Geiger

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Schwedischen von Thorsten Alms

- TB, 496 Seiten

- Bd. 1

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Thomas Gisbertz
Spannende Story mit Schwächen in der Figurendarstellung

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Mär 2021

„Das Festnetz-Telefon klingelt, als sie am Fenster steht und ihren Enkelkindern zum Abschied winkt. Agneta hebt den Hörer ab. „Geiger“, sagt jemand und legt auf. Agneta weiß, was das bedeutet. Sie geht zu dem Versteck, entnimmt eine Waffe mit Schalldämpfer und tritt an ihren Mann heran, der im Wohnzimmer sitzt und Musik hört. Sie setzt den Lauf an seine Schläfe – und drückt ab. Als Kommissarin Sara Nowak von diesem kaltblütigen Mord hört, ist sie alarmiert. Sie kennt die Familie seit ihrer Kindheit …“

Kalter Krieg

Ganz Schweden ist geschockt, als man in den Nachrichten über die Ermordung der beliebten Fernseh- und Entertainerlegende Stellan Broman berichtet. Zu allem Überfluss ist die Frau des 85-jährigen Opfers spurlos verschwunden. Keiner bringt aber die fast 70-jährige Agneta mit der Ermordung ihres Mannes in Verbindung. Die ermittelnde Kriminalhauptkommissarin Anna Torhall ruft ihre Kollegin Sara Nowak vom Sittendezernat zum Tatort, da sie „Onkel Stellan“ und dessen Familie seit vielen Jahren kennt. Nowak spürt, dass Broman kein Zufallsopfer ist. Bei ihrer Recherche stößt die Ermittlerin auf ein dunkles Geheimnis: Das Opfer scheint inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR gewesen zu sein. Als Nowak plötzlich Bekanntschaft mit dem Bundesnachrichtendienst macht, der sich ebenfalls für den Fall interessiert, wird deutlich, dass das Motiv für den Mord mit Ereignissen während des Kalten Krieges in Verbindung steht. Je tiefer Nowak sich mit der Vergangenheit der ehemaligen Fernsehlegende auseinandersetzt, umso deutlicher wird, dass Stellan Broman nicht das letzte Opfer sein wird ...

Teil 1 der „Geiger-Reihe“

Gustaf Skördeman, 1965 geboren, ist in Schweden ein bekannter Drehbuchschreiber, Regisseur und Filmproduzent. Geiger (so auch der schwedische Originaltitel) ist sein schriftstellerisches Debüt und gleichzeitig Auftakt einer Trilogie. Die Idee für diesen Spionagethriller kam ihm bereits vor zehn Jahren. Skördeman, der zur Zeit des Kalten Krieges aufwuchs, hat lange und sehr akribisch zu diesem Thema recherchiert. Auch alte Zeitungsartikel, die der Autor aus dieser Zeit aufbewahrte, lassen sich im Roman wiederfinden (z.B. ein Artikel zum STAY PUT-Programm von 1986). Die Verbindung von historischen Fakten und fiktiver Handlung machen das Besondere des Thrillers aus. Im Mittelpunkt steht dabeinicht die Frage, wer der Täter ist, sondern das Motiv und die Beweggründe für das Handeln Agnetas. Der zweite Band, der mit Faust ebenfalls einen deutschen Titel trägt, ist in Schweden bereits erschienen.

Tiefgründige Recherche

Zunächst fällt auf, dass Skördemans Debüt immer dann zu überzeugen weiß, wenn er sich auf historische Fakten bezieht. Hier entwickelt der Roman einen riesigen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Der Autor lässt den Ost-West-Konflikt zu Zeiten des Kalten Krieges wieder lebendig werden: Er zeigt nicht nur auf, wie kurz man damals vor einem Dritten Weltkrieg stand, sondern verdeutlicht vielmehr, wie sich die Großmächte bereits strategisch auf einen Krieg vorbereitet haben. Skördeman benennt die Motive für das militärische Handeln ebenso wie die Konsequenzen, die sich aufgrund der Bedrohung für beide Seiten ergaben, ohne den Leser jedoch mit Informationen zu überfordern. Gleichzeitig gelingt ihm ein nachvollziehbarer Sprung in die Gegenwart - verbunden mit der Frage, wie lebendig und aktuell der Kalte Krieg immer noch ist.

