Bad Axe County

Erschienen: Juli 2020

Bibliographische Angaben

- TB, 336

- in englischer Sprache

- Bd. 1

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Michael Seitz
Milchkönigin wird Sheriff

Buch-Rezension von Michael Seitz Feb 2021

Officer Heidi Kick, ehemalige „Milchkönigin“ des Milchfarmer-Staates Wisconsin, wird vom Gemeinderat interimistisch bis zur Wahl eines neuen Amtsinhabers zum Sheriff von Bad Axe County berufen, nachdem der alte Sheriff Gibbs unerwartet den Löffel abgegeben hat. Heidi, Mutter von drei Kindern und verheiratet mit dem Baseballcoach der Lokalmannschaft des County, bemüht sich nach Kräften, in dieser ländlichen Gegend nahe des Oberlaufs des Mississippi voller feuchter Wiesen und „Coulees“ (das sind tiefe Täler mit kleinen Bächen, die bei Regen schnell zu reißenden Strömen werden), Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Das erweist sich in mehrfacher Hinsicht als nicht ganz einfach: Zum einen ist für viele ihrer kruden Redneck-Nachbarn ein weiblicher Sheriff schon an sich eine Provokation, die zu allerhand derben Witzen nicht nur verbaler Art über und gegen die ehemalige „Dairy Queen“ Anlass gibt. Ganz besonders Boog Lund, langjähriger Deputy und – ebenso wie Heidi  - Anwärter auf die Sheriff-Nachfolge, lässt keine Gelegenheit aus, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Obendrein steht sich Heidi selbst im Weg, trägt sie doch an dem Trauma, dass ihre Eltern im Nachbarcounty vor 12 Jahren einen Doppelselbstmord begangen haben sollen - woran Heidi aber nicht einen Augenblick lang glaubt. Deshalb stellt sie bereits seit Jahren eigene Nachforschungen an, die indes zu nichts führen. Heidi träumt davon, eines Tages dem „Zombie“, der ihre Eltern umgebracht hat, eine Kugel ins Hirn zu jagen. Und ihre innere Einstellung zu den brutalen und abgestumpften „Methheads“, die in ihrem County für einen Großteil des Verbrechens verantwortlich sind, unterscheidet sich davon nicht wesentlich.

Zwei Nächte, zwei Perspektiven

In einer Nacht voller Schnee, Eisregen und anschwellender „Coulees“ bekommt es Heidi dann mit gleich mehreren merkwürdigen Vorfällen zu tun, deren innerer Zusammenhang sich ihr erst viel später erschließt: Ein Kerl stürmt mit einem jungen Mädchen im Schlepptau in die örtliche Bibliothek und schlägt den ältlichen Bibliothekar nieder, nachdem dieser den beiden einen Band mit alten Lokalzeitungen herausgesucht hat; ein Ex-Baseballcoach wird brutal zusammengeschlagen; in die örtliche Fleischfabrik wird eingebrochen, es wird aber nichts gestohlen. Zu allem Überfluss bekommt Heidi Wind davon, dass auf einer entlegenen Farm eine illegale Party mit Drogen, Stripperinnen und möglicherweise Schlimmerem steigen soll. So hetzt Heidi zwei Tage und Nächte lang atemlos den sich schnell zuspitzenden Ereignissen hinterher, und dabei sind die spiegelglatten Straßen noch die geringste Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Leben. Die meisten Ihrer Deputys sind keine Hilfe, sondern behindern sie nach Kräften. Nur Denise, ihre Dispatcherin am Funkgerät des Sheriffbüros, und Deputy Olaf „the Handsome“ Yttri halten unerschütterlich zu ihr.

Die rasante Geschichte erzählt Galligan aus zwei Perspektiven: Aus derjenigen von Heidi Kick und aus der Perspektive der fünfzehnjährigen Pepper Greengrass, dem Mädchen aus der Bibliothek, das – ohne es anfangs selbst zu ahnen – Opfer eines üblen Falles von Menschenhandel werden soll. Pepper, mit fünfzehn schon hart wie Glas und der festen Überzeugung, niemand – schon gar kein Mann - könne ihr wehtun, durchlebt einen Albtraum aus sexualisierter Gewalt, der zu gleichen Teilen auf Zufall, Dummheit, männlichem Größenwahn und menschlicher Gleichgültigkeit beruht. Nur Heidi ist ihr auf der Spur und versucht zu retten, was zu retten ist.

Leben und Sterben im ländlichen Amerika

Wisconsin ist einer jener „Flyover-States“, den Europäer und auch Amerikaner aus den liberalen Ost- und Westküstenregionen nur aus dem Flugzeugfenster in 10.000 Metern Höhe wahrnehmen. Und doch gibt es hier alles, was die USA ausmacht - im Guten wie im Schlechten. Hier existiert gute Nachbarschaft ebenso wie stumpfe Gleichgültigkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl neben primitivem Machotum, Sport- insbesondere Baseballkult - ebenso wie Jugendliche, die sich mit Methamphetaminen und Alkohol das Gehirn wegbrezeln. Es herrscht die Gier und ein Überlebenskampf „Jeder gegen Jeden“, der jede Abscheulichkeit möglich, ja logisch erscheinen lässt. Und die sozialen Medien, die gerade auch hier im „Rural America“ inzwischen zum Standardrepertoire von Hass und Hetze gehören, wirken als Brandbeschleuniger.

