Die stumme Tänzerin

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 352 Seiten

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Jörg Kijanski
Die ersten Stunden der Weiblichen Kriminalpolizei

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2021

Hamburg 1928. Eher zufällig landet die 23-jährige Paula Haydorn, Tochter eines reichen Zündholzfabrikanten, bei der Polizei. Sie arbeitet als Schreibkraft, doch als eine Kollegin ausfällt darf sie zu einem Mordfall rausfahren, um dort Notizen zu fertigen. In der Kapelle des Friedhofes nahe dem Zoologischen Garten wird die grausam zugerichtete Leiche einer jungen Frau gefunden. Der Schupo Wilhelm Kröger bemerkte einen Mann mit einem kleinen Jungen, der sich schreiend vom Tatort fortbewegte, doch außer Paula nimmt von Kröger niemand Notiz. Am nächsten Tag gibt es einen reißerischen Zeitungsartikel, wonach ein schwarzer Mann am Tatort gesehen worden sei. Paula, die den unbekannten Dritten mit Sohn ins Spiel bringt, wird von ihrer Vorgesetzten Josefine Erkens in die „Mordkommission Friedhof“ entsandt, wo sie sich mit ihrer Kollegin Caro Wagner in einem reinen Männerteam behaupten muss. Martin Broder, Leiter der Ermittlungen, ist anfangs wenig begeistert. Er hält ebenso wie Polizeivize Friedrich Schlanbusch nichts von Frauen bei der Kripo.

„Die A1 war die Kriminalinspektion für die richtig heiklen Sachen. Mord, schwerer Raub, Erpressung, Vermisstenzentrale … Dass man den Frauen von der WKP nichts zutraute, diese Überzeugung teilte man dort wohl mit sämtlichen Kollegen. Paula sah oft genug, wie hinter dem Rücken der Kommissarinnen Augen verdreht wurden.“

Erste Spuren führen ins Rotlichtmilieu und dort zu Waldemar Moor, Besitzer des einschlägig bekannten Freudenhauses „Tingeltangel“. Derweil muss sich Paula nicht nur in einer Männerwelt durchsetzen und sich dabei auf das ihr völlig fremde Lebensumfeld im Kiez einstellen, sondern auch zuhause drohen Probleme, denn ihre Eltern wollen sie unter allen Umständen zwingen, ihren Job bei der Polizei wieder aufzugeben. Freilich aus Gründen, die Paula nicht erahnen kann.

Kurzweiliger Plot mit überraschendem Finale

Laut Buchrücken spielt der Roman 1928, doch die Überschrift im ersten Kapitel weist das Jahr 1926 aus, was ein Tippfehler sein muss, denn die Weibliche Kriminalpolizei (WKP) wurde erst 1927 in Hamburg gegründet. Ärgerlich ist zudem, dass die einzelnen Kapitel angeben, an welchem Wochentag diese spielen. So beginnt die eigentliche Handlung in Kapitel zwei am „Mittwoch, 10. April“. Einen Mittwoch am 10. April gab es aber weder 1926 noch 1928. Im weiteren Verlauf wird aus „Broder“ plötzlich „Martin“ und wieder zurück. Gewiss nur Kleinigkeiten, aber ebenso unschön wie leicht vermeidbar.

Ungeachtet dessen hat Helga Glaesener einen lesenswerten Roman geschrieben, der authentische Einblicke in die Anfänge der WKP liefert. Diese wurde 1927 in Hamburg von Josefine Erkens gegründet, die, ebenso wie die Romanfigur des Polizeivize Friedrich Schlanbusch, ein reales Vorbild hat. Frauen arbeiteten schon seit 1923 bei der Polizei, befassten sich vor allem mit Kindern, Jugendlichen und Prostituierten, da sie mit ihrem Einfühlungsvermögen meist besser für Befragungen geeignet waren als ihre oft grob auftretenden männlichen Kollegen.

Gut skizziert sind die Einblicke in das Milieu, zumal Helga Glaesener die Situation der dort arbeitenden Mädchen und Frauen beleuchtet. Diese arbeiten dort aus einer finanziellen Notlage heraus, welche von zahlungskräftigen Männern schonungslos ausgenutzt wird. Eine Welt, die Paula völlig unbekannt ist, wenngleich sich herausstellen wird, dass ihre Familie ...

Fazit

Der Einblick in den Kiez, die Ringvereine, die Arbeit von Frauen in einem männerdominierten Beruf, beispielhaft an der spannungsgeladenen Zusammenarbeit mit Martin Broder herausgearbeitet, sowie die daraus resultierenden Konflikte im privaten Umfeld sind die Ingredienzien dieses spannenden Romans. Zudem bietet die Auflösung eine gelungene Überraschung. Sollte „Die stumme Tänzerin“ der Auftakt einer Serie sein, darf auf den zweiten Teil mit Freude warten. 

Die stumme Tänzerin

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