Für und Wider

Der Roman hat aber auch seine Schwächen. Besonders fällt dies auf, wenn der Autor versucht, die Gedanken und Gefühle seiner Figuren wiederzugeben: Wenn Skördeman seine Hauptfigur Sara Nowak durch das Broman‘sche Anwesen wandeln lässt und ihr beim Anblick des Hauses und des Gartens Erinnerungen an ihre Kindheit kommen, ähnelt dies eher einem Fontane-Roman als einem Spionagethriller. Insgesamt bleibt die Darstellung Nowaks, die eigentlich als Ermittlerin bei der Sitte arbeitet und genug von dem Missbrauch und der Gewalt Frauen gegenüber hat, noch zu eindimensional. Nowak fällt es schwer, Privates losgelöst von beruflichen Erfahrungen zu bewerten. Wenn sie dann ihren Sohn Olle beim Pornoschauen erwischt, ihre Tochter an einer „Nutten-und-Zuhälter-Party“ teilnimmt und ihr Mann zur Prostituierten Nikki X geht, trägt der Autor leider zu dick auf. Einzig die Wut, die in Nowak hochkommt, wenn sie während ihrer Arbeit miterleben muss, wie Prostituierte brutal missbraucht werden, erscheint ebenso glaubhaft wie das daraus resultierende unkontrollierte und unprofessionelle Verhalten.

Beliebter Fernsehmoderator als Ekel

Noch besser gelingt dem Autor aber die Darstellung des Mordopfers. Hier hat sich Skördeman nach eigenen Aussagen von schwedischen TV-Größen der 60er- bis 80er-Jahre und von prominenten Beispielen aus den USA und England inspirieren lassen. In Rückblicken erfährt der Leser, wie widerlich, pervers und gewalttätig Stellan Broman tatsächlich war. Man muss dabei unweigerlich an die Missbrauchsfälle durch den BBC-Moderator Jimmy Savile oder den Investmentbanker Jeffrey Epstein denken. Wenn die Fassade von „Onkel Stellan“ zunehmend bröckelt und Skördeman dem Leser die grausamen Ereignisse von damals bildlich vor Augen führt, dann lässt dies niemanden kalt. Die Bewertung der Geschehnisse überlässt er dem Rezipienten. An diesen Stellen, an denen der „Drehbuchautor“ Skördeman deutlich wird, überzeugt der Roman, während er in seiner Figurendarstellung noch nicht differenziert und klar genug ist.

Fehlende Prägnanz

Der Roman benötigt einige Zeit, um in Schwung zu kommen. Dies liegt vor allem an ausschweifenden Reflexionen der Figuren und überladenen Nebenhandlungen zu Beginn des Romans. Auch die Darstellung der deutschen Nachrichtendienst-Mitarbeiter wirkt fast schon wie eine Karikatur ihrer selbst. Ähnliches gilt für die „Schläfer“, die mit über 70 Jahren noch einmal aktiv werden. Erst mit zunehmendem Voranschreiten der Handlung kann man diese wirklich ernst nehmen. Das brutale und eiskalte Vorgehen Agnetas zum Beispiel mag zunächst nicht so recht zum Bild einer älteren Dame passen, auch wenn es in seiner Konsequenz absolut nachvollziehbar ist.

Fazit

Gustaf Skördeman weiß mit einer guten Recherche zu überzeugen. Immer wenn er auf seine Erfahrung als Drehbuchautor zurückgreifen kann, packt die Handlung den Leser. Eine ambivalente Qualität in der Figurendarstellung und zum Teil zu ausufernde Beschreibungen trügen das Lesevergnügen anfangs etwas. Mit zunehmender Dauer gelingt Skördeman aber ein packender und mitreißender Spionagethriller, der die Zeiten des Kalten Krieges wieder lebendig werden lässt.

Geiger

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Letzte Kommentare:
10.04.2021 10:56:13
Umarie

Hohe Erwartung, aber dann doch nicht zu Ende gelesen. Sehr gut geschrieben, historische Fakten gut dargestellt, aber ingesamt hanebüchener Unsinn.

05.04.2021 09:51:35
niggeldi

Anders als erwartet

Agneta verabschiedet gerade ihre Töchter und Enkelkinder, als das Telefon klingelt. Der Anrufer sagt nur ein Wort: Geiger. Kurz darauf erschießt Agneta ihren Mann und flieht aus dem Haus. Sara Nowak, eine Polizistin bei der Sitte, kennt die Familie schon seit Kindertagen und ist erschüttert. Sie beginnt zu ermitteln und kommt grauenhaften Geheimnissen auf die Spur.

