Schrot und Horn

Erschienen: Januar 1968

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1968 unter dem Titel „Shotgun“

- New York : Signet Books 1968. 173 S.

- Frankfurt/Main - Berlin : Ullstein Verlag 1970. Übersetzt von Martin Lewitt. 155 S.

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Michael Drewniok
Sie sollten absolut tot sein

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Der Milchmann entdeckt bei seinem morgendlichen Liefergang das Ehepaar Leyden tot in seiner Wohnung. Der Mörder hat aus kürzestes Distanz mit einer Schrotflinte geschossen; um ganz sicher zu gehen, hatte er nicht nur die durchschlagsstärksten Schrotpatronen geladen, sondern beiden Opfern zwei Kopfschüsse verpasst, weshalb sie nur noch anhand eines Muttermals (sie) bzw. einer Tätowierung (er) identifiziert werden können.

Die Kriminalbeamten Steve Carella und Bert Kling vom 87. Polizeirevier der Stadt Isola übernehmen den Fall, der trotz der grässlichen Begleitumstände zunächst nach reiner Polizeiroutine aussieht. Es gelingt, die am Tatort zurückgelassen Flinte ihrem Besitzer zuzuordnen. Walter Damascus arbeitet als Türsteher und Rausschmeißer in einer Bar, doch er ist verschwunden - untergetaucht in einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern, weshalb die Frage, warum er ausgerechnet einen unbescholtenen Handelsvertreter und dessen Gattin auf so brutale Weise ermordet hat, erst einmal ohne Antwort bleibt.

An anderer Stelle untersuchen die Beamten Meyer Meyer und Cotton Hawes - ebenfalls vom 87. Revier - den Mord an der allseits (aber womöglich allzu) beliebten Barfrau Marguerite Ryder, die mit einem Küchenmesser in der Brust ihr Leben aushauchte. Kurz zuvor hatte sie an ihrem Arbeitsplatz einen Mann kennengelernt, der sich später auffällig nach ihrer Adresse erkundigte. Leider kennt niemand seinen Namen, und die Beschreibungen sind eher vage. Auch diese Ermittlung schleppt sich deshalb mühsam voran.

Als der Durchbruch endlich gelingt, ist der Auslöser ein Zufall. Nur auf diese Weise kann die Auflösung beider Verbrechen schließlich gelingen, da die Realität in Sachen Absurdität wieder einmal jede Fiktion in den Schatten stellt …

Die Stadt ist ein Tollhaus

Mit dem 23. Band seiner nicht nur langlebigen, sondern aufgrund ihrer grundsätzlichen Qualitäten bei stetiger aber behutsamer Anpassung an das jeweilige zeitliche Umfeld zu Recht berühmten Serie um das 87. Polizeirevier der fiktiven US-Großstadt Isola scheint Ed McBain innezuhalten: Dieses Mal gerät keine der Hauptfiguren in Lebensgefahr, es gibt keine stadtteilweiten Unruhen, und auch die genialen Irren der Verbrecherwelt glänzen durch Abwesenheit. Wir folgen zwei Zwei-Mann-Teams bei Routine-Ermittlungen, auch wenn einer der Fälle ein schauerliches Fanal setzt.

Schon der Originaltitel deutet Schrecken an (während in Deutschland ein Verlags-Witzbold wieder Originalität an den Tag legen wollte und eine satte Bauchlandung hinlegte): Shotgun - Schrotflinte. Dieses eine Wort bringt des Lesers Kopf-Kino umgehend in Gang. Durch das Fernsehen und dank CSI sowie unzähliger „True-Crime“-‚Dokumentationen‘ sind wir im Bilde, was ein Schuss aus dieser Waffe anrichten kann, die auf höchstmögliche Zerstörungswirkung konstruiert wurde.

Der Overkill durch die Verwendung einer solchen Waffe belegt eine Wut, die an Wahnsinn grenzt, weshalb auch die Beamten des 87. Reviers lange nach einem Psychopathen fahnden. Tatsächlich unterliegen sie einem verständlichen Irrtum, den McBain uns nicht als Finaltwist verkauft, sondern als logische Auflösung nach systematischer Ermittlung darstellt. Polizeiarbeit ist Fußarbeit, vermittelt uns McBain zum wiederholten Male, und das Ergebnis selten spektakulär, sondern in der Regel schrecklich simpel.

