Das Haus in der Half Moon Street

Erschienen: November 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The House on Half Moon Street

- aus dem Englischen von Christine Gaspard

- TB, 416 Seiten

- Bd. 1 [Leo Stanhope]

Couch-Wertung:

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Michael Drewniok
Geschäfte, die über Leichen gehen

Rezension von Michael Drewniok Jan 2022

Im London des Jahres 1880 führt Leo Stanhope ein möglichst unauffälliges Leben. Er hütet ein Geheimnis, dessen Lüftung ihn umgehend ins Gefängnis bringen würde, obwohl er kein klassisches Verbrechen begangen hat - die Natur hat ihm einen in seiner Zeit fatalen Streich gespielt.

Beruflich hat der intelligente Stanhope eine Nische gefunden: Er arbeitet im Leichenschauhaus des Westminster Hospitals, wo er dem Chirurgen Hurst assistiert, wenn dieser versucht, die Todesursachen derer zu ergründen, die aus der nahen Themse gefischt wurden oder unter ähnlich verdächtigen Umständen gestorben sind.

Sooft es seine schmale Geldbörse gestattet, besucht Stanhope ein Bordell in der Half Moon Street. Dort ‚arbeitet‘ Maria, in die er sich verliebt hat. Sie soll ihr Prostituiertendasein aufgeben und seine Lebensgefährtin werden. Maria scheint nach längerem Zögern bereit zu sein, doch dann taucht ihre Leiche im Schauhaus auf: Man hat sie mit eingeschlagenem Schädel in der Themse entdeckt.

Stanhope ist am Boden zerstört, Zeit zur Trauer bleibt ihm nicht. Die Polizei verdächtigt ihn, aber Detective Ripley muss ihn auf Weisung von „oben“ freilassen. Stanhope nutzt die Gelegenheit, beginnt in eigener Sache zu ermitteln und setzt in der Half Moon Street an: Nicht nur Maria, sondern auch ein Mann namens Jack Flowers, der zu den Bediensteten des Bordells gehörte, ist auf dem Seziertisch des Schauhauses gelandet. Stanhope forscht nach - und erregt das Aufsehen des nur vorgeblich leutseligen Mr. Bentinck, dem das Bordell in der Half Moon Street gehört und der es hasst, wenn geschäftsschädigende Fragen gestellt werden …

Komplexes Verbrechen in einer rechtsarmen Zeit

Mit „Das Haus in der Half Moon Street“ startet Alex Reeve eine Serie um den Gelegenheitsermittler Leo Stanhope. In diesem Auftaktband ist er als Detektiv noch Anfänger und wird nur aktiv, weil er selbst in Verdacht gerät ein Mörder zu sein. Da die Polizei genretypisch im Dunkeln tappt, ‚muss‘ Stanhope quasi selbst zum Fahnder werden, um den Tod seiner geliebten Maria aufzuklären.

Sein Ungeschick bringt ihn immer wieder in bedrohliche Situationen, denen Stanhope durch Glück, Zufall und die Bereitschaft des Autors, sich durch die Gesetze der Plausibilität in der Handlungsführung nicht einschränken zu lassen, stets entkommt, obwohl ihm in den letzten Zeilen eines wieder einmal gewalttätig endenden Kapitels in der Regel die Sinne schwinden, weil man ihn verprügelt oder betäubt.

Als Historienkrimi bietet „Das Haus in der Half Moon Street“ solide, aber manchmal schwerfällige Kost. London als Schauplatz des Jahres 1880 bleibt die inzwischen übliche Schilderung einer Metropole, die sich nur oberflächlich zu einer modernen Millionenstadt entwickelt hat. Politik und Wirtschaft florieren für eine kleine Oberschicht und auf Kosten einer breiten Bevölkerungsschicht, die rechtlos im Elend haust und gnadenlos ausgenutzt wird. Der Tod durch Hunger, Krankheit oder Kälte ist alltäglich, und die Justiz stützt sich auf Drohung und drastische Strafe; sowohl der Aufenthalt im Gefängnis wie im Armenhaus ist gleichermaßen lebensgefährlich.

Doppelt gefangen

Als Krimi weist „Das Haus in der Half Moon Street“ Schwächen auf. Der Plot ist komplex bzw. umständlich und führt logisch oft über dünnes Eis. So sorgt - nur ein Beispiel - die absurde Spur einer mit kryptischen Buchstaben bekritzelten Bierflasche schon beim nur leidlich erfahrenen Krimi-Leser für einen Facepalm-Effekt. Gleichzeitig wird das Geschehen durch eine zweite Ebene aufgewertet, die - so jedenfalls das Kalkül des Verfassers - für zusätzliche Spannung sowie Dramatik sorgen soll.