Das Cover passt überhaupt nicht zum Buch, ich weiß nicht, warum eine Winterlandschaft gewählt wurde, wenn sich die Geschichte während eines heißen Sommers abspielt.

Der Schreibstil ist flüssig zu lesen, die Geschichte ist aus mehreren Perspektiven geschrieben. Leider braucht sie eine Weile, bis sie richtig in Fahrt kommt. Es ist nichts, wie es auf den ersten Blick erscheint, was ich sehr gelungen finde. Sara ist sehr impulsiv, das ist mal eine Abwechslung zu anderen Krimis, wo meist nur die Männer gegen Regeln verstoßen.

Ich hoffe, der nächste Band geht ein bisschen flotter voran und gebe 4 Sterne.

02.04.2021 20:52:15
Dante

Gustaf Skördemann – Geiger

Nach einem Familienbesuch winkt Agneta ihren Enkelkindern noch vom Fenster aus zu, als plötzlich das Telefon klingelt. Als sie abhebt, sagt der Anrufer lediglich „Geiger“ und legt auf.
Wie auf Kommando nimmt Agneta eine Waffe zur Hand und erschießt ihren Ehemann.
Als Kommissarin Sara Nowak von dem Vorfall erfährt schrillen bei ihr alle Alarmglücken. Sie kennt die Familie seit Kindestagen und kann sich keinen Reim auf diesen schrecklichen Vorfall machen. Sie beschließt ihre Kollegin, die in dem Fall ermittelt zu unterstützen und nimmt die Recherche auf…

Bei dem Thriller „Geiger“ von Gustaf Skördemann handelt es sich um den Auftakt einer Trilogie.
Die Geschichte ist grundsätzlich angenehm und flüssig erzählt, die Spannung wirkt angemessen. Leider ist der Kurzbeschreibung nicht zu entnehmen das es sich bei dem vorliegenden Thriller eher um einen Politthriller handelt, der sich reichlich mit dem Thema „Kalter Krieg“ und „Stasi“ beschäftigt. Leider so gar nicht mein Thema. Obwohl auch die Protagonisten eher sperrig wirken, scheinen die Szenarien gut recherchiert und glaubwürdig.
Für Liebhaber von Polit-Thrillern bestimmt lesenswert! Ich werde die Reihe trotzdem im Auge behalten, in der Hoffnung das die Nachfolgebände andere Schwerpunkte behandeln.

Einen herzlichen Dank an den Lübbe Verlag und NetGalley für das Leseexemplar!

01.04.2021 16:18:08
Dietmar Bolte

Kein mitreißendes Buch , eines ,dass ich nach 1oo Seiten weglege. Zu umständlich , aufgeblasene Nebenfiguren ,die dem Spannungsaufbau nur schaden .Kein guter Krimi. Mit dem geschichtlichen Hintergrund der Geschichte ; das haben andere besser beschrieben !

01.04.2021 14:22:52
PMelittaM

Eine Woche lang haben Agneta und Stellan Broman ihre Enkelkinder gehütet, gerade wurden sie von ihren Eltern wieder abgeholt, als das Telefon klingelt. Agneta nimmt ab und erschießt, nachdem sie wieder aufgelegt hat, ihren Ehemann – danach verlässt sie das Haus.

Sara Nowak ist Polizistin bei der Sitte, wuchs mit den Broman-Töchtern auf, und kennt die Familie gut, daher wird sie zu dem Fall hinzugezogen, ermittelt aber nicht offiziell. Der Fall lässt sie nicht los. Stellan Broman war ein beliebter schwedischer Fernsehstar, wer sollte etwas gegen ihn haben. Und wo ist Agneta? Wurde sie entführt, lebt sie noch?

Mich hat Agnetas Verhalten sofort daran denken lassen, dass sie eine Schläferin ist, und tatsächlich entwickelt sich der Roman in eine sehr politische Richtung – und in die Zeit des Kalten Krieges. Eine Zeit, die ich noch miterlebt habe, daher interessiert mich diese Thematik sehr – und hat mich auch zum Googeln gebracht.

Leider gibt es in dem ganzen Roman niemanden, der mir ans Herz wächst, im Gegenteil, fast alle sind eher unsympathisch, allen voran Agneta und Sara. Das ist ein bisschen schade, so konnte ich mit niemandem mitleiden, andererseits hatte ich dennoch spannende Lesestunden, schon auf Grund der Thematik. Und letzlich sind schwierige Protagonisten interessante Protagonisten.

