Like / Hate

Erschienen: Juni 2021

Bibliographische Angaben

- OT: People Like Her

- aus dem Englischen von Susanne Wallbaum

- TB, 448 Seiten

Couch-Wertung:

80°
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Sabine Bongenberg
Nicht nur Verbrechen sind böse Taten

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jul 2021

Emmy Jackson ist ein wenig anders als andere Mütter: Gelegentlich kommt ein Kamerateam zu ihr nach hause und kurz bevor das klingelt, verwüstet sie mit ihrer Tochter Coco erst einmal das Haus, damit es schön chaotisch aussieht. Der Geburtstagskuchen kommt natürlich nur von einem Konditor, muss absolut perfekt aussehen, dafür brüstet sich Emmy damit, dass sie seit Jahren nicht dazu gekommen ist, ihren Kaffee heiß zu trinken, denn das „Mama-sein“ lässt ihr keine Zeit. Eigentlich ist das bei den Jacksons überhaupt nicht so und Emmy hat den Laden schon ganz gut im Griff. Aber sie ist eine der erfolgreichsten „Mama-Bloggerinnen“ auf Instagramm und da sieht es einfach besser aus, wenn alles ein bisschen unordentlich ist, im Wohnzimmer ein Wäschehaufen liegt und die Putzfrau besser gar nicht erst erwähnt ist. Möglichst viele Leserinnen sollen sich in ihr wieder erkennen. Natürlich hat Emmy auch ihre gesamte Familie längst an das Internet verkauft, denn ständig werden Fotos ihrer Lieben gepostet und ein richtiges Privatleben ist kaum mehr denkbar. Unglücklicherweise ruft das die üblichen „Spinner“ auf den Plan – diejenigen, die einfach wild durch die Gegend hassen, diejenigen, die perverse Wünsche haben und diejenigen, die nicht viel sagen, aber eine mörderischen Plan vorbereiten, um Emmy da zu treffen, wo es sie so richtig schmerzt….

Mein öffentliches Privatleben

Das Autorenduo Coletty Lyons und Paul Vlitos, das sich hinter dem Namen „Ellery Lloyd“ verbirgt (und das der Einfachheit halber dann auch tatsächlich wie ein Autor behandelt werden soll) beschreibt in seinem ersten gemeinsamen Roman, wie die „schöne neue Welt“ des Internets beginnen kann, Menschen mit Haut und Haar aufzufressen. Emmy und ihr Mann Dan, die hier abwechselnd mit einer anonymen dritten Person als Ich-Erzähler berichten, hatten den Blog als kleinen Nebenerwerb, als kleine Nebenbeschäftigung gestartet. Niemandem sollte geschadet werden, beide waren sich klar darüber, dass sie sofort damit aufhören würden, sollten ihre Kinder irgendwann nicht mehr für jedes Foto posen wollen. Aber mit dem Erfolg kam die Kaltschnäuzigkeit und die Gier – immer neue, immer bessere Geschichten mussten erzählt und die Fassade der liebenswerten aber chaotischen Familie unbedingt aufrecht erhalten werden – manchmal zu einem sehr hohen Preis. Bevor das eigentliche sorgfältig aufgebaute Verbrechen seinen Lauf nimmt, erfährt der Leser schon über viele andere Missetaten – über Verstößen gegen das Urheberrecht, bewussten Täuschungen, Ideendiebstählen, dem Verrat alter Freundinnen und von vielem, was möglicherweise nicht justiziabel aber dennoch abstoßend und schockierend ist. Neben diesen Taten wird langsam und bedächtig das große Verbrechen vorbereitet, aber lange Zeit tritt es vor allem anderen regelrecht in den Hintergrund und offenbart sich erst im letzten Viertel des Romans.

Zugegeben – beim Lesen dachte ich manchmal „Wann passiert denn eigentlich das richtige Verbrechen?“ bis mir bewusst wurde, dass der Leser schon längst in dessen Vorbereitung einbezogen ist. Emmy Jackson macht es uns irgendwann ganz einfach sie zu hassen. Sie ist der treibende Motor des Unternehmens „Mama Bear“, das manchmal ermüdend oft genannt wird. Sicher – niemand von uns würde ihr wirklich schaden wollen -  aber es wäre eigentlich schon nicht Ungerecht, wenn das, was sie unbedarft von sich gibt oder an Verletzungen produziert, doch einmal bestraft würde, wenn es einmal so richtig auf sie herunterdonnern würde! Macht man sich aber dann bewusst, wie viel Hass im Internet auf die jeweiligen Blogger allein wegen des geschriebenen Wortes oder wegen ein paar Fotos gekippt wird, stellt der Leser erschreckt fest, dass auch er in diese Falle getappt ist. Es wäre gut, wenn Emmy Jackson bestraft werden würde – so dachte ich manchmal und war irgendwann beschämt, denn so denken auch die ganzen Trolle im Internet und die Verrückten, mit denen ich nicht in einen Topf geschmissen werden wollte.

„Nur die Perversen, die meine Muttermilch trinken wollen und die paar Trolle, die meine gesamte Familie verbrennen sehen wollen, kannst du ignorieren“, sage ich und lache.

Besonders spannend sind aber insbesondere verschiedene Drehungen, die Ellery Lloyd in die Geschichte eingebaut hat. So zeigt der Autor auch, dass die „Schwarmintelligenz“ eines Forums grundsätzlich auch Gutes hervorbringen kann. Gruselig ist dagegen die Frage, ob tatsächlicher jeder bereit ist, den ultimativen „Schlussverkauf“ zu begehen, wenn er damit die Gelegenheit bekommt, auch seinen Platz im Rampenlicht einzunehmen. Der Leser kann sich fragen, ob er es anders – moralisch richtig – gemacht hätte und kommt möglicherweise zu dem Ergebnis, dass es doch einfach schön ist, viel Geld auf dem Konto zu haben.

Fazit:

Ellery Lloyd präsentiert einen ungewöhnlichen Roman im Umfeld der Bloggerszene und zeigt, wie schnell jeder in die Falle des gar nicht mehr unbeteiligten Zuschauers geraten kann, der dem Anderen mit Freude die Pest an den Leib wünscht. Verpackt ist das Ganze in einen spannenden Krimi und auch wenn der Weg zum eigentlichen Verbrechen ein längerer ist, ist der mindestens genau so spannend.  

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