Calligan beschreibt ein höchst aktuelles Amerika der Vergessenen, der Zurückgelassenen und der Zurückgebliebenen. Wer wissen will, woher die 70 Millionen Amerikaner kommen, die Donald Trump gewählt haben und wie sie ticken, der wird in diesem Buch ganz nebenbei eine Menge Antworten finden. Ein Beispiel: Heidi besucht eine heruntergekommene „Shooting Range“. Dort hängt ein Plakat, das Ronald Reagan mit einem Affenbaby zeigt, dem er die Flasche gibt. Darunter hat der Range-Besitzer geschrieben: „I´ll be damned … Ronald Reagan used to babysit Obama“. Noch Fragen?

Spannend, rasant, intelligent

Dem Autor gelingt ein ebenso spannendes wie glaubwürdiges, gelegentlich sogar humorvolles Buch. Das Erzähltempo ist rasant, die Sprache passt zu den burschikosen, manchmal brachialen Figuren und manche Schilderungen psychischer und physischer Gewalt sind nichts für schwache Nerven, dafür aber nah an der Realität. Die Ereignisse folgen einer glaubwürdigen, ja unausweichlichen inneren Logik menschlichen Stumpfsinns. Der Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Mensch und Bestie ist manchmal schwer auszumachen - ganz so wie im richtigen Leben. 

Fazit

Hier und da übertreibt es der Autor mit den Actionsequenzen: Ein paar Mal zu oft muss sich Heidi aus den reißenden Fluten der anschwellenden „Coulees“ retten und ein wenig zu hartnäckig verfolgt sie (manchmal buchstäblich gegen die Gesetze der Physik) den Weg zu ihrem Ziel, Pepper Greengrass vor weiterem Unheil zu bewahren. Seine starken Momente hat dieses Buch dann auch nicht dort, sondern bei der Darstellung seiner Figuren, und zwar gerade der Unsympathischen. Fiese Rednecks und verklemmte Dorfdeppen, tumb , brutal und chauvinistisch, aber bis an den Rand des Schwachsinns von der eigenen Überlegenheit überzeugt, unterschätzen ihre Gegnerin bis zum (ebenso überraschenden wie überzeugenden) Ende  ein um´s andere Mal - und das einfach nur, weil sie eine Frau ist. Ein ebenso spannendes wie intelligentes Lesevergnügen!

Bad Axe County

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Letzte Kommentare:
22.02.2021 10:03:26
Krimi-Couch.de

Lieber Uwe,
vielen Dank für Deine Anmerkungen.
Wie Michael Seitz schon erwähnt hat, haben wir auf der Krimi-Couch eine eigene Kategorie "Englischsprachige Bücher" (siehe Menüpunkt "Kategorie"). Unter jedem Cover wird die Zuordnung eines Buches zu unseren jeweiligen Kategorien/Themen/Rubriken angezeigt. So auch bei diesem Titel.
Gerne prüfen wir aber, ob wir noch einmal zusätzlich direkt am Titel einen Hinweis ergänzen, damit schneller ersichtlich ist, dass es sich um einen englischsprachigen Titel handelt.

22.02.2021 09:48:44
Uwe

Hallo Michael!
Ich wußte nicht, dass sich auch Verlage für solche Rezensionen interessieren. Wenn sich dann ein deutscher Verlag entschließt, das entsprechende Buch auf deutsch herauszubringen, finde ich das auch voll in Ordnung. Hätte ich auch selber drauf kommen können. :-(
Es ist ja auch okay, dass ihr so etwas macht. Ein kleiner Hinweis darauf, dass es sich um ein fremdsprachiges, noch nicht auf deutsch erschienenes Buch handelt, wäre doch nicht zuviel Arbeit.

20.02.2021 16:14:18
Michael Seitz

Lieber Uwe, Du hast Recht, das Buch ist (noch) nicht auf Deutsch erschienen. Würden wir hier aber nur deutsche Bücher rezensieren, so hätten wahrscheinlich viel weniger gute Krimis aus dem englischsprachigen Raum die Chance, einen deutschen Verlag zu finden. Und das wäre doch Schade, findest Du nicht? Die überwältigende Mehrzahl der Besprochenen Bücher hier ist natürlich in deutscher Sprache erschienen, und die wenigen englischsprachigen findest Du allesamt in der Gleichnamigen Rubrik, die auch über der Rezension vermerkt ist.. Und ich kenne eine Menge Leute - mich eingeschlossen - die gerade Krimis gern auch auf Englisch lesen, zumal in diesem riesigen Sprachraum natürlich viel mehr interessante Bücher erscheinen als auf Deutsch. Und für diese Leser sollte es auch ein Angebot geben, finde ich.
Dein Michael Seitz

20.02.2021 15:28:02
lamaga

Leider gibt es diese Buch nicht auf deutsch. Ich finde es irreführend wenn es nicht explizit erwähnt wird, dass es nur eine englische Ausgabe gibt.

20.02.2021 08:38:44
Uwe Schäfer

Ich dachte, diese Rezension bezieht sich auf ein auf deutsch erschienenem Buch. Es hörte sich so gut an, dass ich es mir schon besorgen wollte. Leider ist es noch nicht auf deutsch erschienen. Vielleicht sollte man dies dabei schreiben. Ich kann zwar ein bißchen Schulenglisch, aber es reicht nicht, um ein Buch zu lesen. Das ärgert mich ein bißchen.
Ich fände es ganz gut, wenn sie keine fremdsprachigen Bücher rezensieren würden.
Immerhin ist dies hier eine deutsche Krimiseite. Der Großteil ihrer Leser dürfte dies ähnlich sehen. Hoffe ich..

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