Viel Zeit für den Mörder

Erschienen: Januar 1963

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Time to Kill“

- London : Robert Hale 1961

- Bern - Stuttgart - Wien : Scherz Verlag 1.1.1963 (Die schwarzen Kriminalromane 198). Übersetzung: Karl Hellwig. Cover: Anton Stankowski. 191 S. [ASIN: B00EK396AI]

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Michael Drewniok
Böses Ende einer (allzu) berechnenden Lebedame

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2021

Linda Brockton ist ebenso schön wie ichbezogen, die Tätigkeit als Fotomodell eher ein Zeitvertreib, denn die 28-Jährige jongliert mit drei Liebhabern gleichzeitig, die ihr einen angenehmen Lebensstandard im Londoner Stadtteil Kensington ermöglichen. Männer sind für Linda generell ein Mittel zum Zweck, sich den lästigen Alltag ihrer arbeitenden Mitbürger vom Hals zu halten, der beispielsweise das einsame Leben der Nachbarin vis-à-vis bestimmt.

Doch Leila Renburns neidvolle Blicke in die gegenüberliegende Wohnung sorgen für die einzige Zeugenaussage im Mordfall Brockton, als Linda von der entsetzten Putzfrau mit Würgemalen am Hals und zahlreichen Stichwunden in der Brust gefunden wird. Der Fall geht an das Polizeirevier Kensington und hier an Kommissar Bradley und seinen Assistenten (und Schwager) Sergeant Bill Firth, die sich mit kargen Indizien und einer Mehrzahl potenzieller Täter konfrontiert sehen.

Linda Brockton war zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger, was in dieser Ära vordergründiger Anständigkeit nur einer ehrenhaft verheirateten Frau gestattet ist. Womöglich hat der überraschte, aber gar nicht erfreute Kindsvater den anstehenden Skandal durch einige Messerstiche abzuwenden versucht? Oder steckt Liftboy Donald Geldar hinter der Tat? Er schmachtete Linda hinterher, leidet unter ‚Anfällen‘ sowie anschließenden Gedächtnisverlusten und hat in diesem Zustand einst seiner Katze den Hals umgedreht.

Die Fahndung nach den ‚Freunden‘ der Ermordeten erweist sich als schwierig. Selbst als diese nach und nach identifiziert werden können, bleibt die Fahndung zäh, denn die Verdächtigen gehören einer elitären Gesellschaftsschicht an, die sich ihrem Ruf mehr verpflichtet fühlt als der Polizei, weshalb der Informationsfluss dürftig und trübe bleibt. Während Bradley und Firth langsam und unerbittlich jeder noch so dürftigen Spur folgen (müssen), geraten weitere Personen unter Verdacht - denn Linda Brockton selig entpuppt sich zu allem Überfluss als fleißige Erpresserin …

Krimi-Handwerk statt wiederentdeckter Klass(ik)e(r)

„Sein Talent - und seine Berühmtheit - würden es ihm erlauben, Romane und Hörspiele aus dem Ärmel zu schütteln, doch geht er heute noch mit der gleichen Sorgfalt wie vor 30 Jahren an die Arbeit …“ Ein solches Loblied - zudem gesungen in der für die frühen 1960er Jahre üblichen (= plumpen, heute leicht durchschaubaren) Tonart, weckt zuverlässig das Interesse dieses (misstrauischen) Rezensenten. Im Internetzeitalter ist es einfach, einst werbewirksame Gespinste zu zerreißen, weshalb nicht wirklich erstaunt, dass Colin Cooper - der eigentlich Colin Robertson (1906-1980) hieß - zwischen 1934 und 1970 genau das tat, was der anonyme Autor des oben zitierten Backcover-Textes abstritt: Er schüttelte (Kriminal-)Romane aus dem Ärmel - knapp 60 insgesamt.

Robertson war so präsent auf dem englischen Krimi-Buchmarkt, dass er für die 1957 begonnene (und 1970 nach elf Bänden auslaufende) Serie um „Kommissar“ Bradley ein Pseudonym wählte. Als „Colin Cooper“ verfasste er vergleichsweise hausbackene Romane, in denen ebensolche Polizisten leidlich verzwickte Kriminalfälle lösten. Auch Viel Zeit für den Mörder fällt durch einen aus heutiger Sicht simplen Plot, eine weniger stringente als mechanische Handlung und Klischee-Figuren auf.

