Das Chalet

Erschienen: Dezember 2021

Bibliographische Angaben

- OT: One by One

- aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg

- TB, 416 Seiten

Couch-Wertung:

75°
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Michael Drewniok
Betriebsausflug ohne Rückkehr

Rezension von Michael Drewniok Dez 2021

Mit einer App namens „Snoop“ ist Topher St. Clair-Bridges und Eva van den Berg ein Erfolg geglückt, der sie reich und berühmt gemacht hat. „Snoop“ ermöglicht es zu erfahren, welche Musik andere, oft prominente Teilnehmer hören. Das simple Konzept ist eingeschlagen, das Team hat sich vergrößert. Aber es gibt Probleme: Die Kosten steigen, während die Einnahmen hinterherhinken. Eva drängt zum Verkauf. Potente Interessenten würden viel Geld zahlen, doch Topher sträubt sich. Er liebt die Macht ebenso wie das Geld und will seine Entscheider-Position nicht räumen.

Während eines Treffens in einem Luxus-Chalet in den Schweizer Alpen soll entschieden werden, ob „Snoop“ verkauft wird oder unabhängig bleibt. Die sieben wichtigsten Personen der Firma kommen zusammen - und Liz, die schon seit Jahren nicht mehr zum Team gehört, aber Anteile hält und deshalb über „Snoops“ Zukunft mitentscheidet. Sie stellt das Zünglein an der Waage dar und von beiden Parteien eifrig umworben.

Im Chalet kümmern sich Erin und Danny um die betuchten Gäste, doch die sind anspruchsvoll und schwierig. Obwohl vor Lawinen gewarnt wird, besteht Topher darauf, mit ‚seiner‘ Gruppe Ski zu fahren. Dabei gerät Eva auf eine eigentlich abgesperrte Piste. Kurz darauf wird sie vermisst. An eine Suche ist nicht zu denken, denn eine Lawine trifft das Chalet. Auf Rettung wird man warten müssen, was dank ausreichender Holz- und Lebensmittelvorräte kein ernstes Problem ist. Allerdings sterben trotzdem Gäste, was den Verdacht aufkeimen lässt, dass hier jemand die Weichen für die Zukunft von „Snoop“ jenseits der Abstimmung stellt. Solange niemand zum Chalet durchkommt, muss die schmelzende Schar der Bewohner selbst klären, wer von ihnen so geschickt mordet …

Solider Krimi einer Bestseller-Autorin

Für kundige Krimi-Leser/innen ist primär von der Werbung behauptete Klasse ein Warnsignal: Hier geht es darum, vorab aufgeflackerten Ruhm zu schüren und auf das aktuelle Werk zu übertragen. Künstlicher Erfolg kann erstaunlich nachhaltig sein = dafür sorgen, dass die Werke derartig begünstigter Autor/innen prominent auf den Abverkauf-Tischen globaler Buchhandelsketten vertreten sind. Eine Qualitätsgarantie ist damit jedoch nicht verbunden.

Ruth Ware (alias Ruth Warburton, geb. 1977) gehört zu den Gewinnern dieser Schriftsteller-Lotterie. Ihr Ruhm kam keineswegs plötzlich; sie hatte die übliche Kette unterbezahlter Lohn-Jobs sowie eine Serie schmalziger „Young-Adult“-Fantasyromane hinter sich gebracht, bevor der Erfolg sich einstellte. Die Romane „In a Dark, Dark Wood“ (2015; dt. „Im dunklen, dunklen Wald“) und „The Woman in Cabin 10“ (2016; ‚dt.‘ „Woman in Cabin 10“) sorgten für den Durchbruch.

Ware schreibt „Psycho-Thriller“, die dem Seelenleben ihrer Figuren mindestens ebenso viel Raum bieten wie der ‚echten‘ Handlung. Dies kann gefährlich in die Niederungen des modernen „Lady-Thrillers“ abgleiten, der den Krimi vor allem nutzt (bzw. missbraucht), um in emotionaler Pseudo-Problematik zu schwelgen, was sich schon an der gewaltigen Seitenstärke dieser Werke festmachen lässt. Die gute Nachricht sei an dieser Stelle vorab verkündet: Ware verschont uns mit einem solchen (Mach-) Werk!