Als Rezensent vermeidet man sog. „Spoiler“. Das ist in diesem Fall faktisch unmöglich bzw. kann als solcher nicht beklagt werden, da Reeve schon auf den ersten Seiten das Geheimnis lüftet sowie es in einem ausführlichen Nachwort thematisiert: Leo Stanhope ist „trans“ - ein Mann, der im Körper einer Frau geboren wurde. Dies sorgt nicht nur für Vorurteile; die Situation ist ernster, denn Stanhope, der sich entschieden hat als Mann aufzutreten, macht sich nach den Gesetzen seiner Ära strafbar: Mann ist Mann, und Frau ist Frau. Ansonsten gibt es nur ‚Perverse‘, die vom Gesetz verfolgt und von der Gesellschaft verdammt werden. Entlarvt würde Stanhope entweder im Gefängnis oder im Irrenhaus landen, wo er, mit Elektroschocks und Hirn- ‚Operationen‘ ‚behandelt‘ - den Verstand tatsächlich verlieren oder sterben würde.

Körperlich ist Stanhope eine Frau und vergleichsweise schwach, was immer wieder für gefährliche Zwischenfälle sorgt: Der typische Ermittler sollte fit und flink sein, was auf Stanhope sicherlich nicht zutrifft. Zudem fehlt jegliche Ausbildung oder Erfahrung, weshalb die ‚Ermittlung‘ glaubhaft holprig voranschreitet. Die Konfrontation mit dem Gegner muss Stanhope vermeiden, denn stets ist er unterlegen und bleibt (s. o.) blutend und/oder bewusstlos auf der Strecke.

Halber Krimi, halbes Drama

Im erwähnten Nachwort beschreibt Reeve seine Intention, einen Historienroman mit einer Transgender-Hauptfigur zu besetzen. Skeptisch (oder zynisch) könnte man anmerken, dass dies auch ein guter, weil aktueller Aufhänger ist. Die Transgender-Diskussion hat die breite Öffentlichkeit erreicht. Ein Krimi kann durchaus davon profitieren. Reeves Bemühen um die möglichst realitätsnahe Darstellung eines interessanten Themas wird jederzeit deutlich - aber geht er zu weit?

Reeve selbst legt den Maßstab einer Beurteilung fest: Ihm gehe es nicht um Stanhopes Weg zur eigenen Identität. Den sei er schon gegangen und wisse um sein tatsächliches Geschlecht. Im Vordergrund stehen deshalb Stanhopes Schwierigkeiten ein ‚normales‘ Leben zu führen, ohne sich zu ‚outen‘. Dem widmet Reeve viele Seiten - und widerspricht sich, wenn er im Nachwort betont, dass der Trans-Aspekt nicht im Vordergrund stehen solle. Dorthin drängt er natürlich, während der Krimi immer wieder weichen muss. Es bleibt dem einzelnen Leser überlassen, wo er oder sie die Grenze ziehen. Ist „Das Haus in der Half Moon Street“ - als Krimi eher Fisch und Fleisch, d. h. wendungsreich, aber konventionell entwickelt und aufgelöst sowie durchschnittlich spannend - aufgrund der ungewöhnlichen Hauptfigur etwas Besonderes?

Man möchte es bejahen, wären da nicht die Klischees, die Reeve auch jenseits des Transgender-Themas z. B. in der Figurenzeichnung einsetzt. Chauvinistische Unterdrückung, aus Not geborene Prostitution, Polizeiwillkür, Ignoranz sozialer Nöte etc.: Viel zu oft wird viel zu ausführlich diskutiert bzw. gebarmt und die Schlechtigkeit der intoleranten Welt beklagt. Reeve hat völlig Recht, aber er lässt dies die Handlung übernehmen, statt es in ihren Dienst zu stellen oder wenigstens zu kontrollieren. So ist es ungeachtet seiner Absicht doch der Transgender-Aspekt, der einen Roman prägt, der sonst ohne besonderen Nachhall bleiben würde.

Fazit:

Der erste Band einer geplanten Serie, die im spätviktorianischen London spielt und einen Transgender-Ermittler in den Mittelpunkt stellt, drängt aufgrund der daraus resultierenden Problematik den Krimi immer wieder beiseite. Die Weichen sind gestellt; es gilt abzuwarten, ob der Autor in den (im Original bereits erschienenen) Folgebänden besser gewichten kann.

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