Die Kobra von Kreuzberg

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 208 Seiten

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Sabine Bongenberg
Die wunderbare Welt der Amelie – kriminell in Berlin und grandios

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mai 2021

Viele Familien haben so ein Mitglied, das von allen ein wenig belächelt wird; nicht direkt ein schwarzes Schaf, aber jemand, der mit den ganzen Erfolgen der Anderen nicht mithalten kann. Ein bisschen so fühlt sich Beverly Kaczmarek - denn ihre Brüder Yves und Billy landen einen gewaltigen Coup nach dem anderen und sie hat es mal gerade geschafft, zwei Wedgwood Vasen zu klauen, von denen eine noch zu Bruch gegangen ist. So etwas ist unspektakulär und unbefriedigend und ihre Brüder lassen keine Gelegenheit aus, ihr das auch unter ihre Nase zu reiben. Beverly braucht einen Plan, braucht ein spektakuläres Objekt, das noch niemand geklaut hat, etwas über das jede Zeitung berichten würde, also das Wahrzeichen einer Stadt oder sogar einer Nation. Was wäre, wenn sie die Quadriga auf dem Brandenburger Tor klauen würde? Und schon reift in Beverly Kaczmarek ein verwegener Plan ...

„Wo waren die wahren Verbrecher geblieben, die kriminellen Giganten, die Großhirne des Eigentumsdelikts?“

Michel Decar stellt in seinem Buch Die Kobra von Kreuzberg eine verrückte Gegenwelt vor. Im Leben der Kaczmareks, seit vielen Generationen fest mit dem Verbrechen verwurzelt und seit jeher nicht auf dem allerbesten Fuß mit dem Gesetz stehend, ist vieles anders als beim durchschnittlichen Bundesbürger. Sieht man davon ab, dass der Clan bevorzugt seine Galabebekleidung von dem Label mit den drei Streifen bezieht (natürlich mit Ausnahme von Charley Kaczmarek, dem bestgekleideten Verbrecher westlich des Dnjepr) sowie eine mehr als legere Einstellung zu Alkohol am Vormittag, zu Glückspiel und Malefiz und zu dem gelegentlichen Drogenmissbrauch hat, so ist es für sie ein wichtiges Anliegen, insbesondere mit spektakulären Aktionen (umso besser, wenn sich dabei noch die eine oder andere Explosion ereignet) von sich reden zu machen. So wie der Künstler sich unverstanden fühlt, wenn sein Oeuvre von der Kritik missachtet wird, so ist es hier ein Armutszeugnis, wenn auf dem Markt des Raubes nichts Neues mehr geboten werden kann. Oder, um es mit Beverlys Worten zu sagen: „Es ist total 80er, den Vatikan auszuräumen!“ Vor diesem Hintergrund entwickelt Decar eine verrückte Gegenwelt in Berlin und lässt den Leser eine atemberaubende Reise zu wunderbaren Orten, eigenartigen Restaurants und besonderen Helden machen, die sich abschnittsweise auf sehr spezielle Geschäftsbereiche spezialisiert haben.

Manchmal erinnert Decars Buch wie eine literarische Anlehnung an Die wunderbare Welt der Amèlie, wenn auch mit etwas weniger Poesie und mit deutlich mehr Verbrechen. Aber so wie in diesem Film schildert der Autor immer wieder Geschichten, die zeitgleich ablaufen, und schafft somit eigene kleine Erzählungen im eigentlichen Roman, die mit der Handlung zugegebenerweise nicht viel zu tun haben, aber einfach hübsch sind. Geradezu genial sind dagegen die neuen Verbrechen und Berufszweige, die Decar schildert, und die sofort ergriffenen Gegenmaßnahmen der Regierenden und Ordnungshüter. Überzeugend so die männliche Hauptrolle des Dragan Vidovic, seines Zeichens Wetterterrorist und aus einer langen Linie eigenwilliger Anarchisten hervorgehend; seine Idee, einen Staat in die Knie zu zwingen ist so einfach wie genial: „Welcher Urlauber wollte schon in eine Stadt fahren, in der es konstant Minusgrade hatte?“ - wenn auch nicht der allerletzte Schrei, denn „schon 1921 hatten irische Untergrundorganisationen ein ähnliches Konzept entwickelt, mit dem Ziel, London in die Knie zu zwingen, indem sie behaupteten, es würde dort jeden Tag regnen.“
Auf solche Verbrecher und Anarchisten muss man erst einmal kommen.

Wunderschön auch das Portrait Berlins, das Michel Decar immer wieder in die Handlung einbaut. Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht, ob es diese Kneipen gibt, aber sollte es sie geben, dann wäre man nach Beverlys empörter Reaktion auf eine Anmache bestens präpariert: “Wenn man Bock auf Konversation hat, geht man in den Feuersalamander, wenn man jemanden aufreißen will, ins Schöne Streifen oder ins Micky Caruso, aber im Echo Delay will man einfach in Ruhe saufen und sich die Leber mit Ethanol vollkleistern.“ Gut ist natürlich auch zu wissen, wo man bei Bedarf frisches tschechisches Crack erwerben kann und wo man Pralinen mit dem Slogan „Nur der Tod ist süßer“ (Ähhh ..?) für die Lieben zuhause bekommt. Laut Michel Decar gibt es sogar das „Kartenspiel International“, und wem in Berlin - wenn Corona endlich mal vorbei ist -  nach einer Runde zocken zumute ist, der kommt auch hier weiter.

                           “Was wäre dir denn lieber? Die Kobra von Kreuzberg?“
                   “Klar. Immer noch besser als der Python vom Prenzlauer Berg.“

Fazit

Michel Decar schafft es in diesen verrückten Zeiten, selbst dem Leser, der alleine zuhause sitzt, immer wieder ein Lächeln hervorzulocken. Eine grandiose Verbrechensidee, durchgeknallte Bösewichte und sehr spezielle Familienmitglieder geben sich hier ein kunterbuntes Stelldichein, bei dem der Leser fast Gefühl hat, bei der ersten Lektüre gar nicht alles mitbekommen zu haben. Sicher- die Kobra von Kreuzberg ist kein Krimi im eigentlichen Sinne - aber vermutlich wäre man bei dem Titel auch von selbst darauf gekommen. Aber wo wir einmal dabei sind – von der Kobra hätte ich gerne noch etwas mehr gelesen. Herr Decar, wann kommt denn die Fortsetzung?
 

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