Es wird jemand sterben

Erschienen: April 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 290 Seiten

Couch-Wertung:

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Jörg Kijanski
Es wird jemand überleben

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mai 2021

Juli 1955: Ein namenloses Dorf nahe der Eifel. Das Leben ist beschaulich, der Alltag treibt routiniert dahin. Ruhe statt Großstadthektik. Der letzte Krieg ist weit weg, man blickt nach vorne. Das größte Haus gehört dem Apothekerpaar Siedemann, dessen Sohn Felix in die hübsche Ursula Markwitz verliebt ist, die mit ihrer Mutter Metha in einer ärmlichen Nissenhütte am Dorfrand lebt. Dies ist einer der Gründe, warum Felix‘ Mutter Hertha ganz entschieden gegen die Beziehung ist, denn ihr Sohn hat selbstredend etwas Besseres verdient. Dann verschwindet Ursula von einem Tag auf den anderen, und der Dorftratsch nimmt Fahrt auf: Womöglich habe sie in der Fabrik, in der sie in der Stadt arbeitet, einem der vielen neu hinzugezogenen Italiener schöne Augen gemacht; andere hingegen befürchten, dass sie nicht freiwillig ging, sondern einem Verbrechen zum Opfer fiel. Verdächtige sind schnell benannt: Goswin Pröll zum Beispiel, ein heruntergekommener Mann, der außerhalb des Dorfes haust und dafür bekannt ist, dass er Ursula nachgestellt hat und seine Lebensgefährtin Else regelmäßig schlägt. Oder Martin Schopp, der junge Erwachsene, der geistig zurückgeblieben und zum Schrecken aller nicht in einer Anstalt, sondern bei seinen Eltern lebt; mehrfach hatte der Dorftrottel sich schon vor Kindern entblößt oder Tiere gequält.

     „Natürlich kreisen ihre Gespräche um den Mord an Martin Schopp. Und um die Männer von der Polizei, die überall herumschnüffeln, an jede Haustür klopfen, Fragen stellen. Hartnäckig sind diese Kerle. Sie scheinen tatsächlich zu glauben, den Totschläger unter den Dorfbewohnern zu finden. Doch so einfach liegt die Sache nicht. Hier hält man den Mund, wenn man nichts zu sagen hat, und zum Tod des Martin Schopp hat man nichts zu sagen. Weil es so besser ist.“

Die Polizei ermittelt zunächst nicht - schließlich war Ursula erwachsen und hat ja vielleicht tatsächlich irgendwo die große Liebe gefunden. Im Hause Pröll kommt es wenig später zu einer handfesten Auseinandersetzung, die ebenso tragisch wie tödlich endet. Gleich vier Dorfbewohner entscheiden sich, dem Trottel eine ordentliche Abreibung zu verpassen, wobei auch diese komplett ausartet und tödlich endet. Die Polizei muss die Ermittlungen nun aufnehmen, doch die Dorfgemeinschaft ist verschwiegen. Während von Ursula weiterhin jede Spur fehlt, kommt es zu weiteren mysteriösen Todesfällen.

Die Fassade vom beschaulichen Landleben bröckelt gewaltig

Der Buchtitel Es wird jemand sterben ist die Untertreibung des Jahres, denn tatsächlich ist die Zahl der Überlebenden deutlich geringer. Wie bei einem Schachspiel kommt es immer wieder zu geänderten Situationen, werden nach und nach die einzelnen Figuren vom Spielfeld genommen. Nicht immer feinfühlig beschreibt Herbert Pelzer, wie sich das Verschwinden der Ursula, Elses Tod und Martins Ermordung durch Totschlag auf die Dorfgemeinschaft auswirken. Nach außen verschlossen, traut hier gleichwohl niemand seinem eigenen Nachbarn. Wie sich herausstellt zu Recht - denn nahezu alle haben ihre Geheimnisse, die mitunter tödliche Konsequenzen haben. Es wird gedroht, schikaniert, gezündelt und geprügelt; da bleiben weitere Unglücksfälle nicht aus.

     „Es gärt in dem kleinen Dorf vor dem großen Wald. Gerüchte werden offen ausgesprochen. Hinter blütenweißen Gardinen zeichnen sich die Gesichter der Dörfler ab, die misstrauisch beobachten, was vor ihrer Haustüre geschieht.“

Wer einen „klassischen“ Krimi mit polizeilichen Ermittlungen erwartet, dürfte enttäuscht - oder viel mehr überrascht - werden. Pelzer erzählt seine Geschichte konsequent mit all ihren menschlichen und moralischen Verwerfungen, während der auf der Buchrückseite angekündigte Kommissar Kaul erstmals auf Seite 178 namentlich erwähnt wird; zwei Drittel der Handlung sind da bereits erzählt. Mangels aussagewilliger Zeugen gibt es nicht viel zu ermitteln, und so versteift sich Kaul auf die erstbeste Lösung. Resultate sollen endlich her, wobei er mit seiner voreiligen Verhaftung schon die nächste Lawine lostritt.

     „Die Polizei lauert darauf, jemanden zum Reden zu bringen, und die Dörfler verschanzen sich hinter zähem Schweigen. Doch die Zeit spielt für die Polizei, es gärt im Dorf, und irgendwann wird die Maische aus Schweigen und Zusammenhalten überlaufen.

Fazit

Die Dorfbewohner und ihre Marotten nehmen den Hauptteil des geschickt arrangierten Plots ein, der bürgerlich wirkende Fassaden zunehmend bröckeln lässt. Hass, Gewalt und Misstrauen bilden eine gefährliche Gemengelage, in der zunehmend alle Hemmungen fallen. Gerade in einer Phase, wo der Zusammenhalt am wichtigsten erscheint, schaut jeder für sich. Nicht nur körperliche Gewalt, auch Schweigen will gelernt sein. Das Ende wartet durchaus mit der einen oder anderen Überraschung auf, wie sich - teils grotesk - die Dinge entwickelt haben und wie letztlich alles zusammenhängt.

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