Ingrid

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • Amsterdam: Luitingh-Sijthoff, 2001, Titel: 'Ingrid', Seiten: 255, Originalsprache
  • Dortmund: Grafit, 2003, Seiten: 352, Übersetzt: Stefanie Schäfer

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Peter Kümmel
Nur ein wenig fehlt zum Spitzen-Krimi

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Vorläufiger Eindruck:

Ingrid ist nach Cleopatra, Isabelle und Tiffany bereits der vierte Fall für Max Winter, doch für mich war Max Winter bis dato noch ein Unbekannter. Löste er einstmals bei der Mordkommission in Amsterdam seine Fälle, so tut er dies jetzt als Privatdetektiv. Erst seit wenigen Wochen bewohnt er ein Haus in Rumpt am Deich der Linge im niederländischen Gelderland.

Seine Nachbarn lernt er recht schnell kennen, teilweise auf recht merkwürdige Weise. Ingrid musste er aus dem einen Meter tiefen Wasser des Flusses vor dem Ertrinken retten, wofür sie sich unmittelbar bei ihm bedankte, indem sie, nachdem sie in seinem Haus ein Bad genommen hatte, mit ihm schlief. Ingrids Ehemann Peter, einen Schriftsteller, der an einem historischen Roman schreibt und sich derweil mit Groschenromanen über Wasser hält, lernt Max auf einer Party anlässlich Ingrids Geburtstags kennen. Ebenfalls dort anwesend ist Jennifer, alleinerziehende Mutter des 2-jährigen Tommy, den Max auch bereits kennengelernt hat. Ingrid liebt den kleinen Tommy über alles und passt auf ihn auf, wenn dessen Mutter verhindert ist.

Nachdem Jenny auf der Feier von ihrem Vermieter Bokhof belästigt wird, begleitet Max sie nach Hause und sucht auch deren Haus nach eventuellen Eindringlingen ab. Wenige Tage später findet Max Jenny erschlagen in ihrer Wohnung auf, nachdem er von Ingrid alarmiert wurde, weil sie Tommy schreien hörte und auf ihr Klingeln hin keiner öffnete. Ingrid nimmt Tommy bei sich auf und ist ganz versessen von dem Gedanken, den Jungen zu adoptieren. Sie beauftragt Max, nach eventuellen Verwandten der Ermordeten und vor allem nach Tommys Vater zu suchen, um ganz sicher zu gehen, dass kein anderer Ansprüche auf das Kind anmeldet. Max gerät zunächst selber in Verdacht, weil aufgrund der nächtlichen Durchsuchung seine Fingerabdrücke überall in Jennifers Wohnung gefunden wurden.

Zu der Zeit, als ich diese Zeilen verfasse, habe ich das Buch noch nicht zur Hälfte gelesen. Bislang zumindest scheint es sich um einen reinen Whodunit-Krimi zu handeln. Daß der Erzähler selber nicht der Mörder sein kann, ist dem Leser klar (obwohl auch dieser Gag bereits in der Kriminalliteratur vorkam). So bleiben bis dahin Jennys Vermieter als Verdächtiger übrig und ein paar Leute aus Jennys Vergangenheit (doch dazu will ich nichts verraten). Für mich jedoch zielt alles auf Ingrid als Täterin ab wegen ihrer Besessenheit, den kleinen Jungen adoptieren zu wollen.

Abschließender Eindruck:

Max Winter ist ein sympathischer Privatdetektiv vom Typ Matula, der sich selber nicht allzu ernst nimmt und mit einer gehörigen Portion Selbstironie ausgestattet ist. Immer straight voraus und gerne mal aneckend. Dabei bleibt es natürlich auch nicht aus, dass er mal mit dem Knüppel eins übergezogen kriegt. Und auch die plumpen Manöver eines Matula beherrscht er perfekt, wenn es darum geht, eine Information zu einzuholen. So gibt er sich z.B. bei einem Reisebüro als Manni Fisch aus. Dadurch, dass Winter als Erzähler fungiert und der Leser die Handlung komplett aus seiner Sicht miterlebt, ist auch schon die beste Voraussetzung geschaffen, sich mit dem Helden identifizieren zu können. Die angenehme Schreibweise wirkt überzeugend und tut ein übriges dazu.

Auffallend sind ein paar Ungereimtheiten. So frage ich mich, warum man bis zum Einbruch der Dunkelheit warten muß, um ein Haus zu durchsuchen, von dem man weiß, dass die Bewohner nicht da sind und dann befürchten muß, entdeckt zu werden, weil man das Licht einschalten musste.

Eher in den Bereich Fehler fällt das folgende: Winter verfolgt eine Person mit dem Auto. Als die Person abbiegt, bemerkt er gerade noch, dass sie in eine Einbahnstraße abbiegt, und hält an. Verstanden hab ich das erst, als die Einbahnstraße einige Seiten später zur Sackgasse erklärt wird.

Eine Überraschung erlebt der Leser nach 220 Seiten, als der Täter überführt wird. Das Erstaunliche dabei ist, dass noch 130 Seiten Buch übrig sind. Was also nun? Hat man den Falschen erwischt? Kommt noch ein neues Verbrechen nach? Schon bald merkt man, wie der Hase läuft. Doch wartet man immer noch auf eine überraschende Pointe, aber irgendwie wartet man vergebens.

Felix Thijssen bietet für seinen Krimi überzeugende Charaktere auf, die allesamt so gut dargestellt werden, dass man einen guten bildlichen Eindruck bekommt. Die Handlung des Romans wirkt stellenweise etwas konstruiert, doch wird bis zum Ende hin alles soweit aufgearbeitet, dass bis auf wenige Ungereimtheiten ein rundes Gesamtbild entsteht.

Abschließend muß man sagen, dass in Ingrid doch ein wenig mehr steckt als der zu Beginn sich abzeichnende "Whodunit"-Krimi, dass es aber dann doch wieder nicht so viel ist wie man zwischendurch erwartet. Max Winter ist ein Typ mit Potential für weitere gute Krimis, doch fehlt irgendwie noch der letzte Rest zu einem Spitzen-Krimi. Außerdem sollte nicht so viel geschludert werden.

Ingrid

Ingrid

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Letzte Kommentare:
18.08.2005 22:06:55
aristophanes

Daß nun die Figur, die unserem Ermittler beiseite steht, CyberNel heißen muß, weckt nicht gerade Lust, dieses Buch zu lesen, doch trotz dem affigen Namen handelt es sich um ein Groninger Mädchen, das den seltsam langsamen Rhythmus des Romanes durch ihre Liebe zu Max Winter mitbestimmt.

"Du liest die falschen Bücher.", heißt es im Roman:
"Welche falschen Bücher?"
"Die, mit denen die Leser betrogen werden. Mit unnützer Geheimniskrämerei, falscher Spannung, der Andeutung von nicht existenten Komplotten. Damit kann man ein ganzes Buch füllen, mit geflüsterten Dialogen, seltsamen Codes, dem Überprüfen von Telefonen..." - All diese Vorwürfe treffen auf das vorliegende Buch nicht zu - angenehm unaffektiert, ohne Hektik baut sich die Geschichte in der holländischen Provinz auf - eine wundervolle Lektüre für den Hollandurlaub.
Leider verliert der Roman, sobald sich die Erzählung im letzten Drittel vom Provinzdeich nach Ibiza aufmacht, den Charme dieser Langsamkeit, wird rummelig, schnell und laut wie der neue Schauplatz.