischen von Richard Betzenbichler

- TB, 400 Seiten

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Sabine Bongenberg
75°

Krimi-Couch Rezension vonMär 2022

Solide Grundspannung mit ein bisschen viel Geheimniskrämerei

Rachel Krall hat sich in einem ungewöhnlichen Beruf einen Namen gemacht: Sie ist Podcasterin, führt den „Schuldig-oder-nicht-schuldig-Podcast“ mit großem Erfolg und berichtet natürlich von Gerichtsverfahren. Gerade ist Rachel auf dem Weg in das US-amerikanische Küstenstädtchen Neapolis zu einem neuen Prozess: Dem aufstrebenden, gutaussehenden Schwimmtalent Scott Blair wird vorgeworfen, die Schülerin Kelly Moore brutal vergewaltigt zu haben, als sie betrunken von einer Party nach hause ging.

Aussage steht gegen Aussage und es ist vollkommen unklar, wie die Geschworenen entscheiden werden. Rachel ist sich sicher, dass ihre Hörer von diesem Fall gefesselt sein werden. Dennoch kann sie sich dem Prozess nicht mit voller Aufmerksamkeit widmen, denn schon bei der Anreise zum Gerichtsort findet sie seltsame an sie adressierte Nachrichten, die auf einen alten Fall verweisen. Laut dem mysteriösen Briefschreiber hat sich in dem beschaulichen und harmlos wirkenden Örtchen schon einmal ein ähnlicher Fall zugetragen. Nur dass die Täter nie vor Gericht gebracht und die Tat nie gesühnt wurde. Rachel lassen die Hinweise keine Ruhe und so beginnt sie auch den „Cold Case“ zu untersuchen. Aber sie muss auch feststellen, dass nicht jedem daran gelegen ist, die schlafenden Hunde zu wecken.

Ein gewaltiges Versteckspiel

In ihrem dritten in Deutschland veröffentlichten Thriller stellt die australische Autorin Megan Goldin die Reporterin Rachel Krall in den Mittelpunkt des Geschehens. Mit ihrer markanten, einprägsamen Radiostimme und ihren einfühlsamen aber genauen Recherchen hat sie es geschafft, die sonst so drögen Prozesse regelrecht „sexy“ aufzubereiten und erfreut sich so einer großen Fangemeinde.

Dennoch ist der jetzige Prozess natürlich dazu angetan, die Lager zu spalten: Auf der einen Seite der Angeklagte: Charismatisch, selbstbewusst, erfolgreich – mit der Aussage, es habe einvernehmlicher Sex stattgefunden und seine Partnerin habe es sich nur „anders überlegt“. Auf der anderen Seite die Klägerin: Jung, unsicher, geschlagen – mit der Aussage, sie habe sich von den Avancen des Beklagten geschmeichelt gefühlt, bis das ganze in einem Akt brutaler Gewalt gekippt sei. Allein diese Konstellation erinnert an verschiedene Verfahren, die auch hier in letzter Zeit für Aufsehen sorgen und Fragen aufwerfen. Hier kommt aber noch die Besonderheit des amerikanischen Rechtssystems dazu, das sogar Minderjährige dazu zwingt, vor der Öffentlichkeit eines Gerichtssaals auszusagen und jedes auch noch so kleinste intime Detail ans Licht zu zerren.

Neben diesem ohnehin fesselnden Prozess in der Gegenwart entwickelt die Autorin eine ähnliche Konstellation in einem zweiten Handlungsstrang. Dieser liegt weit in der Vergangenheit und erzählt dennoch eine vergleichbare Geschichte: Damals waren es zwei Schwestern, die in das Visier einer Jungengruppe gerieten und die sexuelle Gewalt erfuhren. Goldin erzählt auch diese Geschichte in einem gut durchdachten Plot und das hätte für meinen Geschmack auch vollkommen gereicht. Scheinbar war die Autorin aber mit dieser Konstellation nicht zufrieden und entwickelte noch eine Besonderheit, nach der eine der seinerzeit verwickelten jungen Frauen zwar die Journalistin ansprechen, aber nicht unmittelbar in Erscheinung treten will.  Es beginnt vielmehr ein gewaltiges Versteckspiel mit Zettelchen am Auto, Botschaften, die ganz dramatisch mit einem Messer aufgespießt werden und ähnlichen Nachrichten. Ich muss ehrlich sagen, dabei verlor ich recht schnell die Geduld und war von dieser Geheimniskrämerei eher genervt.

Fazit

Megan Goldin beschreibt einen realitätsnahen Kriminalfall, in dem nicht nur ein möglicher Täter, sondern auch das amerikanische Rechtssystem auf der Anklagebank sitzt. Das Ergebnis ist ein solider Kriminalroman, bei dem einige Schleifen nicht einmal nötig gewesen wären, um die Geschichte ehrlich und glaubhaft zu erzählen.
 

Girl in the Night

, Piper

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