Die Toten vom Djatlow-Pass

Erschienen: September 2018

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Pereval Dyatlova“

- Moskau/Jekaterinburg : Kabinetnyy uchenyy 2014

- München : btb Verlag September 2018 (TB-Nr. 71604). Übersetzung: Kerstin Monschein, 672 Seiten. ISBN-13: 978-3-442-71604-3

- München : Random House eBook September 2018 [eBook]. Übersetzung: Kerstin Monschein, 29,11 MB [ePUB]. ISBN-13: 978-3-6411-5405-9

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Michael Drewniok
Neun Leichen im Schnee - ein (kriminelles?) Mysterium

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

Ende Januar 1959 unternimmt Igor Djatlow mit fünf männlichen und zwei weiblichen Begleitern eine Expedition in die Wildnis des damals noch sowjetischen Ural-Gebirges. Als man Anfang Februar nichts von der Gruppe hört, wird nach ihr gesucht. Am Hang des Berges Cholat Sjachl findet man nach und nach neun Leichen. Sie tragen zum Teil nur Unterwäsche, einigen wurden die Knochen zerschmettert. Was den Wanderern zugestoßen ist, wird - zumindest offiziell - nie zufriedenstellend geklärt. Die offizielle Erklärung lautet, dass eine Lawine das Lager zerstört hat, woraufhin die Männer und Frauen erfroren sind.

Der Ort des neunfachen Todes trägt inzwischen den Namen Djatlow-Pass. Das Ereignis hat sich zu einem modernen Mythos entwickelt, an dessen Aufklärung sich ernsthafte Faktensucher und verschwörungstheoretische Wirrköpfe gleichermaßen versuchen. Kein schnödes Unglück, sondern wahlweise Außerirdische, Schneemenschen, Infraschall (!), mordgierige Einheimische oder geheimniskrämerische Militärs sollen die Pechvögel erwischt haben.

Dass die lückenhaften Indizien bei Abwesenheit von Zeugen eine eindeutige Klärung verhindern, ist Wasser auf die Mühlen einer Spökenkieker-Fraktion, die sich vor allem im Internet längst verselbstständigt hat. Die Fakten werden nach Belieben neu zusammengewürfelt, um der jeweiligen Interessengruppe als ‚Beweise‘ zu dienen; sie speisen primär sensationslüsterne (und lukrative), aber beweiskraftlose ‚Dokumentationen‘.

Ein aus unerfindlichen Gründen auf Anonymität pochender Autor - er nennt sich „Aleksej Rakitin“ - versucht nunmehr, den Damm zu durchstechen, hinter dem sich über Jahrzehnte meist Unsinn aufgestaut hat, um der Wahrheit den Durchfluss zu ermöglichen. Er listet mit stupender Detailfreude die nachweislichen Indizien auf (zu dem sich Fotos nicht nur der vor Ort tätigen Ermittler, sondern auch der Expeditionsmitglieder selbst addieren) und unterwirft sie einer geradezu exzessiven Prüfung: Rakitin trennt die Spreu vom Info-Weizen, den er anschließend selbst durchsiebt, woraus - selbstverständlich - die nun endgültige ‚Wahrheit‘ folgt.

Reales Rätsel als gordischer Knoten

Das Ungeheuer vom Loch Ness, der nordamerikanische Bigfoot, die global aktiven Außerirdischen und die Toten vom Djatlow-Pass: Sie alle sind Repräsentanten eines Paralleluniversums, in das jene Zeitgenossen abdriften, die der Wissenschaft misstrauen und sich ihre ‚Realität‘ lieber selbst basteln. Dabei unterstützt man sich gern gegenseitig, wobei in jedem Fall nicht die (langweilige) Wahrheit, sondern die möglichst deckungsgleiche Übereinstimmung mit einer vorgefassten Meinung im Vordergrund steht.

Willkommen in der Welt der Verschwörungstheoretiker, die Trost darin finden, die tatsächlichen Geheimnisse dieser Welt zu ignorieren, weil sie ihren Horizont überfordern, sie erschrecken sowie ihrer Ansicht widersprechen, dass hinter den Kulissen unserer Realität Geister, Vril-Echsen oder sonstige Munkelisten die Fäden ziehen, an denen die Großen dieser Welt zappeln, und die Rest-Menschheit ahnungslos halten.

Wehe denen, die sich mit Menschenverstand oder gar wissenschaftlichem Anspruch = mit den Mitteln des Feindes in diesen Sumpf wagen, in dem seine Bewohner so wohlig planschen! Rakitin beschreibt, wie eine ebenso geschlossene wie in zahllose Fraktionen zersplitterte Szene unisono über ihn herfällt, weil er Zweifel an den bisherigen ‚Beweisen‘ hegt und Objektivität anmahnt. Womöglich ist dies der Grund für sein Pseudonym, obwohl er sich nicht gegen den Eindruck sträubt, dass der russische Staatsapparat hinter ihm her ist, weil er hässliche Geheimnisse einer Historie aufdeckt, die man lieber buchstäblich begraben sähe.

Alles zurück auf Anfang!

Rakitin beherzigt zunächst eine elementare Vorschrift für Historiker: Gehe zurück zu den Quellen, ignoriere die (nachträglichen) Interpretationen, und mache dir selbst ein Bild! Er hat es getan, so gut es die lückenhafte Quellenlage ermöglicht. Dabei konnte sich Rakitin auf Mitstreiter stützen, die solche Belege zusammengetragen haben, die seinen Ansprüchen genügten.

