Playlist

  • Droemer
  • Erschienen: Oktober 2021

- HC, 400 Seiten

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Sabine Bongenberg
72°

Krimi-Couch Rezension vonDez 2021

Das Geschäft ist die Spannung – nicht unbedingt die Logik

Es ist ein Alptraum für Eltern, aus dem es kein Erwachen gibt: Die Entführung des eigenen Kindes. Emilia und Thomas Jagow müssen diesen Alptraum jeden Tag durchleben, denn ihre 15jährige Tochter Feline wurde entführt und trotz aller Bemühungen der Polizei hat sich kein verwertbarer Hinweis, der zu dem Mädchen führen könnte, gefunden.

Dennoch – über einige wichtige Details schweigen sich Felines Eltern aus. Dazu gehört, dass Thomas Jagow seine Tochter nach deren Entführung zu sehen bekam. Sehr seltsam ist auch der Umstand, dass Felines Playlist ihrer aktuellen Lieblingssongs nach ihrem Verschwinden offenbar überarbeitet wurde. Das Mädchen könnte also immer noch am Leben sein und möglicherweise versuchen, eine Brücke zur „normalen“ Welt durch seine Lieblingslieder herzustellen.

Wer aber könnte Feline finden, wenn doch schon die Polizei im Dunklen tappt? Emilia Jagow stößt bei ihrer Suche auf den ehemaligen Polizisten, ehemaligen Journalisten, jetzt Privatermittler Alexander Zorbach, der mitsamt seiner Familie seinerzeit in das Visier eines gnadenlosen Serientäters geriet. Sie beauftragt diesen mit Emilias Suche, verkennt aber dabei zwei wichtige Umstände: Gewiefte Entführer beobachten die Familien ihrer Opfer, denn so können sie ihnen immer ein paar Schritte voraus sein und Ermittler, die mit dem Gesetz in Konflikt gerieten und verurteilt wurden, müssen irgendwann einmal ihre Haftstrafe antreten. Auch wenn sie gerade fieberhaft nach Spuren suchen, die über Leben und Tod entscheiden können…

Fitzek pro…

Pünktlich zum Ende eines Jahres erscheint der neue Fitzek und wie jedes Jahr ist die Leserschaft gespalten: Die einen sprechen von „meisterhafter Spannung“ und von einem „exzellenten Thriller“, die anderen von „Schwachsinn“ und versprechen hoch und heilig, „nie wieder einen seiner Romane in die Hand zu nehmen“. Ehrlich gesagt, kann ich beide Seiten verstehen. Für die Lektüre von Fitzeks Romanen spricht immer die atemlose Spannung, die der Autor in jedem seiner Bücher aufbaut. Sicherlich kann man vieles über ihn sagen, aber nicht, dass man sich durch die Kapitel quält. Bestechend finde ich auch immer die „Gimmicks“, mit denen die Sonderausgaben ausgestattet sind (an dieser Stelle auch ein Dank an den großzügigen Droemer-Verlag) und Fitzeks Werke zu etwas Besonderem machen – oder auch einen veritablen Spieltrieb des Autors offenbaren – so genau weiß man es nicht.
Das neue Werk weist zunächst einmal eine blutrote Einfärbung des Schnitts auf, was sicherlich aber noch nichts Besonderes ist, zumal es beim Umblättern klebt. Beeindruckt war ich aber von dem Playlist-Symbol des Buches, das sich je nach Blickwinkel in ein starrendes Auge verwandelt, auch wenn dieser Gag ahnungslose Rezensentinnen ziemlich erschrecken kann, wenn diese feststellen, dass ihre Bettlektüre sie plötzlich ungeniert angafft.

Fitzek contra…

Fitzeks Kritiker haben sicherlich dennoch nicht vollkommen unrecht, wenn sie seinen Werken recht phantastische Ideen und Entwicklungen unterstellen und auch immer wieder die Frage nach der Wahrscheinlichkeit aufwerfen. Diese Kritikpunkte sind nicht von der Hand zu weisen. Fitzek stellt aberwitzige Fallen, das Opfer tappt hinein, wälzt sich schreiend auf dem Boden und dennoch war es hinterher dann doch nicht so schlimm. Tiere werden offensichtlich sowieso im Großen und Ganzen verschont, wobei ich persönlich darum bitte, das nicht als Aufforderung zu verstehen, das im nächsten Buch zu ändern.

Natürlich muss auch der Bösewicht ein absolut durchtriebener, teuflischer Schurke sein, genau wie diejenigen, die nach ihm fahnden ebenso mit besonderen – idealerweise heldenhaften - Attributen ausgestattet sind. Leserinnen und Leser der frühen Werke können hier übrigens ein Wiedersehen mit den Helden aus „Der Augensammler“ und „Der Augenjäger“ feiern, spielen doch Alexander Zorbach und die blinde Psychologin Alina Gregoriev wieder eine wichtige Rolle.

Immerhin - die oft kritisierte Brutalität des letzten Bandes wurde meiner Meinung nach ein wenig heruntergefahren, geblieben sind Fitzeks Vorliebe für eigenartige Orte und abschnittsweise mehr als eigenwillige Organisationen. Fast schon unfreiwillig komisch fand ich in diesem Zusammenhang die Darstellung eines Sex-Discounters, wo nach Aldi-Manier so einiges feilgeboten wurde, wenn auch sicherlich der Ausgang alles andere als lustig war. Gewöhnungsbedürftig ist auch, dass jedes Kapitel aus der Sicht einer anderen Person erzählt wird und die damit verbundenen Sprünge erst nach mehreren Kapiteln nachvollziehbar sind. Vorhersehbar ist dagegen alsbald, dass jedes Kapitel – ob lang oder kurz – mit einem Cliffhanger endet. Fitzek kann aber auch mit einfachen Worten berühren, wenn von einem arglosen Opfer ausgesagt wird, dass seine Welt „Berechnungen, Züge und Antriebssysteme waren“ und ihm die Boshaftigkeit eines Psychopathen fremd sein musste.

Passt eine Playlist zu einem Thriller?

Mit dem neuen Weg der Krimierzählung – der Playlist – die gleichsam mit dem neuen Werk veröffentlich wurde, tat ich mich dagegen schwer. Mir drängte sich der Verdacht auf, dass hier der Leser mit einer geschickten Vermarktung gleichzeitig zum Kauf der passenden CD beworben werden musste und ehrlich gesagt, war mir als Nicht-Technikerin und wenn auch nicht als Neanderthalerin – so aber vielleicht als Cro-Magnon-Frau – des Internets teilweise nicht klar, wie und warum das mit der Playlist funktioniert. Dazu kam auch, dass die Rätselauflösungen in meinen Augen gelegentlich an den Haaren herbeigezogen waren.
Dennoch lässt sich „Playlist“ auch gut lesen, ohne dass die aufgeführte tatsächliche Playlist erworben oder gestreamt wird. Lesenswert war auch mal wieder Fitzeks Danksagung am Ende des Buches und damit verbinde ich auch meinen persönlichen Dank, dass sich der Autor nicht als Songwriter versucht hat.

Fazit

Literatur hin oder her – einmal im Jahr gönne ich mir den neuen „Fitzek“. Das ganze Jahr über leben wir vernünftig, zählen Kalorien und achten auf Cholesterinwerte und Weihnachten gibt’s Glühwein, Gänsebraten und die gute Schokolade mit dem Glöckchen. Wenn schon unvernünftig – dann eben so richtig.

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