Der Tod und das dunkle Meer

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The Devil and the Dark Water

- aus dem Englischen von Dorothee Merkel

- HC, 608 Seiten

Couch-Wertung:

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Michael Drewniok
Gier, Rache und Spuk auf einer Reise in den Tod

Rezension von Michael Drewniok Nov 2021

Im Jahre 1634 ist die Vereinigte Niederländische Ostindien-Kompanie die mächtigste und reichste Handelsgesellschaft der Welt. Der wichtigste Außenposten ist Batavia an der Nordküste der indonesischen Insel Java. Gewürze, Stoffe und Edelmetalle sind nur einige der Waren, die in einem nie endenden Strom nach Holland fließen, wo die 17 Delegierten der Kompanie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch die Fäden fest in den Händen halten.

Acht Monate dauert eine Fahrt zurück in die Niederlande. Schlechte Seekarten, Stürme und Piraten sorgen dafür, dass viele Schiffe spurlos verschwinden. Trotzdem besteht Jan Haan, Generalgouverneur von Batavia, auf eine Passage an Bord der „Saardam“. Er reist mit seiner Familie: Gattin Sara und Tochter Lia und Gefolge. Den Frachtraum füllen Kisten, deren Inhalt der Gouverneur sorgfältig geheim hält.

Die Reise steht von Beginn an unter einem Unstern. Der „Alte Tom“ - eine Inkarnation des Teufels - hat angeblich die „Saardam“ verflucht und sich unter die Passagiere oder die Besatzung gemischt. Die Situation ist ohnehin gespannt, denn die Matrosen und die von Haan als Leibwache mit an Bord genommenen Musketiere sind einander spinnefeind.

Ebenfalls an Bord, aber als Gefangener, geht der berühmte „Diebesfänger“ Samuel Pipps, der beim Gouverneur in Ungnade gefallen ist. Sein Leibwächter und Freund, der kampferprobte Leutnant Arent Hayes, kümmert sich um Pipps, der auch in seiner Zelle das Ermitteln nicht lassen kann. Die Suche nach der Wahrheit wird zum Wettlauf mit der Zeit, denn der „Alte Tom“ bringt nach und nach das Schiff in seine Gewalt. Bizarre Gewalttaten gipfeln in Morden, bis der angekündigte Untergang der „Saardam“ unabwendbar scheint …

Historische Originaltreue als unnötige Herausforderung

Schon der Titel kündet ein unheimliches Drama an. Der Tod (bzw. im Originaltitel sogar der Teufel) geht um, und das geschieht auf hoher See, die zudem unheilverkündend dunkel ist. Natürlich soll so die erste Aufmerksamkeit (buchzahlender) Leser geweckt werden, aber der Titel fasst in der Tat das Geschehen zusammen, was selten genug gelingt.

Natürlich darf man ihn nicht wörtlich nehmen. Verfasser Stuart Turton geht es weniger um die akkurate Rekonstruktion der Vergangenheit. In seinem Nachwort weist er diese angebliche Verpflichtung eines Autors, der über die Vergangenheit schreibt, entschieden zurück. Sobald die „Saardam“ in Batavia ablegt, verwandelt sich das Schiff endgültig in einen Mikrokosmos, in dem nur noch Turtons Regeln gelten. Er weist selbst auf diverse ‚Fehler‘ hin, die er begangen hat, um seine Geschichte im Griff zu behalten. Was eigentlich selbstverständlich sein müsste, gilt es offenbar vor denen zu verteidigen, die jeden Schiffsnagel akkurat an historischer Position eingeschlagen sehen wollen.

Doch im Vordergrund steht die Geschichte. Wo sich die Realität gegen sie sperrt, muss sie ‚zurechtgebogen‘ werden - nicht umgekehrt! Nur auf diese Weise kann ein Garn wie „Der Tod und das dunkle Meer“ funktionieren. Es ist nicht nur das Recht, sondern die Pflicht eines Schriftstellers, dies zu garantieren. Realitätsübereinstimmung ist Nebensache, die Ereignisse müssen plausibel wirken - und das gelingt Turton ausgezeichnet!

Die Welt ist, wie sie ist: schlecht!

Bereits der Grundtenor spiegelt eher die Gegenwart als die Vergangenheit wider. Die Realität des Jahres 1634 dürfte moderne Leser und vor allem Leserinnen vor die Köpfe stoßen. Während Turton nicht an (ironischer) Kritik spart, wenn er die Ostindien-Kompanie als brutale, jegliche Menschenrechte ignorierende Ausbeuter-Gesellschaft bloßstellt, die auch vor systematischem Massenmord nicht zurückschreckt, um ihre Pfründe zu schützen, wurde dies von den Zeitgenossen völlig anders gesehen: „Wilde“ durften bzw. mussten gezüchtigt werden! Die Geschichte wird bekanntlich von Gewinnern geschrieben. Erst in der Rückschau lässt sich das ändern.