Gänzlich unberührt vom allmählich ausbrechenden Zeitgeist der „Swinging Sixties“ schwimmt der Autor geradezu in einer Suppe aus Vorurteilen, die tief in der Vergangenheit auf den Herd gestellt und mehr als gut durchgegart wurde. Eine selbstständige Frau wie Linda Brockton kann demnach nur durchtrieben und ethisch verworfen sein; dass sie ihr Schicksal quasi herausgefordert hat, scheint mehr als nur zwischen den Zeilen durch. Linda war „Fotomodell“, ließ „sich aushalten“ und erpresste ihre „Liebhaber“, war also eigentlich eine kriminelle Prostituierte, die zudem ihre Familie belog: So lässt Cooper eine Flut verdruckster Vorhaltungen sprudeln - „Schöne Erscheinung, aber keine Dame. Unsereins merkt das sofort …“, merkt Nachtportier Wilks sachkundig an (S. 91) -, die zusammen mit ähnlichen Grämlichkeiten kein schönes, aber ein interessantes Licht auf zeitgenössische Ansichten werfen.

Eines nach dem anderen

Zwar wird ein Kaufhauseinbruch erwähnt, aber dennoch war der Polizistenalltag Anfang der 1960er Jahre gemütlich, wenn man diese Fahndung als Maßstab ansetzt. Zwar seufzt Hausfrau Emily Bradley resigniert, wenn ihr Gatte wieder einmal verspätet zum warmgehaltenen Abendbrot erscheint, aber ansonsten scheint es keinerlei Druck von oben oder ein Zeitfenster zu geben; selbst die Presse ist brav und zur Mitarbeit bereit. Gemächlich klappern „Kommissar“ - eigentlich Superintendant - Bradley und Sergeant Firth die Verdächtigen ab und bringen verstockte Zeitgenossen unter Einsatz klamaukpsychologischer Genialität zum Reden.

Da Cooper ein vielbeschäftigter Autor war, konnte er sich nicht mit komplexen Plots aufhalten: Viel Zeit für den Mörder bietet solide, eindimensionale Krimi-Kost. Ein kleiner Kreis uns ausführlich vorgestellter Personen benimmt sich verdächtig und kommt für einen Mord in Frage. Genretypisch lösen sich diese Verdachtsmomente mehrheitlich in Luft auf bzw. werden leidlich logisch erklärt. Als Täter wird final jemand entlarvt, den wir am besten niemals in Betracht gezogen haben, wobei Cooper freilich sehr manipulativ vorgeht und nicht nur den ermittelnden Beamten, sondern auch seinen Lesern das entscheidende Indiz vorenthält. Erst im großen Finale wird es enthüllt = aus dem Hut gezogen; es passt zum Geschehen, ist also schlicht.

Aus heutiger Sicht erstaunt die generell moralinsaure Stimmung, die diesen Krimi förmlich tränkt. Sämtliche Figuren sind unsympathisch, wobei höchstens die Intensität für Unterschiede sorgt: Bradley und Firth sind charakterlich entgratete Polizei-Roboter, die sich nur duzen, wenn sie unter sich sind, um auf diese Weise dienstgradbedingten Abstand zu signalisieren. Verdächtige und Zeugen eint die Eigenschaft, über die ermordete Linda Brockton nur Schlechtes zu erzählen, wobei die Männer entschuldigt sind, wenn sie keine Ehefrau betrügen - dann „stoßen sie sich die Hörner ab“, was in Ordnung geht, solange es unterhalb des Radars von Gesetz und Moral geschieht.

Der altmodische Inhalt wird zu unguter Letzt unterstrichen durch eine außerordentlich steife Übersetzung, die schon im Erscheinungsjahr angestaubt gewirkt haben muss. Andererseits fügte sich Colin Cooper gut in ein Umfeld ein, in dem Trivial-Krimis à la Edgar Wallace oder Victor Gunn Rekordauflagen erzielten.

Fazit

Zweiter Band einer Serie, die einem Krimi-Vielschreiber aus der Feder floss. Der Plot ist simpel, die Handlung = Fahndung wirkt mechanisch, die Figuren sind flach: Dieser Krimi und sein Autor sind keineswegs grundlos in Vergessenheit geraten.

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