Krimi-Klassik im 21. Jahrhundert

„Das Chalet“ ist ungeachtet des nichtssagenden deutschen Titels (und des erbarmenswürdigen Reißbrett-Covers) ein durchaus klassischer Rätsel-Krimi, dessen Regeln der Ära nach dem Millennium angeglichen wurden. Um der optischen Wertigkeit willen zum Paperback aufgeblasen, präsentiert „Das Chalet“ eine zügige, nicht in die Länge gezogene Story. Ware setzt Klischees ein, ohne dies ‚literarisch‘ vertuschen zu wollen. Sie nutzt das Potenzial eines alten, weiterhin beliebten und gar nicht überholten Genres, um handwerklich geschickt ein inhaltlich spannendes und formal erfreulich auf das Geschehen konzentriertes Garn zu spinnen.

Faktisch ist das Chalet eine Variante des britischen Landhauses, in dem seit mehr als einem Jahrhundert ebenso raffiniert wie ungezwungen gemordet wird. Ware stellt sich in eine Reihe mit Agatha Christie & Co. Sie muss den Vergleich nicht fürchten, weil sie ihre Vorbilder nicht kopiert, sondern den Landhaus-Krimi als Genre studiert und sich dessen Mechanismen angeeignet hat, um ansonsten ihren eigenen Weg einzuschlagen.

Übernommen hat sie die überschaubare Gruppe potenzieller Verdächtiger, die an einem Ort isoliert sind, den sie nicht verlassen können. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten. Da ein Mörder umgeht, muss man sich selbst helfen, wobei die kollektive Unbedarftheit in der Ermittlung für zusätzliche Spannung sorgt. Ware spielt fair, weshalb sich der Mörder (oder die Mörderin) in der Gruppe verbirgt und sich erst im

letzten Drittel zu erkennen gibt bzw. entlarvt wird; der Autorin gelingt es tatsächlich, diese Entdeckung zweizügig zu abzuwickeln.

Kommunikation als Quelle absichtlichen Missverstehens

Bis es soweit ist, streut Ware großzügig Verdachtsmomente ein. Nicht nur innerhalb der „Snoop“-Truppe gibt es Querelen, auch sonst werden vergangene Geheimnisse und Verletzungen gehütet. Womöglich haben sogar Danny oder Erin, die beiden Bediensteten des Chalets, ihre Gründe, mit der ihre privilegierte Stellung rücksichtslos ausspielenden „Snoop“-Crew abzurechnen.

Letztlich kann Ware allerdings nicht mit jener Raffinesse mithalten, die Christie & Co. an den Tag legten, wenn es darum ging, ihre Schuldigen vorab durch verräterische Bemerkungen oder entsprechendes Verhalten anzukündigen, um aufmerksamen Lesern eine private Auflösung ermöglicht - eine Vorgabe des „fair play“, dem sich auch Christie verpflichtet fühlte. Ware geht vergleichsweise unbeholfen vor, sodass vor allem das krimiaffine Publikum recht bald nicht nur ahnt, wer hier für Personenschwund sorgt, und der Autorin nicht mehr auf den Leim geht, wenn diese weitere Verdachtsmomente sät.

„Das Chalet“ ist ein Roman, der Raffinesse in der Figurenzeichnung nicht benötigt. Die Protagonisten sind Figuren eines (mörderischen) Schachspiels, dessen Ausgang möglichst lange offenbleiben soll. Ware gelingt es, eine durchweg widerwärtige, aber interessante Gruppe zu präsentieren. Sie haben alle Dreck am Stecken, was die Autorin für einen langen Epilog nutzt, um das bereits restlos aufgeklärten Verbrechen durch einige überraschende Wendungen zu intensivieren.

Fazit:

Diese moderne Version eines klassischen „Landhaus-Krimis“ ist gelungen, weil hauptsächlich die Tugenden dieses Genres berücksichtigt werden, wobei Handlung und Figuren geschickt der Gegenwart angeglichen wurden. Zu monieren ist höchstens ein zu ausgewalzter Epilog, ansonsten ist „Das Chalet“ kein „Bestseller“, sondern etwas Besseres: gute Unterhaltung.

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