Vor allem Sara lernt der Leser gut kennen, wir erfahren viel über ihr Leben und erleben mit ihr so manche überraschende Wendung. Die eine oder andere hatte ich zwar schon vorhergesehen, aber nicht alle. Auch Saras „normaler“ Job bei der Sitte fließt immer wieder in die Geschichte ein, wobei mir das dann doch ein bisschen zu viel und teilweise unnötig erschien. Ihr Privatleben, früher und heute, dagegen ist wichtiger.

Ähnlich den Protagonistinnen ist auch der Schreibstil relativ distanziert, passt aber meiner Meinung nach gut zu den Ereignissen, die teilweise recht erschütternd sind, und die man am liebsten gar nicht so nahe an sich herankommen lässt. Das Ende kommt dann sehr schnell, und leider für mich nicht sehr gelungen, daher, denn ich mag es so gar nicht, wenn dann ein Protagonist oder eine ihm nahestehende Person, oft aus eigener Dummheit, in Lebensgefahr gerät – so wie es auch hier passiert – das ist für mich nicht spannend, sondern langweilt mich. Die Auflösung dagegen ist gut und bietet noch einmal Überraschendes.

Der Roman ist der Auftakt einer Trilogie, die sich wohl um Sara Nowak dreht, denn das Thema dieses Romans scheint mir abgeschlossen. Ich bin gespannt auf den nächsten Band und darauf, was sich der Autor dann einfallen lässt.

Das schriftstellerische Debüt Gustaf Skördemans ist thematisch interessant und spannend erzählt, bietet einige überraschende Wendungen, aber auch durchgehend unsympathische Charaktere. Mir hat der Thriller spannende Lesestunden beschert und ich bin gespannt auf Band 2 der geplanten Trilogie. Leseempfehlung für Thrillerfans, die der distanzierte Schreibstil und die Thematik nicht abschrecken. 83°

29.03.2021 20:30:09
Hanka

Da Cover und der Titel verraten erst einmal gar nichts zum Inhalt. Und genau deswegen habe ich mir den Klappentext durchgelesen und was ich da las, klang unheimlich spannend, interessant und aufregend.
Der Einstieg ist direkt und der Mord lässt nicht lange auf sich warten. Doch was so superspannend begann und ein fulminanter Start war, dümpelt auf den folgenden Seiten träge und zäh vor sich hin. Man fragt sich die ganze Zeit was Agneta zu dieser Tat bewogen hat, aber ihre Rolle, Beweggründe, Flucht, … kommt viel zu kurz.
Stattdessen steht vor allem Sara im Mittelpunkt. Sie hat ihre Kindheit mit den Töchtern des Ermordeten verbracht und lässt sich persönlich in die Ermittlung hineinziehen. Doch teilweise triftet dieses Buch zu einem Psychothriller rund um das Leben, Kindheit, Jugend, Familienleben, Beziehung zur Mutter, … von Sara ab. Diese Abschnitte waren mir einfach zu lang und in dieser Ausführlichkeit unnötig.
Auch das eigentliche Thema des Mordes: Kalter Krieg / DDR Geschichte muss trotz Spoiler hier unbedingt (und eigentlich auch im Klappentext) erwähnt werden. Ja, hier sollte man geschichtlich interessiert und vorgebildet sein, denn sonst wird dieses Thema einem viel abverlangen. Leider hat es mich nicht abholen können. Das mag zum einem an dem geschichtlichen Hintergrund liegen. Und da kann ich leider nicht einschätzen, wieviel Fiktion und wieviel Realität ist. Aber: es war auch einfach nicht spannend präsentiert und geschrieben. Durch einige Passagen habe ich mich mühsam durchkämpfen müssen.
Leider gibt es in diesem Buch keinen Sympathieträger, mit dem man sich identifizieren könnte. Auch wenn manche Akteure zum Schluss ein anderes Gesicht als gedacht zeigen, kann man sich mit keinem freuen und mitfiebern. Sara steht hier eindeutig im Mittelpunkt. Doch ihre Gewaltausbrüche und Verbissenheit lässt sie oft über das Ziel hinausschießen.
So dauert es geschlagene 400 Seiten bis dieses Buch ein bisschen interessanter wird. Leider zu lang um ohne Leserunde durchzuhalten. Der Autor lässt sich einfach zu viel Zeit, um Wendungen einzubauen. Dieses Buch könnte um viele Seiten gekürzt werden, vielleicht wäre es dadurch spannender geworden!?

BEHIND THE DOOR
Der Raum. Die Tat. Das Rätsel.

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