Der kalte Glanz der Newa

Erschienen: September 2021

Bibliographische Angaben

- OT: City of Ghosts

- aus dem Englischen von Peter Hammans

- TB, 384 Seiten

- Bd. 1 [Die Leningrad-Trilogie]

Couch-Wertung:

80°
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Michael Drewniok
Rachemelodie wird blutig in den Schnee geschrieben

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

1951 bricht der gefürchtete russische Winter bereits Ende Oktober an. Hoher Schnee hätte bald die fünf Leichen verdeckt, die außerhalb der Großstadt Leningrad an einer Bahnlinie gefunden werden: Drei Männer und zwei Frauen liegen an oder auf den Schienen. Ihre Gesichter und Zähne sind zerschlagen, die Hände abgeschnitten, um eine Identifizierung zu verhindern. Darüber hinaus zeigen die Körper weitere Verstümmelungen sowie die Spuren erzwungenen Verhungerns.

Da der psychotische Diktator Stalin gerade wieder eine ‚Säuberungswelle‘ durch ‚sein‘ Sowjetreich rasen lässt, geht der Fall nicht an die Polizei; die lokale Dienststelle wurde wegen „Verrats“ kollektiv verhaftet. Deshalb ruft man die Leningrader Volksmiliz, die sich unwillig an die Arbeit macht. Weil Hauptmann Lipuchin meist betrunken ist, übernimmt Leutnant Revol Rossel die eigentliche Ermittlungsarbeit.

Die Panik ist groß, als eines der Opfer sich als Mitglied des gefürchteten Ministeriums für Staatssicherheit entpuppt. Hier laufen die Fäden des Terrors unter dem stellvertretenden Ministerpräsident Beria zusammen, der nur Stalin unterstellt ist. Hat das MGB unliebsame Mitarbeiter/innen liquidiert? Wird man Lipuchin und seine Leute als Sündenböcke in eines der zahlreichen Lager verschleppen?

Doch Beria selbst signalisiert aus Moskau, dass tatsächlich ermittelt werden soll. Dass dies kein Gunstbeweis ist, wird Rossel klar, als er einem Komplott auf die Spur kommt, das bis in die obersten Ränge der Sowjetdiktatur reicht. Hier sitzen Männer, deren Macht keine Grenzen kennt. Offenbar soll Rossel herausfinden, ob man ihnen auf die Schliche kommen könnte, bevor man auch ihn endgültig verschwinden lässt …

Realität verschwimmt in der Legende

Je tiefer historische Ereignisse in der Vergangenheit verschwinden, desto wertungsneutraler und unbefangener nähern sich ihnen die Nachgeborenen. Sie fühlen sich nicht betroffen von überlieferten Scheußlichkeiten, was es erleichtert, mit diesbezüglichen Fakten zu ‚spielen‘: Sie werden verdichtet und überhöht, bis sie als Klischees und Stereotypen der populären Unterhaltung enden.

Ben Creed“ - hinter dem Pseudonym verbirgt sich eher notdürftig das Autorenduo Chris Rickaby und Barney Thompson - haben mit „Der kalte Glanz der Newa“ keinen ‚Tatsachenroman‘ geschrieben; dies wird im Nachwort ausdrücklich angesprochen. Creed pickt aus der Real-Historie heraus, was dem Lektüre-Vergnügen dienen könnte.

Die Sowjetunion als (kommunistische) Hölle auf Erden ist ein quasi generisches Thema für düstere Thriller. Solange sie bestand - d. h. bis Ende 1991 - war sie als US-präsidental ausgewiesenes „Reich des Bösen“ ein dankbarer Spielplatz für heiße Gefechte in einem global nur mühsam „kalt“ gehaltenen Krieg. Vor allem Agenten lieferten sich ein Jahrzehnte währendes Katz-und-Maus-Spiel, dessen Regeln die Zeitgenossen dank Buch, Film und Fernsehen ‚kannten‘. Vom Zusammenbruch der UdSSR erholte sich der Polit-Thriller nur allmählich; die „towel heads“ rückten nach.

Die Wahrheit als Knetmasse

Als der Historien-Roman seinen Siegeszug antrat, gerieten die sozialistische Frühzeit (sowie die Ära der Zaren) verstärkt ins Visier emsiger Autoren. Russland und die Sowjetunion sind ein Schlaraffenland für Garne, die vor dem Hintergrund monumentaler Tragödien erzählt werden sollen. Von Beginn an war Terror das Primär-Instrument sozialistischer ‚Staatsführung‘, die weniger technische oder naturwissenschaftliche Höchstleistungen, sondern Leichen in achtstelliger Größenordnung produzierte.

