Das Geheimnis des Schneemanns

Erschienen: September 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The Case of the Abominable Snowman

- aus dem Englischen von Michael von Killisch-Horn

- HC, 288 Seiten

Couch-Wertung:

95°
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Michael Drewniok
Familientragödie mit bekiffter Katze

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2021

Im Winter des Jahres 1940 erhält Georgia, Gattin des Privatdetektivs Nigel Strangeways, einen Brief ihrer exzentrischen Cousine Clarissa Cavendish. Diese lebt im Dower Haus, gelegen in der Grafschaft Chelmsford beim Weiler Easterham Village. Dort ist sie Nachbarin der Familie Restorick, die seit Urzeiten auf Easterham Manor residiert. Als alte Freundin des Hauses glaubt Clarissa, dass dort Merkwürdiges vorgeht, weshalb sie sich an ihre Cousine und deren Ehemann erinnert.

Die Strangeways sind neugierig und besuchen die Verwandte. Die schleust den Detektiv kurzerhand als Parapsychologen in Easterham Manor ein, denn dort soll ein vor drei Jahrhunderten unter mysteriösen Umständen verstorbener Bischof umgehen. Diese Spukgeschichte gerät jedoch rasch in Vergessenheit, als am Morgen nach Strangeways Ankunft Elizabeth, die lebenslustige Schwester des Hausherrn, erhängt in ihrem Zimmer entdeckt wird.

Strangeways - der sich als Detektiv ‚outet‘ - stellt fest, dass Elizabeth ermordet wurde. Chief Constable Dixon sowie Detective Inspektor Blount von Scotland Yard bestätigen den Verdacht. Da Easterham Manor aufgrund heftigen Schneefalls quasi von der Außenwelt abgeschnitten ist, muss der Mörder eine/r der derzeitigen Hausbewohner sein. Um den Skandal zu begrenzen, bittet die Polizei Strangeways um seine Mitarbeit bei der Fahndung.

Hereward Restorick leidet unter Geldnot, sein Bruder Andrew missbilligte den lockeren Lebenswandel der Schwester. Auch die Gäste hüten manches verdächtige Geheimnis. Vor allem der aalglatte Dr. Bogan sorgt für Misstrauen, aber nicht nur er lässt sich einfach nicht festnageln. Erst das späte Ende des Winters sorgt auf bizarre Weise für die Lösung des Rätsels …

Die klassische Petrischale des Verbrechens

Mit dem siebten Band seiner erfolgreichen Serie um den Ermittler Nigel Strangeways legte Autor „Nicholas Blake“ (alias Cecil Day-Lewis, 1904-1972) einen jener lupenreinen „Landhaus-Krimi“ vor, die in der großen Zeit des englischen Whodunits berühmt und beliebt wurden. Das Rezept ist ebenso simpel wie bewährt: Man nehme eine Reihe möglichst unterschiedlicher Charaktere und sperre sie an einem Ort ein, dem sie nicht entkommen können. Easterham Manor ist der diesbezüglich ideale Hort für unterdrückte Triebe, unerfüllte Sehnsüchte und tödliche Rache, weil er so einsam gelegen ist, dass sich die Täterin/der Täter aus den Reihen der Anwesenden rekrutieren muss.

Wir lernen sie im Laufe der Ermittlung kennen, denn sie werden ausgiebig befragt. Autor Blake sorgt dafür, dass dabei der Verdacht stetig wächst, aber nie auf eine bestimmte Figur fixiert werden kann. So verlangt es das Genre, bis der den Lesern in die Augen gestreute Sand im Rahmen eines „Großen Finales“ aus den Augen gespült wird: Alle potenziellen Verdächtigen werden versammelt, und der Ermittler - hier Nigel Strangeways - listet noch einmal auf, was geschehen ist, trennt dabei Fakten, Lügen und falsche Theorien und enthüllt schließlich die Wahrheit, was dramatisch in der Entlarvung der oder des Schuldigen gipfelt.

In diesem Punkt schlägt Blake allerdings einen Sonderweg ein; nicht grundlos gilt er als einer der Großmeister des Rätsel-Krimis. Er unterstreicht es durch eine Auflösung, die das Geschehen einleitet: Das erste Kapitel spielt Monate nach der Ermittlung, bricht aber ab, bevor das Schicksal - buchstäblich! - das Gesicht des plötzlich offenbarten Opfers enthüllt ist. Danach setzt die eigentliche Geschichte ein, die nun ihren klassischen Ablauf nimmt, bis Blake den einleitend ausgelegten Faden - der sich uns Lesern eher als Schlinge darstellt - im besagten Finale wieder aufgreift, um es auf diese Weise durch einen besonders schockierenden Moment zu bereichern.

