Girl A

Erschienen: April 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Englischen von Klaus Timmermann & Ulrike Wasel

- HC, 416 Seiten

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Sabine Bongenberg
Der Horror hinter dem weißen Gartenzaun der Nachbarn

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Apr 2021

Alexandra Gracie konnte sich nicht mehr ganz genau daran erinnern, wann die verrückten Ideen ihres Vaters tatsächlich in einen veritablen Wahn umschlugen. Anfangs war es nur die fixe Idee, Wasser zu sparen; dann wurde es normal, dass sie und ihre Geschwister kaum Gelegenheit hatten, sich zu waschen und nur unregelmäßig etwas zu essen bekamen; zuletzt wurden sie ständig ans Bett gekettet und durften fast nie das Haus verlassen. Dennoch gelang der 15-Jährigen die Flucht, und damit konnte sie das jahrelange Martyrium, dem sie und ihre Geschwister ausgesetzt waren, beenden. Natürlich zog das Leben im „Horrorhaus“ – wie die britische Presse alsbald titelte – die Notwendigkeit der psychologischen Betreuung, der Wiedereingliederung und auch der Trennung der Geschwister nach sich, waren die beteiligten Ärzte doch der Meinung, dass es am Besten sie, die Kinder auf verschiedene Pflegestellen zu verteilen. Immerhin: Alle hatten sich mit dieser Situation mehr oder weniger arrangiert und versuchten, ihr eigenes Leben zu leben. Auch der Kontakt der Familienmitglieder hatte sich auf wenige betreute Treffen reduziert, als der Tod der Mutter im Gefängnis plötzlich verheilt geglaubte Wunden wieder aufreißt. Alexandra – seinerzeit als „Girl A“ anonymisiert und als eine der wichtigsten Zeuginnen gehandhabt – muss sich wieder ihrer Vergangenheit stellen ...

“Die Art, wie Vater sich bewegte, erinnerte mich an ein Krokodil in den Naturfilmen…“

Abigail Dean beschreibt in ihrem bedrückenden Debutroman Girl A die Geschichte eines Überlebenskampfes und eines Verbrechens, das sich lange ankündigt und vor vielen Augen abspielt, aber konsequent ignoriert wird. Die Ich-Erzählerin Alexandra (Lex) Gracie ist mitsamt ihrer Geschwister den Misshandlungen und Vernachlässigungen ihrer Eltern ausgesetzt, die sie brutal verprügeln, hungern lassen, an das Bett ketten, sie zwingen, sich einzunässen, und vieles andere mehr. Dean schildert nur das Notwendigste und konstruiert keine ausufernden Orgien von Gewalt und Dreck. Das ist aber auch nicht nötig, denn die Stärke des Buches liegt in seinen knappen Darstellungen und den eingesetzten Bildern. Die Geschwister werden zuletzt durch die mutige Tat der Heldin gerettet. Die Erwachsenen, denen hätte auffallen müssen, dass die Kinder ungepflegt, schmutzig und immer hungrig die Schule besuchten, sahen lieber weg; eine Tante, die immerhin an der Tür klingelte, zog es vor, den Zustand ihrer Nichte zu ignorieren und zu schweigen. Bedrückend auch die Aussage ihrer Schulfreundin: „Du musst aufhören, auf mein Essen zu starren. Das macht mich ganz kirre.“

Wer nach dieser Geschichte und den Aussagen der Autorin ein wenig genauer recherchiert, stellt alsbald fest, dass sich das Buch an den Ereignissen um die US-amerikanische Familie Turpin orientiert, die – wenngleich auch noch wesentlich zahlreicher als die Gracies – das reale Vorbild bot. Auch hier präsentierten sich die Eltern und Kinder gerne in gleichfarbigen und uniformen Shirts oder Kleidern und gaben vor, ein fröhlicher Haufen zu sein. Auch hier hätte dem aufmerksamen Beobachter aber schon auffallen können, wie dünn die Ärmchen der meisten Kinder waren.

“Was glaubst du denn, wer ihn festgehalten hat?“

Abigail Dean schildert aber nicht nur die Zeit des Martyriums, sondern auch das „Danach“ und damit die Zeit der Befreiung. Besondere Spannung wirft noch einmal die Frage auf, ob allein die Eltern Schuld an der Misshandlung und Vernachlässigung der Kinder trugen, oder ob auch (insbesondere) den älteren Kinder ein Anteil zuzubilligen ist - sei es, um persönliche Vorteile zu erlangen, sei es, um zu dem privilegierten Kreis der männlichen Erwachsenen - der „Entscheider“ - zu gehören. Die Autorin zeigt hier, wie schnell es auch möglich ist, dass die Saat der Gewalt weiter austreiben kann und sich so möglicherweise der Kreislauf wiederholt. Nüchtern berichtet sie darüber, wie die beteiligten Kinder anschließend versuchen, ihre Erfahrungen zu kompensieren – sei es dadurch, dass ein Büfett gnadenlos leergeräumt oder der Kühlschrank mit dem Weihnachtsessen schon in der Nacht geplündert wird. Prosaisch und auch melancholisch mutet dagegen schon die Aussage der Ich-Erzählerin an, dass Sex ihr nur Freude bereitet, wenn sie gedemütigt wird - so traurig es ist: Wen mag das sonderlich überraschen?

Fazit

Abigail Dean lehnt ihren bedrückenden Debutroman an die schreckliche Geschichte der amerikanischen Familie Turpin an, lässt sie aber in England spielen und holt sie damit wesentlich näher an uns heran. Sicher: Jeder von uns würde hoffen, dass sich solche Szenarien nur weit, weit weg, irgendwo in einer gottvergessenen Gegend zutragen können - dabei haben auch wir sie vor der Haustüre. Girl A erzählt ihre Geschichte und setzt ein Zeichen der Hoffnung, dass Menschen vieles überwinden können. Gleichzeitig fordert sie aber auch, genauer hinzusehen und das Böse vor der Haustüre nicht wuchern zu lassen.

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