Die Zange

Erschienen: Januar 1953

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1932 unter dem Titel „The Tragedy of X“

- New York : The Viking Press 1932

- London : Cassell & Co. 1932

- München : Wilhelm Goldmann Verlag 1935. Übersetzt von Rosa Breuer-Lucko. 219 S.

- München : Wilhelm Goldmann Verlag 1953. Übersetzt von Rosa Breuer-Lucko. 202 S.

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Michael Drewniok
Perfekter Mord in fahrender Straßenbahn?

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

In New York ist Börsenmakler Harley Longstreet als grober Klotz berüchtigt, dem es Vergnügen bereitete, Menschen vor den Kopf zu stoßen. Im Büro ist er faul, privat ein Schürzenjäger und Spieler, der sein Geld verprasst und sich gewaltige ‚Vorschüsse‘ von seinem Kompagnon John de Witt geben lässt, die er niemals zurückzahlt. Zu allem Überfluss verführte er de Witts Gattin - und verlässt sie, um der Sängerin Cherry Lane einen Heiratsantrag zu machen.

Um dies zu feiern, lädt er de Witt und einige eher widerstrebende Geschäftsfreunde in ein feudales Restaurant ein. Da kein Taxi aufzutreiben ist, fährt die Gruppe mit der Straßenbahn. Hier wird Longstreet ein Ball aus Kork in die Rocktasche geschmuggelt, den 53 Nadeln durchbohrte, die in giftiges Nikotin getaucht wurden. Als Longstreet nach seiner Lesebrille sucht, sticht er sich in die Hand und ist Minuten später tot.

Inspektor Thumm und Staatsanwalt Bruno stehen vor einem Rätsel: Niemand hat das Straßenbahnabteil betreten oder verlassen, alle Fenster waren nachweislich fest geschlossen. Der Mörder muss einer der Fahrgäste sein, doch es gibt keinerlei Hinweise. Da der Druck von oben wächst und die Medien hetzen, bitten Thumm und Bruno den exzentrischen Ex-Theaterstar und Ermittler Drury Lane um Hilfe.

Dieser übernimmt den Fall, und der Durchbruch scheint nahe, als der Schaffner der Mord-Straßenbahn bisher unbekannte Fakten ankündigt; bevor er auspacken kann, geht er während einer Fährenfahrt über Bord. Am Tatort: John de Witt, der somit endgültig zum Hauptverdächtigen wird, was Drury Lane allerdings zu simpel dünkt …

Ellery Queen und Barnaby Ross

Sie waren jung & voller Energie, und sie waren geschäftstüchtig: 1928 hatten die Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee die zeitgenössische Krimi-Szene mit einem veritablen Paukenschlag betreten. Sie schufen den genialen und etwas exzentrischen Privatdetektiv Ellery Queen, der seine Abenteuer angeblich selbst niederschrieb. Dannay & Lee nannten sich also „Ellery Queen“, als sie dem ersten Krimi in kurzen Abständen weitere, sogar noch erfolgreichere Romane folgen ließen.

In diesen frühen und kreativen Jahren waren sie damit schriftstellerisch keineswegs ausgelastet. 1932 starteten Dannay & Lee eine zweite Serie um den ehemaligen Schauspieler und Ermittler Drury Lane. Um sich nicht selbst Konkurrenz zu machen, erschienen diese Romane unter dem Pseudonym „Barnaby Ross“.

Zumindest in Deutschland steht diese Reihe im Schatten der Ellery-Queen-Romane. Dabei bietet sie Krimi-Handwerkskunst vom Feinsten, präsentiert von zwei Autoren in juveniler Hochform, die in dieser Phase ihres Schaffens das „Whodunit“-Element über die Figurenzeichnung stellten und ausgerechnet auf diese Weise der Zeit ein Schnippchen schlugen: Die ‚künstlichen‘, auf das Rätsel zentrierten Kriminalromane der frühen 1930er Jahre sind zeitlos, weil ihre Handlung der Realität nur bedingt verpflichtet ist.

Straßenbahn, Fähre und Eisenbahn

Folgerichtig gestatten sich Dannay & Lee diverse Eigenheiten, die ausschließlich als spielerisches Beiwerk zu deuten sind. So residiert Drury Lane in einem monströsen, Anwesen, das außen wie innen als Kopie eines Schlosses aus dem England der elisabethanischen Ära gestaltet ist. Der Hausherr hat seine Rolle/n als berühmter Shakespeare-Interpret offensichtlich verinnerlicht und kann auch nach seinem Rückzug von der Bühne nicht von ihr lassen. Dies schließt auch das nackte Modellstehen für ein Gemälde ein; eine Szene, die mit trockenem Humor nicht der Krimi-Handlung dient, sondern einfach unterhält.

Schon 1932 war die Suche nach Stätten für eigentlich unmögliche bzw. ‚perfekte‘ Morde im vollen Gange. Allseits beliebt war der von innen verschlossene Raum, der deshalb immer wieder aufgegriffen und variiert wurde. Dannay & Lee fanden für „Die Zange“  gleich drei interessante Tatorte. Das rollende Straßenbahn-Abteil wirkt heutzutage besonders exotisch; es wird von den Autoren sehr sorgfältig für ein „locked-room-mystery“ präpariert.

Auch das Fährboot, von kaltem Wasser umgeben, ist ein eigentlich gut überschaubarer Ort. Dennoch ist der Täter sowohl hier als auch an einer dritten, ähnlich unwahrscheinlichen Stelle unsichtbar: Der Mord in einem auf Schienen durch die Nacht rasenden Eisenbahnwagen findet immerhin drei Jahre vor Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ statt!

