Eine perfekte Ehe

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: A Good Marriage

- aus dem Englischen von Kristina Lake-Zapp

- TB, 544 Seiten

Couch-Wertung:

65°
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Sabine Bongenberg
Manchmal etwas unterkühlt

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mai 2021

Lizzie hat sich ihr Leben an der Seite von Sam anders vorgestellt: Jung, aufstrebend und verliebt hatten sie große Träume, doch dann wurde ihr Höhenflug jäh gestoppt. Lizzie muss nun den Lebensunterhalt für beide in einer ungeliebten Anwaltspraxis zusammenklauben, Sam ist arbeitslos – es läuft gerade nicht sonderlich gut. In diese persönliche Flaute platzt dann auch noch der Anruf ihres ehemaligen Studienkollegen und beinahe-einmal-Lovers Zach Greyson. Mit seinen gewagten Startup-Unternehmen ist er mittlerweile zu einem Millionär aufgestiegen, über den die Presse oft und gerne berichtet. Der letzte Bericht sprach allerdings darüber, dass er wegen Mordverdachts in einem der härtesten Gefängnisse New Yorks untergebracht wurde. Widerstrebend lässt sich Lizzie darauf ein, ihn im Knast zu besuchen – und setzt damit eine Lawine in Gang, die sie alsbald zu verschlingen droht ...

Die US-amerikanische Autorin Kimberly McCreight lässt ihren neuen Roman in der Welt der – angeblich – Reichen, Schönen und Sorglosen spielen. Ihre Protagonisten vermitteln das Bild, auf der Sonnenseite zu stehen: schöne Häuser, gepflegte Fassaden, kultivierte Gespräche, stylishe Kleidung und manikürte Hände. Die Kinder werden ins Ferienlager geschickt, und so wie McCreight es schildert, weiß ein Vater nicht einmal, wo sich sein Sohn aufhält, eine Mutter erfährt vom Missbrauch ihrer Tochter und macht keinerlei Anstalten, zu ihrem Kind zu reisen, und einem Ehemann ist egal, was seine Frau bedrückt. Gelegentlich lässt einen diese Lektüre frösteln. Es muss daher sicherlich nicht verwundern, dass es dem Leser nicht so recht gelingen will, sich in die Protagonisten einzufühlen und mit ihnen die Handlung zu erleiden. Das aber ist meiner Meinung nach die Voraussetzung, um einen berührenden und damit spannenden Roman zu erschaffen.

McCreight entwickelt die Handlung des Romans – den Begriff „Thriller“, der den Titel schmückt, möchte ich hier bewusst vermeiden – auf verschieden Ebenen: Da erzählt zum einen die Ich-Erzählerin Lizzie, die sich verzweifelt abstrampelt, um die Folgen eines Unfalls zu begleichen und zu vertuschen, der eigentlich auf das Konto ihres Gatten Sam ging. Als weitere Erzählerin tritt Amanda, die verstorbene Ehefrau von Zack Grayson, auf. Über sie wird in der Vergangenheitsform berichtet; ihre Erzählungen beginnen vor Lizzies Erzählung und setzen mehrere Tage vor einer entscheidenden Party ein. Den dritten Bestandteil des Buches bilden offensichtliche Gerichtsprotokolle, die vor der Grand Jury spielen und in denen weitere Einzelheiten über die Party veröffentlicht werden. Dabei war die Autorin von der Möglichkeit eines Partnertauschs oder möglicherweise sogar Gruppensex so schockiert, dass wieder und wieder entsprechende Protokolle zu diesem Thema eingebaut wurden, obwohl der Leser diese pikante Einzelheit sicherlich schon beim ersten Lesen verstanden hatte (oder vielleicht auch beim zweiten, spätestens beim dritten Mal).

Die Handlung rankt sich in erster Linie um die Ehefrau des charismatischen, aber unterkühlten Zach; dennoch ist Amanda nicht das hauptsächliche Opfer des gesichtslosen Täters. Im Zuge der Entwicklung stellt vielmehr Lizzie mehr und mehr fest, dass offensichtlich sie und auch ihr charmanter, gutaussehender, alkoholabhängiger und naiver Sam in das Visier eines Psychopathen geraten sind und sich immer tiefer in dessen Pläne verstricken. Dieser Teil der Handlung ist McCreight am besten gelungen - hier tritt zumindest abschnittsweise tatsächlich der Grusel ein, den ein Thriller verspricht. Die als „Whodunnit“ konstruierte Aufklärung des Todes von Amanda Grayson bleibt dagegen in weiten Teilen blass und farblos, und auch die eingesetzten Twists konnten mich nicht überzeugen. Gut gemacht war aber, dass der Plot stimmig aufgeklärt wurde und McCreight ihre Helden zumindest auch in eine Zukunft mit Hoffnung und Perspektiven entließ.

Fazit

Kimberly McCreight zeichnet mit ihrem Roman Eine perfekte Ehe ein frostiges Bild der gut situierten New Yorker Gesellschaft des Mittelalters. Wahre Gefühle scheinen kaum existent zu sein oder können nicht glaubhaft vermittelt werden, und wer hier allein gegen Boshaftigkeit und Gier antritt, sieht sich auf sehr verlorenem Posten. Dennoch: McCreight zeigt auch, dass sich niemand mit dieser Ausgangslage abfinden muss und dass es Wege gibt, Krisen zu überwinden – aber dass dazu auch ein Teil der oft allzu glatten Fassade demontiert werden muss.
 

 


Zusatzinfo d. Verf.: Wer sich bei Lektüre des Romans übrigens an die kühle und manchmal auch sterile Art von Nicole Kidman erinnert fühlt, dem sei noch zugeflüstert, dass eine TV-Adaption dieses Romans zusammen von Amazon und Nicole Kidmans Blossom Films produziert wird. 
 

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