Dies wird erst recht wichtig, wenn ‚starke Frauen‘ in die Handlung integriert werden sollen. Heutzutage ist dies ein Muss, doch gänzlich kann die Wirklichkeit nicht ignoriert werden. Die von Turton eingeschleusten Frauen müssen deshalb ständig mit dominanten Alpha-Männchen ringen, die ihnen Intelligenz und Entscheidungsfreiheit absprechen. Haben sie deren Argwohn besänftigt, werfen sie sich selbstverständlich besonders aktiv ins Geschehen, während sich die männlichen Figuren nach Spreu und Weizen trennen, wobei exzessiver Chauvinismus immer einen Bösewicht charakterisiert, den in der Regel irgendwann die ‚gerechte Strafe‘ = ein besonders finsterer Tod trifft; hier spart Turton weder an Drastik noch Schwarzhumor. (Wie tritt ein Hochbootsmann sein Amt an? „Die Kandidaten erstechen sich für gewöhnlich gegenseitig, bis nur noch einer übrig bleibt“ [S. 496]) Überhaupt sorgt er für skurrile Figuren, die im Gedächtnis bleiben.

‚Gute‘ Männer arbeiten nicht nur den klugen Frauen an Bord der „Sardaam“ zusammen, sondern sind auch allein in der Lage, das Geflecht aus Ignoranz und Aberglaube zu durchbrechen, hinter dem sich verbirgt, was tatsächlich vorgeht. Turton gibt sich große Mühe, ein Segelschiff in ein Gruselschloss zu verwandeln. Dass es auf den Wogen schaukelt, ist ein Plus, denn es vervollständigt jene Isolation, die sowohl die Spannung schürt als auch die Auflösung beeinflusst: Niemand kann dem entgehen, was auf der „Saardam“ umgeht. Gleichzeitig muss die Erklärung für alle Umtriebe an Bord zu finden sein. Oder spukt es etwa tatsächlich unter Deck?

Holmes & Watson auf hoher See

Ganz klassisch bleibt der Autor, wenn er uns ein Ermittler-Duo vorstellt, das nichtsdestotrotz Genreregeln auf den Kopf stellt. Samuel Pipps ist ein ‚Vorfahre‘ des Meisterdetektivs Sherlock Holmes und diesem (scheinbar) sehr ähnlich = eine fanatische Spürnase. Dass er in einem stinkenden Loch unter Deck gefangen sitzt, hält Pipps nicht davon ab zu ermitteln und dabei ein Wissen zu demonstrieren, das die zeitgenössischen Grenzen oft überschreitet.

‚Watson‘ Arent Hayes ist die interessantere Figur, denn anders als Pipps ist der Leutnant trotz seiner Haudegen-Vergangenheit echter = tieferer Gefühle fähig, während Pipps sich am Wissen berauscht und den menschlichen Faktor problemlos ignoriert. Da er lange in seiner Zelle hockt, muss Hayes ihm Augen und Ohren ersetzen. Die deduktive Unerfahrenheit nutzt Turton, indem er Hayes überall auf und unter Deck umhertappen lässt, während wir ihm quasi über die Schulter schauen. Auf diese Weise lernen wir das Schiff und seine Besatzung kennen.

Wieder einmal steht das Verbrechen in keinem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand, der für die Umsetzung getrieben wird. Im typischen „Großen Finale“ fügen sich unzählige Teilinformationen zu einem schlüssigen Gesamtbild. Dies funktioniert freilich nur, weil Turton das Ruder führt und Zufälle wahlweise einsetzt oder ausschließt. Man verzeiht es ihm, denn er inszeniert die Irrfahrt der „Saardam“ bunt und spannend, obwohl es vielleicht ein paar seitenblähende Zwischenfälle zu viel gibt. Die Auflösung sorgt für die erhoffte Überraschung, denn Turton stellt das Regelwerk des Rätsel-Krimis rabiat, aber geschickt auf den Kopf. Das Finale bietet sich förmlich für eine Fortsetzung an - und als Leser wäre man bereit, sich abermals in eine seitenstarke, unterhaltsame, stimmungsvolle Lektüre zu stürzen.

Fazit:

Fulminante Mischung aus historisierendem (See-) Abenteuer und Krimi, die durch Horror-Effekte atmosphärisch aufgeladen wird. Die Handlung ist spannend, die Kulisse wird zum unheimlichen Spielplatz für konturenstark gezeichnete Figuren, und die Auflösung sorgt für die erhoffte Überraschung: ein echtes Garn mit sämtlichen einschlägigen Qualitäten!

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