Niemand kann’s eigentlich gewesen sein

In der Wahl der Schauplätze zeigen sich Dannay & Lee sehr modern. Die Figurenzeichnung kann wie schon angedeutet nicht mithalten. Sämtliche Verdächtigen haben etwas zu verbergen, alle hatten sie Gründe, Longstreet zu töten. Darin erschöpft sich ihre Daseinsberechtigung. Wesenstiefe zeigen sie nicht; sie verkörpern Rollen in einem Kriminalspiel: die betrogene Frau, der erpresste Geschäftspartner, der übervorteilte Kunde, der ohnehin suspekte Ausländer usw.

Das Rätsel steht im Vordergrund. Der Leser soll sich gleichzeitig ratlos und neugierig fragen, wie es sich in seiner ganzen Vertracktheit lösen lässt. Dannay & Lee scheinen sich in ihrem Überschwang dabei selbst in eine Falle gelockt zu haben. Immer wüster verwirbeln sie Verdachtsmomente und falsche bzw. fehlgedeutete Indizien, bis schließlich das Schürzen des Plot-Knotens ansteht. Es gelingt ihnen, aber sie müssen ihn dabei tüchtig walken. Die Auflösung ist möglich, aber wahrscheinlich ist es nicht, was als Lösung dargeboten wird.

Zudem klingt die Geschichte hinter dem Verbrechen nicht nur aus der Ferne nach Arthur Conan Doyle. Der von Dannay & Lee entworfene Rachefeldzug eines betrogenen Schatzsuchers passt in der Tat besser ins 19. Jahrhundert. Noch einmal sei jedoch daran erinnert, dass die im genreüblichen großen Finale unter Anwesenheit aller Verdächtigen erfolgende Rekonstruktion des Verbrechens und Entlarvung des Täters lückenlos und spannend ist.

Ein Detektiv mit nur vier Sinnen

Sowohl Genialität als auch Exzentrik allein machen einen Detektiv nicht zur beliebten und serientauglichen Hauptfigur. Er muss über Eigenschaften verfügen, für die ihn der Leser schätzt. Dannay & Lee gehen einen anderen Weg: Drury Lane fehlt eine Eigenschaft. Er ist taub.

Der Verlust des Gehörs hat ihn durchaus in eine Krise geraten lassen, wie er Thumm und Bruno bei ihrer ersten Begegnung erläutert. Da Lane ein energischer und positiv denkender Mann ist, hat er sich mit der Behinderung auseinandergesetzt und sie unter Berücksichtigung seiner Theatererfahrung als Ansporn und günstige Voraussetzung für seine neue Tätigkeit als Ermittler begriffen.

Damit ist nicht unbedingt Lanes überragendes Geschick gemeint, mit dem er in immer neue Masken schlüpft. Lane definiert seine Sonderstellung als gehörloser Ermittler so: „Es hat mich zur schärfsten Konzentration gezwungen … Ich vermag mich einzufühlen. Ich habe Distanz zu den Dingen gewonnen. Ich kann mich vollständig in die Psyche der anderen eindenken.“ (S. 9)

Hauruck-Gesetzeshüter

Dannay & Lee heben das Besondere seiner Methode nur hervorzuheben, indem sie die Gesetzeshüter in Lanes Umfeld als übereifrige, betriebsblinde, grobmotorische Greifer darstellen. Besonders Inspektor Thumm ist ein ‚Bulle‘, wie er im Buche und B-Movie steht. Hat er ein, zwei Indizien entdeckt, will er umgehend deren Verursacher als Täter einlochen. Schon äußerlich ist er ein Klotz, der seinem Job am liebsten körperlich nachgeht. Nachdenken ist seine Sache nicht. Auf der anderen Seite ist Thumm einsichtig. Er kann aus Fehlern lernen und wird Lane, dessen Ermittlungsprimat er anerkennt, schließlich ein bereitwilliger Erfüllungsgehilfe.

Ähnlich gestrickt ist Staatsanwalt Bruno. Er gibt in einer dramatischen Gerichtsszene den alles andere als unparteiischen Bullenbeißer, der den im Grunde nur verdächtigen Angeklagten um jeden Preis verurteilt sehen will. Auch er benötigt ein Aha-Erlebnis, um endgültig den Weg für Lane freizumachen - ein geschickter Schachzug der Autoren, mit dem sie verdeutlichen, wieso ein Amateur einen Mordfall quasi an sich reißen kann.

Alles in allem ist „Die Zange“ ein Geheimtipp für die Freunde des klassischen Kriminalromans. In Deutschland darf man dies sogar wörtlich nehmen: Nur zweimal, 1935 und 1953, ist dieser Roman erschienen. Sollte man ein Exemplar erwischen, ist Lektüre-Spaß garantiert. Zusätzlich sei darauf hingewiesen, dass „The Tragedy of Y“ (dt. „Der Giftbecher“/„Die Tragödie von York“), der zweite Drury-Lane-Krimi, sogar noch besser geraten ist.

Fazit

Der erste Band der Drury-Lane-Serie bietet Rätselkrimi-Klassik vom Feinsten, auch wenn sich der Verfasser zwecks finaler Auflösung arg nach der Decke strecken muss: für Genre-Fans ein Fest, doch dieses Buch ist selten!

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