Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 304 Seiten

- Bd. 2 [Zeisig & Manschreck ermitteln]

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Jörg Kijanski
Als Frauen bei der Polizei noch Neuland waren

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jul 2021

November 1963. Ein anonymer Anruf ergibt, dass in einer amerikanischen Offiziersfamilie ein Kleinkind womöglich misshandelt wird. Dabei handelt es sich um das fünf Monate alte deutsche Adoptivbaby Paul von Loretta und Major General Carl Williams. Elke Zeisig, Kommissarin bei der Weiblichen Kriminalpolizei in München, macht sich umgehend auf den Weg zur Family Housing Area Perlacher Forst, wo amerikanische Militärangehörige weitgehend unter sich leben. Loretta ist erschrocken von Zeisigs Anwesenheit, macht einen verstörten Eindruck, doch als die Ermittlerin darum bittet, Paul sehen zu dürfen, erscheint Colin Thompson, der Fahrer von Williams, um Loretta mitzuteilen, dass es ein Attentat auf Präsident Kennedy gab. Die Bestürzung ist bei allen greifbar, so dass Zeisig die Befragung abbricht.

Spät in der Nacht kommt Zeisigs Mitbewohnerin Theres von ihrer Arbeit in der Jazzkneipe Cool-Club nach Hause, wo es zu einer Messerstecherei kam. Ein schwarzer GI war das Opfer, der nun verletzt im Krankenhaus liegt. Hauptkommissar Bodo Manschreck übernimmt den Fall, doch dieser wird schnell zu den Akten gelegt. Die Kneipe war voll, die Beleuchtung wie üblich dunkel, niemand hat etwas gesehen und zudem haben die Amerikaner es offenbar eilig, ihren Soldaten, der keine Aussagen zum Tathergang machen kann (oder will), in seine Heimat zu fliegen. Schließlich ist bald Weihnachten.

Kriminalreporter Ludwig Maria Seitz, ein ehemaliger Kleinganove, der inzwischen Manschreck mit Informationen füttert und gelegentlich mit Zeisig verkehrt, wird von einem unverhofften Wiedersehen überrollt. Karl-Heinz Brenner, genannt Carlos, war sein bester Freund aus Kindheitstagen und verschwand vor Jahren spurlos. Plötzlich ist er wieder in München und will Seitz nicht alles verraten. Nur, dass er einige Jahre im Algerienkrieg bei der Fremdenlegion gedient hat und jetzt mit einer neuen Droge namens Haschisch, die auch bei den amerikanischen GI sehr beliebt sei, das große Geld zu machen hofft.

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Unter zunächst unklaren Umständen verstirbt Paul, wird Carlos in seinem Hotelzimmer ins Koma geprügelt und auf einem Acker bei Oberhaching die nackte Leiche eines schwarzen GI gefunden.

Nachkriegszeit, Frauen bei der Polizei und Rassismus

In ihrem zweiten Band der „Fräulein-Zeisig-Reihe“ gibt Kerstin Cantz einmal mehr Einblicke in die Arbeit der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP), die vorrangig für minderjährige Straftäter und Opfer zuständig ist und in den 1920er Jahren entstand. In der „normalen“ Polizei und schon gar im Mordkommissariat ist an Frauen nicht zu denken; mit Ausnahme der Schreibkräfte. In Bayreuth wurde die WPK bereits aufgelöst, auch in München kursieren entsprechende Gerüchte. In der Realität wurde die WKP in den 1970er Jahren in die Kriminalpolizei integriert. Die Zusammenarbeit zwischen Zeisig und Manschreck ist also zum Zeitpunkt der Handlung - Ende 1963, Anfang 1964 - zumindest nicht üblich, allerdings kennt man sich bereits von einem früheren Fall („Fräulein Zeisig und der frühe Tod“). Da die Arbeit der WKP bislang nicht oft in Krimis thematisiert wird, sei an dieser Stelle auf die „Friederike-Mathée-Reihe“ von Beate Sauer verwiesen, deren erste beiden Bände 1947 in Köln und Umgebung spielen.

Bei der detailreich geschilderten Polizeiarbeit geht es auch um die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen CID, die nicht immer reibungslos verläuft. Man hat Vorbehalte auf beiden Seiten. Mehr als nur Vorbehalte haben viele Weiße in Amerika gegenüber den Schwarzen, für die Präsident Kennedy ein großer Hoffnungsträger war. Rassismus ist dort an der Tagesordnung und selbst in München gibt es Gaststätten, die mit einem Schild „Whites only“ darauf hinweisen, wer hier unerwünscht ist. Ein Gruß aus der Heimat sozusagen.

Zeisig wird im Verlauf der Handlung mit dem Thema Rassismus konfrontiert als sie mit einem farbigen GI in einem Lokal speisen möchte. Dabei ist zu erwähnen, dass in dem Roman bewusst das N-Wort verwendet wird und zwar – so eine editorische Vorbemerkung – „aus Gründen der Authentizität, des Sprachgebrauchs und des strukturellen Rassismus der frühen 1960er-Jahre.“

Fazit

Wer mehr über die Arbeit der WKP erfahren möchte darf zugreifen, ebenso alle, die sich für die „Zusammenarbeit“ deutscher und amerikanischer (Militär-)Polizisten in der Nachkriegszeit sowie das allgegenwärtige Thema Rassismus interessieren. Der Mord an Kennedy ist nur ein Aufhänger, ebenso wie der Jazz im Cool-Club. „Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund“ ist ein solider und empfehlenswerter Krimi, dessen zeitgeschichtlicher Hintergrund – die frühen 1960er Jahre – gerne noch einen Tick mehr Beachtung hätte erfahren dürfen.

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