Mord am Tiber

Erschienen: April 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 320 Seiten

Couch-Wertung:

65°
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Carola Krauße-Reim
Nicht ganz überzeugendes Debüt

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jul 2021

Rafael Kühn hat sich bis jetzt hauptsächlich in der Filmbranche bewegt und macht kaum einen Hehl daraus, dass er aus kommerziellen Gründen zum Autor wurde. Nach eigenen Angaben während eines Interviews für ‚Neustadt-Geflüster‘ sind „Krimis, am besten mit Serienkiller und im mediterranen Setting“ die „sichere Seite“. Da wundert es nicht, dass er seinen Killer in Rom - und da auch noch an historischen Orten - morden lässt.

Pittoreske Plätze für altrömische Hinrichtungsmethoden

Ein deutscher Kardinal wird vom Tarpejischen Felsen in den Tod gestürzt - was aber nicht der letzte perfekt in Szene gesetzte Mord ist, den die Berliner Kommissarin Diana Brandt und ihr römischer Kollege Riccardo Fiorentini aufklären müssen. Schnell wird klar, dass eine rechte Gruppierung genauso beteiligt zu sein scheint, wie diverse mafiöse Strukturen. Fiorentini und Brandt ermitteln am Rand der Legalität und haben dazu noch mit eigenen Problemen zu kämpfen. Vor allem Diana kann nicht mit ihrer Vergangenheit abschließen - schon gar nicht in Rom.

Rom ist immer eine Reise wert, und sei es nur im Kopf und mit Hilfe eines Buches. Kühn vermittelt das Flair der ewigen Stadt anschaulich, wenn auch manchmal die Atmosphäre noch ein kleines bisschen mehr betont hätte werden können - denn nicht zuletzt durch den Vatikan und das reiche historische Erbe ist diese schon einmalig. Dennoch ist das gewinnbringende mediterrane Setting gut gelungen und man fühlt sich gleich hineingezogen in die Geschichte.

Eine Protagonistin mit persönlichem Ballast

Diana Brandt ist nicht begeistert von ihrem Einsatz in Rom. Ihre Vergangenheit als Tochter des bekannten Mafiajägers Adolfo Ferretti kann sie nicht abstreifen.  Doch es scheint noch mehr Geheimnisse im Leben der Kommissarin gegeben zu haben, die sich mit jeder neuen Wendung im Krimi entfalten und erst am Schluss alle auf dem Tisch zu liegen scheinen. Kühn hat mit Diana eine sehr ambivalente Figur geschaffen: Polizistin aus Überzeugung und trotzdem nicht abgeneigt, ihre ungeliebten Beziehungen spielen zu lassen. Als Leser kann man ihr keine uneingeschränkte Empathie entgegenbringen, was nicht zuletzt an ihrem manchmal inkonsequenten Verhalten liegt. Auch Fiorentini scheint private Probleme zu haben, die aber nie wirklich ausgesprochen werden und so den Eindruck machen, als Balance zu den Problemen Dianas herhalten zu müssen, weil sonst die Figur des Kommissars vielleicht zu eindimensional geraten wäre. Was beide aber im Überfluss besitzen ist Intuition – und das ist der größte Schwachpunkt in der Geschichte.

Intuition treibt das Geschehen voran

Mit dem Auffinden der ersten Leiche an historischem Ort schürt der Autor die Spannung gehörig an. Auch die weiteren Opfer altrömischer Hinrichtungsmethoden reißen diese immer wieder aus diversen Abgründen zurück ans Tageslicht. Doch was sich in diesen spannungsarmen Niederungen abspielt, ist leider weniger spektakulär: Hier wird zu oft eine nur Millisekunden währende Mimik oder eine extrem flüchtige Geste zum ausschlaggebenden Hinweis. Manchmal scheinen Diana und Riccardo nahezu unendliche Intuition zu besitzen, denn sie sehen ALLES, interpretieren das dann auch noch treffsicher und erahnen zudem zweifelsfrei, was der andere denkt. Das nimmt dem Krimi sehr viel an Logik, Realität und auch an Spannung - und die wäre bei der Verstrickung von Politik, Mafia und Vatikan durchaus permanent  darzustellen gewesen. Der Autor erwähnt im o.g. Interview den „Ansporn, das oft wiederholte Genre um eine persönliche und politische Ebene zu erweitern“, was er auch tut - nur holpert es an der Ausarbeitung und Realisierung handlungsvorantreibender Mittel. Die ein oder andere Erkenntnis oder ein schlüssiger Beweis statt aus einem Zwinkern abgeleitete Gewissheit hätten der Geschichte und der Spannung gut getan.

Krampfhafte Aktualität ist selten gut

Kühn hat so ziemlich alles an aktuellen Problemen in den Krimi gepackt - und ihn damit leider überfrachtet: Missbrauch in der Kirche, Homosexualität, der zunehmende Einfluss populistischer Strömungen auf die Politik, die Flüchtlingssituation in Italien, mafiöse Strukturen … Natürlich gibt es das alles, und nicht nur in Rom, aber geballt auf ca. 300 Seiten ist es etwas viel. Wenn dann zum Schluss auch noch die Frage nach der Integrität dazu kommt, ist der Krimi endgültig thematisch überladen. Natürlich schaffen es Diana und Riccardo, den Täter zu überführen; doch auch hier rächt sich die Diversität an Themen und es hat den Anschein, dass der Autor so gerade noch die Kurve zu einem halbwegs schlüssigen Ende gefunden hat.

Fazit

Mord am Tiber ist ein Debüt-Krimi und darf daher kleine Schwächen aufweisen. Wer mit diesen zurechtkommt, findet einen leicht zu lesenden, wenig anspruchsvollen, etwas überfrachteten, aber dennoch spannenden Mainstream-Krimi vor, der den Leser in die ewige Stadt entführt.

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