Die Augenzeugin

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Ögonvittnet

- aus dem Schwedischen von Julia Gschwilm

- TB, 448 Seiten

- Bd. 1 [Harriet Vesterberg]

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Carola Krauße-Reim
Wenig gelungener Auftakt zur Harriet-Vesterberg-Trilogie

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jun 2021

Anna Bågstam ist bis jetzt hauptsächlich in ihrer Heimat Schweden bekannt. Nachdem sie erfolgreich Hörbücher verfasste, legt sie mit ihrem Romandebüt Die Augenzeugin den ersten Band zu einer Trilogie rund um Ermittlerin Harriet Vesterberg vor.

Wieder einmal Schonen

Wie schon einige ihrer Kollegen vorher lässt Bågstam in Schonen ermitteln. Dieses Mal ist es die Polizei in Landskrona, die durch Harriet Verstärkung bekommt. Gleich zu Beginn wird diese mit einem brutalen Mord konfrontiert, den sie unterstützend mit aufklären soll. Das Team und die Umstände machen es ihr nicht leicht, und auch ihr kränkelnder Vater braucht Hilfe. Als sie persönlich in den Fall hineingezogen wird, muss sie sich fragen, ob sie den Mörder kennt.

Eindimensionaler Stil verhindert jede Spannung

Der gesamte Krimi ist aus Harriets Sicht erzählt. Der ein oder andere Perspektivwechsel hätte der sehr eindimensionalen Geschichte durchaus gut getan. Doch auch bei einem durchgängig personalen Erzähler hätte man mehr aus dem Krimi machen können. Aber Bågstam verlegt sich darauf, zwar jede Aktion eingehend zu schildern, vernachlässigt dabei aber die Schilderung von Gefühlen und Gedanken auf das Schmerzlichste. Harriet gerät in die brenzligsten Situationen und zeigt kein Gefühl; sie muss sich vor ihrer Chefin behaupten und macht sich kaum Gedanken ... Das führt zu einem scheinbar lieblosen Herunterleiern der Handlung, das keine Spannung generiert und den Leser nur sehr schwer an die Geschichte bindet. Der simple Stil mit oft unausgegorenen Dialogen tut dann den Rest, ganz zu schweigen von den zahlreichen Stilblüten wie „...er ist noch immer bewusstlos und wird im künstlichen Koma gehalten“ oder „Harriet klickt auf Rückruf. Rikard nimmt schon vor dem ersten Tuten ab ...“

Unrealistische Ermittlungen ohne jede Logik

Eine Frau wird brutal ermordet, ihr in Verdacht stehender Ehemann ist verschwunden - daraus wäre doch etwas zu machen gewesen. Doch jede Handlung und jeder Ermittlungsversuch sind absurd unlogisch und unkoordiniert. Informationen werden nicht weitergegeben, Ressourcen bewusst klein gehalten, die Ermittler machen was sie wollen und ihr Handeln hat kaum Konsequenzen. Da macht die Lektüre einfach keinen Spaß. Ein Krimi ist Fiktion und kein Tatsachenbericht, aber so wenig Realität und Plausibilität killt jede Geschichte. Was dem Leser dann als Auflösung präsentiert wird, passt zwar zum extrem konstruierten Plot, doch ist wie dieser auch genauso enttäuschend. Der zum Schluss eingebaute und völlig aus der Luft gegriffene Cliffhanger reißt auch nichts mehr und dürfte als „Appetizer“ für den zweiten Band versagt haben.

Die Figurenzeichnung läuft ins Leere

Mit einer zivilen Ermittlerin kommt endlich einmal eine Protagonistin ins Spiel, die keinen polizeilichen Hintergrund hat und deshalb schon interessant sein könnte. Diese Sonderstellung wird zwar immer einmal erwähnt, aber wie die Kompetenzen einer zivilen Ermittlerin sind und wie man sich ihre Einbindung in die polizeiliche Arbeit vorstellen kann wird nie erklärt; da hilft die völlig falsche Angabe auf dem Cover, dass Harriet Anwältin sei, auch nicht weiter. Harriet selbst ist wenig selbstbewusst, hadert mit ihrer Figur, verfügt aber über einen wachen Verstand. Hier sind alle Möglichkeiten offen, eine Entwicklung der Protagonistin in ihrem neuen Umfeld anzustoßen. Doch Harriet verbleibt in ihrer Rolle als graue Maus, hat regelrecht Angst vor ihrer Chefin und kommt einfach nie aus dem Quark. Zwar verstößt sie ausreichend oft gegen Anweisungen, die wurden aber von Harriet im Vorfeld weder durchdacht, noch im Nachgang aller möglichen Konsequenzen bewusst ausgeführt. Bågstam versäumt es, aus dieser Person einen fesselnden Charakter zu formen, der die Handlung trägt und vorantreibt. Unausgegoren sind auch die übrigen Figuren; sie werden nur rudimentär eingeführt, um dann auch wenig kraftvoll an dem Geschehen teilzunehmen. Selbst die sehr autoritäre Chefin der Truppe gibt keinen glaubhaften Charakter ab und verharrt in ihrer kaum erklärten Position als dominante Einzelkämpferin.

Was ist mit dem Cover passiert?

Zuerst hat es mich gefreut, dass auf einem schwedischen Krimi einmal kein rotes Holzhaus an einem See mit dazugehörigem Boot abgebildet wurde. Doch nach der Lektüre ist mir die Freude vergangen. Die Frau im wehenden gelben Mantel, die mich erst begeisterte, hat nichts mit der Bomberjacken tragenden, etwas pummeligen Harriet zu tun. Da wäre ein idyllisches Haus an der Küste Schonens doch besser gewesen. Und es geht weiter: Im Original lautet der Titel Ögonvittnet - „Augenzeuge“. Dieser Titel ist durch die Handlung gestützt und durchaus sinnvoll. Warum wird in der deutschen Übersetzung daraus auf einmal Die Augenzeugin? Es gibt im ganzen Text keine Augenzeugin! Das Harriet, wie schon erwähnt, als „Anwältin“ bezeichnet wird, ist auch falsch. Sie hat ihr Jurastudium abgebrochen und kehrt auch nicht in das Dorf ihrer Kindheit zurück – sie hat dort nur die Sommer verbracht. Ein mit der Handlung stimmiges Cover wäre eindeutig befriedigender gewesen; zumindest eine korrekte Übersetzung des Originaltitels hätte es schon sein dürfen.

Fazit

Die Augenzeugin ist sowohl inhaltlich wie auch stilistisch wenig gelungen. Anna Bågstam muss bei den folgenden Teilen der Trilogie rund um Harriet Vesterberg noch einiges zulegen, um ihre Leser bei der Stange zu halten.

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