Piz Palü

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 256 Seiten

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Jörg Kijanski
Spektakuläre Abgründe wohin man blickt

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2021

Wilhelmine von Hoppe ist mit ihrer Gesellschafterin Corinne angereist, um in über 1.800 Metern Höhe im Grandhotel Arnold ihre Sommerfrische zu verbringen. Eigentlich ist alles wie immer. Selbst der berühmte Schauspieler O. W. Fischer ist erneut zu Gast. An dessen Seite weilt Leo Kriegler, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Alessandro Ostia, der mit Wahrsagereien ebenfalls eine gewisse Berühmtheit erlangte. Doch kaum haben sich die Gäste eingelebt, verschwinden die 16-jährige Anna und der zehnjährige Günther, die beiden Kinder der Hotelbesitzer Erika und Arthur Kälin. Man glaubt an einen makabren Streich, denn wo sollen die Kinder in dieser Gegend hin? Obwohl erst August, so ist es hier oben sehr kalt, und in den nächstgelegenen Hütten sind die Kinder bekannt.

   „ ‚Anna meint das nicht ernst.‘

   ‚Nicht ernst? Wortwörtlich schreibt sie: Sie möchte nicht mehr leben. Das nennst du nicht ernst?‘

   ‚Wenn ich mich umbringen will, tue ich es einfach. Ich schreie es nicht in die Welt hinaus. Ich laufe nicht an die Hotelrezeption, zum Chauffeur und bestimmt nicht zum Butler.‘ “

Früher als geplant, reist auch Wilhelmines Mann Rudolph an, der nach einer ebenso großen wie zweifelhaften Karriere im Dritten Reich nun als Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium arbeitet. Widerwillig lassen sich die Kälins auf eine Séance mit Ostia ein, dessen Medium Arthur sein wird, der einen Mord im Turmzimmer voraussieht. Wenige Stunden später wird dort tatsächlich eine Leiche gefunden: Arthur selbst sitzt in seinem Arbeitssessel, mit Blutflecken an der Brust. Hauptkommissar Beat Tschudi aus Chur ist eigentlich dienstunfähig, zumindest aber stark erkrankt, weswegen ihm eine junge Wachtmeisterin zur Seite gestellt wird. Was sie herausfinden, ist nicht weniger als ein Blick in tiefste menschliche Abgründe.

Mit der Verlosung der Ehemänner fing alles an

Wilhelmine und Erika sind geborene Arnolds, deren großes Hotel einst vor dem Ruin stand. Ein reicher Industrieller wie Arthur Kälin schien die Lösung: Eine Heirat musste her, und so spielten die beiden Frauen um den Mann. Erika gewann das Kartenspiel und damit Arthur, wenngleich die große Liebe zeitlebens ausblieb. Wilhelmine musste mit Rudolph vorliebnehmen; auch diese Ehe hielt nur den Schein nach außen. So gibt es nicht nur an dieser Stelle zahlreiche Verwicklungen und sexuelle Begehrlichkeiten, die aufgeschlüsselt werden wollen und sich den Lesern nach und nach offenbaren.

   „ ‚Wie rasch wirkt Methohexital?‘

   ‚Innerhalb von Sekunden.‘

   ‚Wie konnte Kälin dann noch die Kakaotasse fallen lassen?‘

   ‚Liegt das nicht auf der Hand? Das Gift wirkt, die Tasse fällt.‘

   ‚In diesem Fall würde die Tasse nicht drei Meter vom Schreibtisch entfernt gelegen haben.‘ “

Die übrigen Figuren - und natürlich das Titelgebende Gebirgsmassiv des Piz Palü - tragen ebenfalls zum Erfolg der Geschichte bei. Einer der schillerndsten Schauspieler seiner Zeit (die Geschichte spielt im August 1957) ist O. W. Fischer, der als eitler Gockel wunderbare Auftritte hat. In aller Bescheidenheit wolle er helfen, und zieht damit wohlwissend die Medien an sich. Zwei verschwundene Kinder und der berühmte Star hilft selbst bei der Suche: Was will man mehr? Inklusive Fischer selbst wollen alle tatsächlich eins: Ruhe. Mehr Ruhe, als dem Kommissar lieb sein kann, denn so wirklich hilft man ihm in den elitär-versnobten Kreisen nicht. Vielleicht liegt es aber auch an seinem gesundheitlichen Zustand - denn streng genommen darf er nur stinknormalen Haferschleim essen.

Fazit

Anfangs werden die wichtigsten Figuren vorgestellt, was üblicherweise einige Längen mit sich bringt. Doch schnell wird man in den Bann des Plots gezogen, merkt bald, dass die Fassaden ebenso aufgesetzt wie brüchig sind. Motive für den Mord hatten viele. Wie dieser letztlich und durch wen ausgeführt wurde, ist großes Kino. Da hätte selbst Agatha Christie ihre Freude dran gefunden.

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