Tote schweigen nie

Erschienen: September 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Body Language

- aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger

- HC, 400 Seiten

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Thomas Gisbertz
Wenn man den Toten nur genau genug zuhört

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Sep 2021

Cassandra Raven, genannt Cassie, ist ein besonderer Mensch. Sie fällt nicht nur durch ihren Gothic-Look mit zahlreichen Gesichtspiercings und Tattoos auf. Auch ihr Arbeitsplatz ist ungewöhnlich: Sie ist als Sektionsassistentin im Londoner Institut für Rechtsmedizin tätig. Seit mittlerweile fünf Jahren kümmert sie sich gewissenhaft, aber auch sehr feinfühlig um die eingehenden Leichname. Doch der Schock ist groß, als vor ihr auf dem Seziertisch ihre alte Lehrerin und gute Bekannte Mrs Edwards liegt. Cassie spürt, dass hier etwas nicht stimmt und ist überzeugt, dass Mrs Edwards ermordet wurde. Nur beweisen kann sie es nicht, denn eine kostspielige forensische Obduktion wurde bereits abgelehnt. Hilfe bekommt sie unerwarteter Weise von der unterkühlten DS Phyllida Flyte, die Cassie wegen einer aus dem Institut spurlos verschwundenen Leiche im Verdacht hat. Doch zunächst ist der Scharfsinn der Sektionsassistentin gefragt.

Das Flüstern der Toten

Cassie hat Mrs Edwards viel zu verdanken. Eine Zufallsbegegnung mit ihrer späteren Mentorin hat ihr Leben in eine neue Richtung gelenkt. Ohne die Hilfe von Mrs Edwards wäre sie wohl als Junkie unter einer Brücke gelandet statt als Assistentin in der Rechtsmedizin. Den entscheidenden Hinweis, dass etwas mit dem Tod der älteren Dame nicht stimmt, erhält sie von der ehemaligen Lehrerin persönlich. Cassie ist nämlich der festen Überzeugung, dass Tote mit uns sprechen, wenn wir nur genau genug hinhören. Und es soll nicht die letzte Information sein, die sie von Mrs Edwards erhält.

Auftakt einer neuen Reihe

A. K. Turner ist eine englische TV-Produzentin und Autorin zahlreicher Dokumentationen. Ihr erster Ausflug in die Kriminalliteratur wagte sie 2013 mit einer Detektiv-Thriller-Trilogie, geschrieben unter dem Pseudonym Anya Lipska. In dieser Serie stehen der polnische Privatdetektiv Janusz Kiszka und die junge Polizistin Natalie Kershaw im Mittelpunkt. Der erste Teil der Trilogie, der als einziger ins Deutsche übersetzt wurde („Sündenfall“; erscheinen im Goldmann Verlag) wurde von der bekannten schottischen Kriminalschriftstellerin Val McDermid für das renommierte New Blood Panel beim Harrogate Crime Festival vorgeschlagen.

Tote schweigen nie ist der Auftakt der neuen Raven-Flyte-Reihe. Hauptfigur ist die faszinierende Cassie Raven. Die Sektionsassistentin ist ein Gothic-Girl, die in einer Leichenhalle im angesagten Londoner Stadtteil Camden Town arbeitet und eine besondere Affinität zu Leichen hat. Sie behandelt sie eher wie Menschen als Tote. Manchmal antworten diese ihr, indem sie „erzählen“, wie sie gestorben sind.

Ganz neu ist die Erzählung um die faszinierende junge Frau nicht. Turner verfasste bereits 2018 zwei Kurzkrimis für BBC Radio 4, bei denen Cassie die Hauptrolle spielte.

Weniger ist mehr

Die junge Assistentin der Rechtsmedizin ist sicherlich eine sehr interessante Protagonistin. Sie zeichnen besonders eine gute Beobachtungsgabe und eine schnelle Kombinationsfähigkeit aus. Dennoch hätte die Autorin beim Lebenslauf vielleicht nicht ganz so dick auftragen sollen: Cassie hat mit vier Jahren ihre Eltern bei einem Autounfall verloren und lebte seitdem lange Zeit bei ihrer polnischen Großmutter Weronika. Irgendwann nahm sie, weil sie mit ihrem Leben nicht mehr zurechtkam, Drogen und stieg in die Hausbesetzerszene ein. Erst eine Zufallsbegegnung mit Mrs Edwards führte dazu, dass Cassie auf den Weg der Tugend zurückfand.

Auf der Abendschule lernte sie bei ihrer Mentorin alles, was sie für ihren heutigen Beruf wissen muss. Zu guter Letzt hat Cassie seit Kindertagen ein besonderes Hobby: Taxidermie - die Kunst der Haltbarmachung von Tierkörpern zu Studienzwecken. Oma Weronika steckt ihr daher schon einmal das ein oder andere tiefgefrorene Eichhörnchen zu. In Beziehungsfragen tut sich Cassie schwer. Laut ihrer Ex-Freundin Rachel liegt dies daran, dass sie den Tod ihrer Eltern nie richtig verarbeitet hat. Gleichzeitig ist sie aber auch dem männlichen Geschlecht nicht ganz abgeneigt.

Konträre Charaktere

Lässt man einmal Cassies Biografie und ihre Eigenheiten außen vor, gelingt Turner eine zunehmend unterhaltsame und spannende Geschichte. Mit DS Phyllida Flyte stellt die Autorin Cassie eine eher reservierte Ermittlerin zur Seite. Der Grund für deren Unnahbarkeit und Distanz ist ein persönlicher Schicksalsschlag. Sie ließ sich deswegen erst vor zwei Monaten aus der Abteilung für Schwerverbrechen nach Camden Town versetzen. Es braucht Zeit, bis sich die etwas spleenige Cassie und die abweisende Flyte annähern. Weil die junge Sektionsassistentin der Ermittlerin immer wieder mit hilfreichen Tipps zur Seite steht, vertraut diese ihr zunehmend, auch wenn ein Rest Skepsis bleibt.

Insgesamt wirkt die Figurendarstellung trotz des besonderen Settings und der einschneidenden Erlebnisse im Leben der Protagonistinnen dennoch etwas bieder. Da hilft auch nicht das ungewöhnliche Erscheinungsbild Cassies oder ihre Zwiegespräche mit den Toten. Des Weiteren bleiben die Nebenfiguren bis auf Oma Weronika noch recht blass.

Fazit:

A. K. Turner gelingt ein guter Start zur neuen Raven-Flyte-Reihe. Insgesamt wirkt aber die Figurendarstellung noch etwas zu brav. Potential hat die Serie aber durchaus. Im zweiten Band der Serie wird Cassie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden. Man darf demnach gespannt sein, wie es mit dem Duo Raven/Flyte weitergeht.

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