Der James-Joyce-Mord

Erschienen: Juni 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The James Joyce Murder

- aus dem Englischen von Monika Blaich & Klaus Kamberger

- TB, 288 Seiten

Couch-Wertung:

80°
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Thomas Gisbertz
Klassische Krimiunterhaltung mit Witz und Charme

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2021

Kate Fansler verschlägt es den Sommer über aus New York City in die ländliche Idylle der Berkshires. Hier in Araby soll sie den Nachlass des amerikanischen Verlegers von James Joyce, Samuel Lingerwell, sichten. Aber damit nicht genug: Während ihr Bruder samt Frau Urlaub in Europa macht, soll sie sich auch um ihren widerspenstigen Neffen Leo kümmern, der zusammen mit seinem Hauslehrer William Lenehan und Fanslers Assistenten Emmet Crawford ebenfalls in der „Ferienpension“ lebt. Zusätzlich erhält sie Besuch von ihrem alten Freund und Bezirksstaatsanwalt Reed Amhearst sowie von der emeritierten Professorin Grace Knole, die zusammen mit Williams Freundin Lina anreist. Die ländliche Idylle wird jedoch jäh gestört, als die unsympathische Nachbarin Mary Bradford erschossen aufgefunden wird …

Mord aus Versehen

Die Welt von Mary Bradford bestand aus Tratscherei, dem Verbreiten von Gerüchten und Halbwahrheiten. Kein Wunder, dass niemand um die ungeliebte Bauersfrau trauert; zumal es sich bei ihrem Tod um die Verkettung unglücklicher Umstände zu handeln scheint. William Lenehan tötet nämlich die penetrante Nachbarin, während er mit Leo „trockene“ Schießübungen absolviert. Die große Frage ist nun, wer die Patronen ins Gewehr gelegt hat. Kate Fansler lässt kurzerhand die Korrespondenz des berühmten irischen Autors liegen, wild entschlossen, Williams Unschuld zu beweisen und den wahren Mörder zu finden.

Die Wiederentdeckung der Amanda Cross

Amanda Cross war das Pseudonym der feministischen US-Literaturwissenschaftlerin Carolyn Gold Heilbrun, geboren 1926 in New Jersey. Diese lehrte an der Columbia University. Heilbrun veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Schriften, Essays und Presseartikel, in denen sie Literatur - vor allem die literarischen Werke von Frauen - aus dem Blickwinkel der Feministin interpretierte. Die Kriminalromane mit  der Literaturprofessorin und Amateurdetektivin Kate Fansler schrieb sie ab 1964. Cross starb am 3. Oktober 2003 in New York durch Suizid. Es ist dem Schweizer Dörlemann Verlag zu verdanken, dass die dreizehnteilige Reihe um die gewitzte und smarte Hauptfigur Kate Fansler nicht in Vergessenheit gerät. In Deutschland erschien sie zuletzt ab 2000 bei dtv. Nachdem der Dörlemann Verlag erst im Februar den ersten Band Die letzte Analyse  veröffentlicht hat, legt man nun mit Der James Joyce-Mord (alter dtv-Titel: In besten Kreisen) bereits nach.

Großes Lesevergnügen

Es ist stets ein riesiges Vergnügen, die „literarischen“ Kriminalromane der US-amerikanischen Autorin Amanda Cross zu lesen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht die wilde, actiongeladene Suche nach dem Täter, sich überschlagende Ereignisse oder ein ausgebuffter Ermittler. Die Werke überzeugen vielmehr durch ihren ganz eigenen Charme sowie die Schlagfertigkeit und den Scharfsinn ihrer Protagonistin, der cleveren Kate Fansler. Wenn man so will, sind die Romane das genaue Gegenteil dessen, was man heutzutage von einem Krimi erwartet. Der Mord ist lediglich die Triebfeder und der Katalysator für die Handlung. Dennoch könnten die Sprache und die Ansichten der Figuren zu Literatur, dem Leben und auch zur Liebe nicht moderner sein. Der James Joyce-Mord  sprüht regelrecht vor (feministischem) Wortwitz und umwerfenden, äußerst pointierten Dialogen.

Der Roman besitzt fast schon etwas von einer klassischen Screwball-Komödie der 1930er Jahre, denn durch die zahlreichen längeren und kontroversen Unterhaltungen der Figuren werden immer wieder Gegensätze wie Bildung und Unbildung, Reich und Arm sowie vor allem Mann und Frau zum Ausdruck gebracht, die wie so oft auch in diesem Roman mit einer friedlichen Koexistenz enden. Dabei scheut sich Amanda Cross auch nicht, der aufgeweckten und selbstbestimmten Kate Fansler das antiquierte Frauenbild der nervenden „Tratschtante“ in Form von Mary Bradford entgegenzustellen.

Intertextualität

Der Roman ist des Weiteren voller intertextueller Anspielungen auf andere Romane, Zitate und Autoren. Selbstredend steht die Literatur von James Joyce dabei im Mittelpunkt. Aber keine Angst: Man muss literarisch nicht auf einer Stufe mit Hauptfigur Kate Fansler stehen, um den Roman und die zahlreichen Bonmots zu verstehen. Dennoch macht die spezielle Auseinandersetzung mit den literarischen Werken das Besondere dieses Romans aus - bei dem man nebenbei viel über den irischen Ausnahmeautoren James Joyce erfährt, an dem sich nicht nur in diesem Krimi die Geister scheiden.

Amanda Cross gelingt einmal mehr ein äußert intelligenter, unterhaltsamer Krimi, der durch seine herrlichen Dialoge und das stereotype Verhalten der verschiedenen Charaktere begeistert. Besonders das Thema Liebe, Sex und Leidenschaft wird vor allem von den weiblichen Figuren - egal welchen Alters - immer wieder gerne aufgegriffen und zeigt indirekt, wie modern Cross in ihren (feministischen) Ansichten war und wie sehr bei ihr die Emanzipation der Frau im Vordergrund steht. In Cross‘ Romanen sind die Frauen die aufgeweckten, autarken und unabhängigen Figuren - allen voran Kate Fansler.

Fazit

Ein herrlich anderer, klassischer und doch hochmoderner Kriminalroman, der vor Wortwitz, pointierten Dialogen und extravaganten Figuren regelrecht sprüht. Amanda Cross zündet ein sprachliches Feuerwerk. Ein intelligenter Kriminalroman, der auch durch eine smarte Hauptfigur überzeugt. Ein großes Lesevergnügen und eine literarische Wiederentdeckung, die zwingend notwendig ist.

Der James-Joyce-Mord

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