Betongold

Erschienen: September 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 240 Seiten

Couch-Wertung:

80°
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Jörg Kijanski
Mehr München, weniger Krimi – Empfehlenswert!

Rezension von Jörg Kijanski Okt 2021

Josef Frey, Martin Schanninger und Matthias Hinterkammer sind beste Freunde seit Kindheit an. Der Sepp, der Schani und der Hias; so war es damals. Während der Sepp Ermittler bei der Mordkommission wurde, entwickelte sich der Shani vom fleißigen Arbeiter zum windigen Immobilienhai und der Hias wollte einfach nur die Welt sehen. So lernte er auf Haiti seine Frau Monique kennen und eröffnete mit ihr – daheim in Giesing – „Moni’s Eck“; seitdem das heimliche Wohnzimmer der Freunde. Nach dem Tod seiner Frau ist der Hias plötzlich der Moni und der Sepp inzwischen der Smokey.

Smokey leidet an „dem Russen“ namens Morbus Bechterew und versucht diesem mit einer Cannabis-Therapie zu begegnen, daher sein neuer Spitzname. Sein Blick, der Krankheit geschuldet, richtet sich zunehmend abwärts. Auf den Münchner Boden der ebenso dreckig wie teuer ist und wo er nun, in einer Grube liegend, den Shani sieht.

Zum Frühstück ein Bier, ja wo sind wir denn. Einerseits. Aber andererseits stirbt nicht jeden Tag ein Mensch, mit dem man sechzig Jahre seines Lebens verbracht hat. Außerdem ist der Smokey endlich nicht mehr Frührentner, sondern mit sechsundsechzig staatlich anerkannter Vollzeitrentner, da darf es schon einmal ein bissl mehr sein. Zumindest für den Smokey, als Beamter mit einer satten Pension. Der Moni, ein Wirt, der beim Corona nur noch selten Wirt sein darf, der wird immer arbeiten. Arbeiten müssen, bis er in die Grube kippt, aber das will der Smokey jetzt nicht sagen. In der Grube liegt ja schon der Schani.

Auch wenn sich die drei Freunde zuletzt nicht mehr ganz so gut verstanden, Shanis gewissenlosem Ehrgeiz als Spekulant und Immobilieninvestor geschuldet, so trauert der Smokey doch um seinen Freund und will wissen, was passiert ist. Bald findet er heraus, dass Schani mit dem noch zwielichtigeren Clemens Pottner dubiose Geschäfte abgewickelt hat; wenig später ist auch dieser tot.

Die Spannung ist mäßig, die Milieustudie gut und der Schreibstil reißt es endgültig raus

Tanja Weber legt mit „Betongold“ einen bemerkenswerten, ja, Kriminalroman vor, der über weite Strecken ohne Krimiplot daherkommt. Man schwelgt in Rückblicken oder Erinnerungen und erhält – erst spät – Einblicke in die Münchener Immobilienszene, in der es – wie inzwischen fast jeder Großstadt – sehr viel zu verdienen gibt. Das Geld liegt auf der Straße, der Schani hat es früh erkannt und wollte letztlich doch zu hoch hinaus. Der Moni und der Smokey sind auf dem Boden geblieben, haben dabei ihre eigenen Päckchen zu tragen. Das „Eck“ wirft schon lange keinen Gewinn mehr ab und der Smokey lebt allein, da seine geliebte Gabi ihn verlassen hat, da er als Polizist, der er bis zu seiner Frühpensionierung vor fünf Jahren war, nur selten zuhause war. Jetzt lebt die Gabi beim Klausi am Tegernsee; man versteht sich immer noch bestens. Den Moni tröstet derweil die inzwischen erwachsene Tochter Aymée, die ihrer hübschen Mutter sehr ähnelt und seit kurzer Zeit mit Tahiil aus Somalia zusammen ist.

Wie der Schani in der Baugrube liegt. Die er selbst gegraben hat. Dass es natürlich ein Unfall sein kann, er ist gestolpert, im Dunkeln mit seinen Cowboystiefeln ausgerutscht oder über einen Stein gefallen. Kann schon sein. Einerseits. Andererseits ist der Schani in seinem Leben über tausend Baugruben gestolpert, auch in den Stiefeln und nicht immer ganz nüchtern, und nie ist etwas passiert.

In den Mikrokosmos der Freunde und ihres familiären Anhangs entführt uns Tanja Weber ebenso intensiv wie in die Umgebung Giesings. Der Ostfriedhof ist ebenso zu erwähnen wie die Tegernseer Landstraße, die 60er Löwen und selbstredend die gute alte Zeit. Die Sprache ist bayrisch, jedoch kaum Dialekt, dafür jede Menge Artikel vor den Namen. „Gib a Ruh“ sagt man dem Smokey, doch der will wissen, ob es ein Suizid, ein Unfall oder gar ein Mord war. Gelegentlich fließen kleinere Gespräche, die einen Einblick in die Immobilienszene geben und zu möglichen Hintergründen von Schanis Tod, in die Handlung ein. Die Spannungskurve bleibt folglich konstant niedrig, doch der lakonische, von Melancholie geprägte Erzählstil sorgt dafür, dass man die knapp 240 Seiten in einem Rutsch durchlesen möchte. Spannung, sehr stark reduziert, die dennoch oder gerade deswegen aus der Masse hervorsticht.

Fazit:

Ein etwas anderer Krimi, den man vorsichtshalber vorab anlesen sollte. Wem es gefällt, der sollte sich dem Smokey/Sepp, dem Schani, dem Moni/Hias und dem Bechterew stellen. Klasse Unterhaltung!

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