Profis am Werk

McBain nimmt sich mehr Zeit als sonst, uns mit Hintergrundinformationen über den Alltag in Isola zu informieren. Sie gehören nicht zu den Fällen, liefern diesen jedoch ein Verständnisfundament. Wenn wir die letzte Seite gelesen haben, begreifen wir, dass und wieso ein Doppelmord per Schrotflinte zumindest für die Männer vom 87. Revier nichts Außergewöhnliches bedeutet. Dafür sorgen vor allem McBains exemplarische Schilderungen einiger Halloween-Scherze, die zu Kapitalverbrechen ausarten: grausame, bizarre, sinnlose Taten, die nicht einmal die Täter logisch erklären können.

Steter Tropfen höhlt nicht nur den Stein: Die Beamten sind keine Ermittler-Genies, wie sie es nur im Kriminalroman und Kino gibt (und die sie als Profis, die es besser wissen, gern mit spöttischen Bemerkungen bedenken). Sie leisten einen meist stumpfsinnigen Job, und sie leisten ihn aus Überzeugung sowie gründlich, da sich ein zunächst beliebiges Detail später als entscheidender Hinweis entpuppen kann. Unterbezahlung, Überstunden und der Undank einer meist polizeifeindlichen Bevölkerung können sie frustrieren oder behindern, aber nicht stoppen: Sie wissen, was und wieso sie es tun.

Um dies zu unterstreichen greift McBain einen Mord auf, der Jahre vor Schrot und Horn begangen wurde: In Das Unschuldslamm, erschienen 1965, hatte der Holzschnitzer Roger Broome eine junge Frau umgebracht und die Leiche unbemerkt entsorgen können. Beides war den Beamten des eigentlich zuständigen 87. Reviers völlig unbekannt geblieben, sodass sie in dieser Geschichte nur als Randfiguren auftauchten. Im Mittelpunkt stand Roger, der perfekte, aber geistig schlichte Mörder, dem es einfach nicht gelingen wollte, ein Geständnis abzulegen. Fünf Jahre später ist er immer noch frei und leidet unter seinem Gewissen - aber dieses Mal hört ihm endlich jemand zu.

Die Spannung des bedingt Spektakulären

In Deutschland ist Schrot und Horn nur einmal erschienen; dies ist auffällig, da praktisch jeder Roman um das 87. Polizeirevier bis in die 1980er Jahre mehrfach aufgelegt wurde. Möglicherweise übte McBain dieses Mal ein wenig zu viel Zurückhaltung, um Gnade in den Augen einer Leserschaft zu finden, die das Verbrechen lieber als Spektakel inszeniert sah, statt beunruhigend auf seine beiläufige Allgegenwart hingewiesen zu werden.

Zwar liefert auch McBain ein aufgelöstes Verbrechen, doch nur der schriftlich fixierten Gerechtigkeit wird Genüge getan; auf der Strecke bleibt die Sinnfrage. McBain stellte sie schon früher so, dass eine Antwort schwierig wurde. Dieses Mal ist sie unmöglich, denn das aufgeklärte Geschehen ergibt einfach keinen Sinn, sondern bildet eine Kette aus normalerweise isolierten, jedoch perfekt zueinanderpassenden Einzelereignissen. Erst in ihrer zufälligen Gesamtheit erreichen sie ihr schreckliches Niveau. So etwas im 23. Band einer Serie vermitteln zu können, zeichnet wahrscheinlich am deutlichsten einen Schriftsteller aus, der wie Ed McBain sein Handwerk versteht.

Fazit

Zumindest in Deutschland gehört dieser 23. Band zu den weniger bekannten Romanen der berühmten McBain-Serie, was seiner realistischen Eindringlichkeit keinerlei Abbruch tut: zeitloser Lektüre-Genuss.

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