Josef Stalin (1878-1953) stieg zum Erz-Bösewicht auf. Er wird heute Unholden wie Hitler, Castro oder Blofeld zur Seite gestellt, die in Buch und Film ein Nach- und Eigenleben entwickelt haben. Sie müssen nicht einmal selbst auftreten, denn wirkungsvoller ist die Schilderung des Schreckens, den sie verbreiten. So wurzelt auch der Unterhaltungsfaktor von „Der kalte Glanz der Newa“ zum Großteil in einschlägigen Bildern. Creed schwelgt förmlich in der Schauerstimmung, die durch Unterdrückung, Bespitzelung, Willkür und Angst bestimmt wird; notorisch schlechtes Wetter, bröckelnde Architektur und Alkoholmissbrauch unterstreichen das Elend.

Wirft man einen nüchternen Blick auf den eigentlichen Plot, verflüchtigt sich die ‚Realitätsnähe‘. Auch jenseits des „Eisernen Vorhangs“ tücken nach Creed ebenso geniale wie irrsinnige Lumpen, die nicht ‚nur‘ in Serie morden, sondern einen unglaublichen Aufwand treiben, um ihre Taten möglichst publikumswirksam auszustellen. Dass man als Schlächter besser unter dem Radar des Gesetzes agiert, ficht solche Finsterlinge nicht an; sie sind Phantasiegestalten und unterliegen als solche einer eigenen ‚Logik‘.

„Kalt“ = „unbarmherzig“

Zum (manchmal aufdringlich) melancholisch-melodramatischen Unterton passt eine Witterung, die Düsternis und Kälte des sowjetrussischen Alltags widerspiegeln soll. Überall lauern Denunzianten, und stets können die Schergen der ‚Staatssicherheit‘ an die Tür hämmern, um willkürlich angelegte Verhaftungslisten abzuarbeiten, indem sie in der Regel Unschuldige verhaften, foltern, in GULAGs schicken oder hinrichten. Über allem schwebt unsichtbar, aber bedrückend Stalin, der in seinen letzten Jahren in moribunder Wut zur Terror-Jagd auf „konterrevolutionäre“ Ärzte und Juden aufrief.

Natürlich ist die Hauptfigur ein Ritter von betont trauriger Gestalt. Revol Rossoms Familiengeschichte ist tragisch, und als Musiker = reiner Tor ist er dem System ins offene Messer gelaufen. Er wurde buchstäblich zerbrochen, hat zwar überlebt, gilt aber weiterhin als ‚verdächtig‘ und versucht wie seine Mitbürger zu überleben, ohne die Aufmerksamkeit des Regimes zu erregen.

Autor Creed sorgt dafür, dass genau dies misslingt, was erwartungsgemäß die Handlung in Gang hält. Der Plot ist wie schon angedeutet eher spektakulär als plausibel, aber nach langsamem, abschweifendem Auftakt wird er konzentriert entwickelt, wobei Tempo und Spannung anziehen, bis im es Finale ein wenig zu theatralisch wird.

Allegorische Kraftübungen

Creed will nicht ‚nur‘ unterhalten, sondern auch an eine Vergangenheit erinnern, in der „Staatsterror“ keine Drohung, sondern Wirklichkeit war. Über daraus resultierende Stimmungs- bzw. Gruselbilder hinaus versucht Creed den Wahn des Zentral-Schurken als Folge bedrückender, buchstäblich in den Irrsinn treibender Kriegserlebnisse zu ‚erklären‘. Er greift dabei auf die „900 Tage von Leningrad“ zurück: Zwischen September 1941 und Januar 1944 hielten nazideutsche Truppen die Stadt umzingelt und verhinderten die Versorgung der Bewohner, von denen wohl mehr als eine Million an den Folgen des Hungers starben.

Die kriminelle Verrohung des Sowjet-Regimes will Creed steigern, indem er die Politisierung der Kunst - hier der Musik - nicht nur beschreibt, sondern auf die Spitze treibt und ein Verbrechen entwirft, das sich so nur unter den geschilderten Umständen ereignen kann sowie die Allgegenwart des Terrors symbolisiert.

Fazit:

Wirklich Neues kann Creed nicht bieten, doch er spinnt sein Garn routiniert, sorgt für Stimmung und Spannung, zeichnet interessante Figuren - und lässt genug lose Enden für eine Fortsetzung: „Der kalte Glanz der Newa“ - der Originaltitel klingt ebenso matt - ist Teil 1 der „Leningrad-Trilogie“, die bereits fortgesetzt wurde.

Der kalte Glanz der Newa

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