Er stellt uns die ‚echten‘ Zeugnisse vor - Dokument für Dokument, Bild für Bild, Wort für Wort: Die Toten vom Djatlow-Pass zählt in der deutschen Fassung knapp 700 Seiten. Trotz der zahlreichen Fotos bleibt mehr als genug Raum für eine Bestandsaufnahme, die einem Atomschlag gleicht: Nachdem Rakitin gesprochen hat, existiert am Point Zero nur noch die = seine Wahrheit - so ist jedenfalls die Absicht!

Diese Indizienpräsentation, die wirklich kein Detail unerwähnt lassen will, ist keine reine Freude. Rakitin beschreibt über viele Seiten Risse in Zeltleinwänden, im Schnee gefundene Kleidungsstücke oder einen angeschnittenen Skistock. Damit folgt er seiner Argumentationstaktik, überhäuft Leser und Kritiker mit Informationen - ein Overkill, der sämtliche Gegner verstummen lassen soll sowie größtmögliche Genauigkeit suggeriert, wobei Wiederholungen nicht als Fehler gelten: Rakitin verlässt sich nicht auf die Erinnerung seiner Leser, sondern kommt eingehend auf bereits Erwähntes zurück, wo es aus seiner Sicht erneut relevant wird.

Daraus folgt … endlich die Wahrheit?

Man muss Rakitin für die Kärrnerarbeit loben, die er und seine Mitstreiter leisten mussten, um Ordnung in die Zeugnisse einer womöglich manipulierten, auf jeden Fall schlampigen Ermittlung zu bringen. Gesucht wurde in Archiven, die zum großen Teil erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 eingesehen werden konnten. Allerdings starb die UdSSR nie wirklich; diverse Institutionen konnten sich in die ‚Republik‘ Russland retten und ihren Einfluss bewahren. Vor allem der Geheimdienst ist auf die Bewahrung von Informationen erpicht, die weiterhin um jeden Preis „top secret“ (bzw. in diesem Fall „sovershenno sekretno“) bleiben sollen. So will es jedenfalls Rakitin sehen, der besagtem Geheimdienst alle möglichen Eingriffe ins Djatlow-Geschehen (nicht unbedingt) nachweisen, sondern nachreden kann.

Er profitiert vom tatsächlichen Verhalten eines Geheimdienstes, der zu allen Zeiten juristisch und moralisch fragwürdig agierte. Rakitin und Co. meinen nunmehr, zumindest einzelne lose Fäden fassen zu können, mit deren Hilfe sich ein schiefgelaufenes Unternehmen aus der Zeit des Kalten Kriegs aufribbeln lässt.

Dies ist der Punkt, an dem man als Leser vorsichtig werden sollte. Obwohl es Rakitin mit seiner Rekonstruktion der Djatlow-Expedition vor der Katastrophe, mit der kommentierten Liste der Vor-Ort-Indizien und den minutiös wiedergegebenen Obduktionsberichten oft übertrieb, konnte man seiner Argumentation folgen. Ebenfalls plausibel sind Rakitins Einwände gegen weitverbreitete Theorien, die mit den Beweisen nicht in Einklang zu bringen sind. (Für einen zusätzlichen Pluspunkt sorgt der Autor mit seiner knappen, aber eindeutigen Ablehnung jeglichen ‚übernatürlichen‘ Wirkens, das er als puren Schwachsinn entlarvt.)

Möglich, aber nicht zwingend wahrscheinlich

Nichtsdestotrotz gerät Rakitin in dieselbe Sackgasse wie seine Vorgänger: Auch die von ihm rekonstruierte Quellenlage bleibt lückenhaft. Als Leser, der die Indizien nun kennt, bleibt man skeptisch, wenn Rakitin die ‚Beweise‘ nun durch seinen Deutungs-Wolf dreht. Es wird deutlich, dass abermals kräftig ‚gestrickt‘ wird: Fakten, die in das von ihm favorisierte Bild passen, werden von Rakitin in - freundlich ausgedrückt - gewagte Zusammenhänge gestellt.

Wie seine Lösung lautet, soll an dieser Stelle verschwiegen werden, um nicht für (bzw. gegen) interessierte Leser zu spoilern - Krimi- und Thrillerfreunde dürften auf ihre Kosten kommen! Dennoch ist Rakitins Lösung nur die weitere Version eines weiterhin und womöglich auch zukünftig nicht eindeutig geklärten Rätsels.

Die Toten vom Djatlow-Pass erschien ursprünglich 2014. Rakitin weist redlich darauf hin, dass seine Auslegung durch weitere Erkenntnisse ergänzt und korrigiert (aber nicht widerlegt …) werden könnte. In einer neuen Auflage dürfte er sich ausführlich über die Ergebnisse einer neuen Untersuchung äußern, die russische Behörden 2019 durchführten. Erneut wurde menschliches = mörderisches Wirken ausgeschlossen; eine seltene Mini-Lawine soll die Katastrophe verursacht haben. Wie man sich denken kann, wird dies von denen abgelehnt, die an eine dramatische Version der Ereignisse glauben und diese vorziehen. Letztlich reiht sich „Aleksey Rakitin“ in die lange Kette derer ein, die Informationsfragmente zu einem Bild formen, von dessen Wiedergabequalität primär sie selbst überzeugt sind.

Fazit

Das gruselstorytaugliche Scheitern der Djatlow-Expedition inspiriert seit Jahrzehnten (meist selbst ernannte) Historiker, aber auch Verschwörungstheoretiker = Spinner. Der Autor gibt extreme Faktennähe vor, um mit seiner Erklärungstheorie letztlich doch in Sphären abzuheben, die von der Herrschaft des Glaubens über das Wissen dominiert werden: interessant in der Darstellung, aber auch als Beispiel für eine ehrlich gemeinte, jedoch objektiv nicht beweiskräftige Schlussfolgerung.

Die Toten vom Djatlow-Pass

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