Wilderer

Erschienen: Dezember 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Poachers

- aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

- TB, 256 Seiten

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Jochen König
Kurze Geschichten mit Langzeitwirkung

Buch-Rezension von Jochen König Apr 2021

Nach den eindringlichen Romanen Smonk und Krumme Type, krumme Type ist nun Tom Franklins literarisches Debüt, der Kurzgeschichtenband Wilderer, erschienen - und zeugt bereits von den Qualitäten, die Franklins Romane ausmachen. Wobei die teils drastische Gewalt, die vor allem in Smonk ausgeübt wird, selten über Andeutungen hinausgeht. Einprägsam ist das allemal und gewinnt in der Nachbetrachtung an Drastik. Seine Stories übers Lesen hinaus weiterwirken zu lassen, beherrscht Franklin meisterlich. So endet die Story Blaue Pferde (fast) mit einer Pistole, die auf einen Tisch gelegt wird. Wie es mit ihr weitergeht, bleibt den Lesenden überlassen. Der Text selbst endet im trüben Alltag, Resignation und Kälte. Der Amerikanische Süden ist bei Franklin kein heimeliger Ort. „‘Ich frier mir den Hintern ab‘, sagte Mace“ - Verbrechen finden später statt.

Tief im Süden fällt der Schatten

Franklin porträtiert Männer und Frauen am unteren Rand der Gesellschaft, tief verwurzelt im Süden Alabamas, worauf bereits die erste Geschichte Jagdzeit mit ihrem vermeintlich autobiographischen Tenor hinweist. Dabei nicht vergessen, was bereits der großartige Tim O’Brien gelehrt hat: Der Autor ist der Gestalter seiner Realität; ob sie dem Faktischen entspringt, ist bloß ein Gedankenspiel.

Das Entkommen aus prekären Verhältnissen ist lediglich eine hypothetische Möglichkeit, weswegen der Traum von einer Flucht nach Alaska im Konjunktiv verfasst ist. Wir würden so gerne weit fort in den Sonnenuntergang reiten, aber wie sagte schon Karl Valentin: „Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!“ So bleibt die Sehnsucht nach einem besseren Leben das einzig Fassbare, flüchtig wie jeder weitere Tag.

Lost in a Roman Wilderness of Pain*

Tom Franklin zeigt Menschen auf verlorenem Posten, die sich eine kleine Sehnsucht bewahren, während die Welt, die sie behausen, Tag für Tag mehr entschwindet. So tauchen mehrfach Tankstellen und kleine Läden ohne Kundschaft auf, verrostende Maschinen zieren den Wegesrand, am Horizont ist kein Hoffnungsschimmer, sondern nur ein flüchtiger Moment. Da muss schon mal eine angeranzte Nashorn-Skulptur her, um ihn festzuhalten. Gelingt letztlich nie.

Verbrechen besitzen nichts Glamouröses; sie werden begangen, weil die jeweiligen Protagonisten unter stetig steigendem Druck stehen. Der Arbeiter Glen hat Spielschulden und beklaut seine Firma, bis ihm alles über den Kopf wächst. Am Ende fließt Blut, und Glen wechselt von einer Abhängigkeit in eine andere. Keine Veränderung, kein Ausstieg möglich.

Der Ich-Erzähler in Die Ballade von Duane Juarez steht im Schatten seines erfolgreichen kleinen Bruders Ned. Er vergeht vor Selbstmitleid und würde gerne glauben, die Welt sei ihm etwas schuldig. Doch ist er intelligent genug, um zu wissen, dass dies ein Trugschluss ist. Er rasselt abwärts durch sein Leben und redet sich ein, die anderen seien für seine kleine Vorhölle verantwortlich. Von Figuren dieser Denkungsart gibt es eine Vielzahl (auch außerhalb der Literatur). Am Ende bringt er Kätzchen um und gibt ihnen vorher Namen von Personen, die er kennt - „Die da ist Ned.“ Die ewigwährende Story von Kain und Abel neu erzählt

Wilderer im Visier

Die nicht besonders hellen Gant-Brüder töten in der Titelgeschichte (der längsten und stärksten des Buches) fast beiläufig einen allzu beflissenen Wildhüter, der ihnen zu dicht auf die Pelle rückt. Aus Wilderern werden Mörder, die ins Visier eines mythischen Gesetzeshüters geraten. Das geht nicht gut aus, und auch der Racheversuch eines todkranken alten Freundes bringt keine Befriedigung. Tom Franklin entwickelt aus dem Stoff eine atmosphärische Geschichte, die Sumpf, Armut, Schmutz und Schmerzen geradezu ausdampft. Wer nicht stirbt, muss lernen, mit seinen Verwundungen zu leben.       

Fazit: Die Poesie des Zwielichts

Wilderer bietet Ausflüge in den Southern Noir, die das Schattenhafte, Beiläufige betonen, voller kleiner Gesten, Randbemerkungen, die auf etwas Größeres hinweisen, das in den Texten aber keine explizite Erwähnung findet. Tom Franklin beherrscht dieses Skizzenhafte ebenso wie die lange Form. Er verknappt, ohne dass die Poetik darunter leidet. Seine Geschichten sind auf eigenwillige, lakonische Weise spannend, nicht selten anrührend, auch wenn man den Protagonisten wenig Sympathie entgegenbringen sollte. Der Autor zeigt viel Verständnis für seine oft verqueren Figuren, ihre Lebenssituationen und die Miseren (nicht selten selbstverschuldet), in denen sie stecken und versacken. Kurze, schmerzhafte Reisen in die wachsende Dämmerung, kommentiert und licht begleitet von einem Autor, der sein Metier beherrscht. Kleines in großer Form.

 

* The Doors, The End

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