Des Kummers Nacht

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

- Broschur, 624 Seiten

- Bd. 1 [Von der Heyden ermittelt]

Couch-Wertung:

65°
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Thomas Gisbertz
Historisch präzise, aber auf Kosten der Spannung

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Sep 2021

Berlin, 1855: Wilhelm von der Heyden steht kurz vor dem Abschluss seines Jurastudiums, als er Zeuge einer Explosion wird. Die Fenster der gegenüberliegenden Wohnung sind zerstört, eine Frau hängt leblos im Zaun. Um ihr zu helfen, eilt er an den Unglücksort – und gerät selbst in Verdacht. Der Wachtmeister hat sein Urteil schon gefällt, der Chef der Kriminalpolizei ist jedoch von Wilhelms Beobachtungsgabe begeistert und stellt ihn ein. Talentierte neue Mitarbeiter werden in der noch jungen preußischen Ermittlungsbehörde dringend benötigt. Doch Fingerspitzengefühl ist gefragt, denn bald schon führen die Ermittlungen Wilhelm und seine Kollegen in die höchsten Kreise ...

Diplomatische Verwicklungen

Bei der Toten handelt es sich um Gräfin Beatrice Wassilko von Kerecki. Die Österreicherin war in Wien als angehende Malerin bekannt, die in Berlin ihre Ausbildung fortsetzen wollte. Die Kereckis stammen ursprünglich aus der Bukowina und sind ein altes, sehr bedeutsames Adelsgeschlecht. Auch der Verlobte des Opfers, Josef Baron Holly auf Mersdorf, ist ebenfalls Spross einer Adelsfamilie und besitzt als Industrieller auch eine Zinkgrube in Österreich-Schlesien. Nun fehlt von ihm aber jede Spur. Eine tote Österreicherin und ein vermisster Österreicher: Es droht ein diplomatischer Albtraum. Wilhelm von der Heyden, der über ein fotografisches Gedächtnis verfügt, und sein Freund Johann Schmidt, ein angehender Arzt, werden Teil des in diesem Fall ermittelnden Polizeiteams. Beide ahnen noch nicht, mit welchem Gegner sie es zu tun bekommen.

Historische Krimireihe

Der gebürtige Sachse Ralph Knobelsdorf studierte zunächst Philosophie, Jura und Geschichte mit dem Schwerpunkt Deutschland im 19. Jahrhundert. Nach Tätigkeiten in Werbe- und Internetagenturen arbeitet er gegenwärtig in einem Unternehmen der IT-Branche. Mit Des Kummers Nacht legt er sein Debüt als Autor historischer Kriminalromane vor.

Knobelsdorf ist ein bekennender Liebhaber der BBC-Fernsehserie Downton Abbey: „Diese wunderbare Mischung aus historischen Ereignissen, gepaart mit der Geschichte einer Familie, hat mich beeindruckt und inspiriert. Mir schwebte schon lange vor, eine Art Familiensaga zu schreiben. Da ich aber auch Kriminalromane liebe und mich Sherlock Holmes schon früh begeistert hat, verbanden sich bei der Idee für einen eigenen Roman diese beiden Elemente: Familiendramen und Kriminalfälle vor der historischen Kulisse des 19. Jahrhunderts“.

Für die Reihe um den studierten Juristen Wilhelm von der Heyden, bei der insbesondere die Frühzeit der Berliner Polizeiarbeit in den Mittelpunkt rückt, sind bereits mehrere Fortsetzungen geplant.

Chronist der Zeit

Eines muss man Autor Ralph Knobelsdorf zugestehen: Ihm gelingt ein herausragend gut recherchierter und bis ins Detail faszinierend konzeptionierter Roman. Die Akribie, mit der der Autor vorgeht, ist mehr als beeindruckend. Knobelsdorf legt viel Wert auf die Nebenhandlungen und deren Figuren. Diese sind nicht nur fiktive Charaktere, sondern es gibt zahlreiche historische Persönlichkeiten wie Otto von Bismarck, seinerzeit preußischer Gesandter am Bundestag in Frankfurt, den russischen Botschafter Freiherr von Budberg oder den Chef der Berliner Kriminalpolizei, Dr. Wilhelm Stieber, die der Autor literarisch einarbeitet. Des Weiteren nimmt sich Knobelsdorf viel Zeit, familiäre Strukturen darzustellen. Es gibt wohl kaum einen Kriminalroman, der so genau die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse Berlins in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf geschichtlich derart präzise Weise darstellt. In der Tat nimmt der Autor den Leser mit auf eine Reise durch das Berlin im Jahr 1855. Knobelsdorf beschreibt eine faszinierende Zeit des wissenschaftlichen, medizinischen und technischen Aufschwungs. Zu empfehlen ist auch die Website des Autors, auf der man sich vertiefend über die Zeit, die in ihr handelnden Menschen und die Figuren des Romans informieren kann.

Leider etwas zu viel des Guten

Den einen Leser wird der Erzählstil Knobelsdorf begeistern. Fasziniert wird er in die Welt Wilhelm von der Heydens eintauchen. Aber es wird auch Leser geben, die von der Fülle an Informationen nicht nur überfordert sind, sondern diese Art des Schreibens als anstrengend und störend empfindet werden. Es interessiert nicht jeden Krimileser die Stammbäume sämtlicher Adelsgeschlechter, die gesellschaftlichen Verhältnisse bis ins kleinste Detail oder jede noch so interessant klingende Anekdote zu erfahren.

Dies gilt insbesondere für die historischen Figuren. Hier wirkt der Roman oftmals wie ein Sachbuch bzw. eine Sammlung zeitgeschichtlichen Wissens, das aber für den eigentlichen Kriminalfall kaum von Belang ist. Die Unsumme an zeitgeschichtlichen Fakten, Hintergründe und Personen machen es schwer, die durchaus interessante Geschichte um den besonderen Charakter des Wilhelm von der Heyden zu folgen. Die Spannung geht dadurch verloren und die eigentliche Handlung wird immer wieder unterbrochen. Wer sich weniger für den geschichtlichen Hintergrund interessiert, für den wird der Einstieg in die neue Krimireihe leider eine zähe Angelegenheit.

Fiktion oder Wahrheit?

Die Protagonisten des Romans wirken in ihrer Darstellung hölzern und zu wenig authentisch. Dies mag daran liegen, dass der Autor mit ihnen zu sehr Figuren der Zeit darstellen wollte, anstatt aus ihnen individuelle Charaktere zu machen. Die beiden Hauptfiguren von der Heyden und Schmidt ragen kaum noch aus dem Menge der unzähligen fiktiven Figuren und historischen Persönlichkeiten heraus.

Der Roman verfügt zusätzlich noch über einen 23-seitigen Anhang, u.a. mit Informationen über die Protagonisten des Romans. Dieser ähnelt eher einer Anleitung, wie man den Roman zu lesen hat. Man bekommt leider das Gefühl, dass bei allem Zeitgeist die Fiktion auf der Strecke bleibt.

Fazit:

Leider ist die Geschichte um Wilhelm von der Heyden mehr ein historischer Roman als eine Kriminalgeschichte. Die Fülle an zeitgeschichtlichen Informationen und Figuren lenkt zu sehr von der spannenden Erzählung um die getötete Gräfin ab. Wer sich aber für das Berlin Mitte des 19. Jahrhunderts interessiert, der wird den Roman mit großer Begeisterung lesen, denn Ralph Knobelsdorf ist ein absoluter Kenner der Zeit und versteht es, das Berlin von 1855 wieder zum Leben zu erwecken.

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