Harte Zeiten für weiche Müßiggänger

Nicholas Blake gehört nicht zu den Autoren, die zur Förderung einer erst später dem Genre übergestülpten Nostalgie-Stimmung die Gegenwart ausblenden. Dass sich Großbritannien im (Zweiten) Weltkrieg befindet, kommt mehrfach zur Sprache; die staatlich verordnete Verdunkelung fließt sogar in das Mordgeschehen ein. Auch sonst befindet man sich auf der Höhe der Zeit, was selbst der überaus traditionsbewusste Hereward Restorick bestätigen muss: Die Zeit des reichen, von Steuern verschonten Landadels sind vorbei. Das ‚standesgemäße‘ Residieren auf einem Landgut, das von unzähligen Bediensteten in Schwung gehalten wird, kostet Geld, das ‚man‘ - auch kriegsbedingt - nicht mehr hat.

Bei näherer Betrachtung verflüchtigt sich natürlich auch der sorgfältig gewahrte Schein gesellschaftlicher Klasse. Die Restoricks sind ratlose, im Leben gescheiterte Existenzen: das böse Wort „Inzucht“ fällt mehrfach. Nach Kräften bemüht sich Hereward um ein Renommee, das aus einer längst untergegangenen Vergangenheit übernommen wurde: Niemals darf ein ‚ehrbares‘ Haus in einen Skandal verwickelt werden! Dies bedeutet ein gesellschaftliches Aus, das ein finanzielles Scheitern tief in den Schatten stellt. Der Ruf steht für den Adel über allem. Ist er ruiniert, folgt die Verstoßung aus jenem elitären Kreis, in den man hineingeboren wurde.

Erwartungsgemäß sorgt Blake dafür, dass genau diese Saite eifrig gerührt wird. Hat Hereward - womöglich angestiftet durch seine allzu lebenstüchtige Gattin - aus Habgier die Schwester umgebracht, um an ihr Erbe zu kommen? Trachtet er womöglich auch Andrew nach dem Leben? Hat die verstorbene Elizabeth die Verlobung mit dem Schriftsteller Will Dykes gelöst, der sich daraufhin rächen wollte? War die eifersüchtige ‚Freundin‘ Eunice Ainsley die Täterin? Steckt doch Dr. Bogan, der Elizabeth wegen eines mysteriösen ‚Nervenleidens‘ behandelte, hinter dem Verbrechen?

Das Stochern im Nebel (bzw. Schnee)

Nigel Strangeways ist der klassische Ermittler in Reinkultur - nur der Wahrheit verpflichtet, aber keiner polizeilichen oder juristischen Institution untergeordnet. Deshalb ziehen ihn die Verdächtigen eher ins Vertrauen als DI Blount, der für eine offizielle Untersuchung des Falls steht, der vor Gericht kommen und damit an die Öffentlichkeit geraten wird - eine Schreckensvorstellung, die auch redliche Bürger schweigen lässt, wo sie lieber reden sollten.

Strangeways ist in beiden Lagern daheim. Über seinen Onkel, der bei Scotland Yard einen hohen Posten bekleidet, steht er mit den ‚Profis‘ auf vertrautem Fuß. Selbst ist er - zudem Oxford-Absolvent - gut bzw. hoch genug im starren Gesellschaftssystem verankert, um vertraut mit Adligen und ihren Dünkeln umzugehen. Dies gilt auch für Gattin Georgia, die als Weltreisende und Schriftstellerin einen Ruf genießt, der weitere Türen öffnet.

Mit der sexuellen Umtriebigkeit der verstorbenen Elizabeth geht Blake vergleichsweise offen um. Zwar lässt er dahinter ein Trauma als Ursache auftauchen, doch letztlich war er eingebunden in ein moralisches Umfeld, das er nicht unbedingt mit seinen Brot & Wein in seinen Haushalt bringenden Kriminalromanen vor den Kopf stoßen wollte. Nichtsdestotrotz thematisierte er die zeitgenössische Drogenkultur, die als Problem durchaus erkannt wurde. Letztlich ist die Ursache hinter dem Verbrechen selbstverständlich komplizierter = für die zum Miträtseln aufgeforderten Leser überraschender: Blake behält die Nase vorn!

Fazit:

Der siebte Band der Nigel-Strangeways-Serie ist ein klassischer „Landhaus-Krimi“, der die Abfolge von Tat - Ermittlung - Aufklärung auf den Kopf stellt. Ungeachtet der winterlichen Einsamkeit des Tatorts bleibt die Gegenwart (des Jahres 1940) nicht ausgespart: ein ausgezeichneter Krimi-Klassiker hat - zudem hervorragend übersetzt und schön aufgemacht - endlich seinen Weg nach Deutschland gefunden!

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BEHIND THE DOOR
Raum. Tat. Rätsel.

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