Fußspuren an der Schleuse

Erschienen: Januar 1962

Bibliographische Angaben

- OT: The Footsteps at the Lock

- aus dem Englischen von Lorenz Häfliger

- TB, 190 Seiten

Couch-Wertung:

100°
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Michael Drewniok
Flussfahrt mit mehrfach untertauchenden Schurken

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2021

Charles und Nigel Burtell sind Vettern, Nichtsnutze und Verschwender. Außerdem hassen sie einander bis aufs Blut. Trotzdem unternehmen sie eine gemeinsame Paddelboot-Tour auf dem Oberlauf der Themse: Eine herrische, aber reiche Erbtante liegt im Sterben und will die Vettern unbedingt versöhnt sehen, da sie ansonsten eine Testamentsänderung erwägt.

Das Geld käme Derek, der nicht nur hoch verschuldet, sondern auch ein Säufer und rauschgiftsüchtig ist, sehr recht. Dabei winkt ihm sogar eine zweite Erbschaft: In einem Monat wird er 25, und ihm werden aus dem Erbe seines Großvaters 50.000 Pfund ausbezahlt. Freilich hat er mit seiner Gesundheit so übel Schindluder getrieben, dass er seinen Geburtstag womöglich nicht mehr erleben wird; das Geld fiele dann an Nigel.

Der Ausflug endet tragisch: Nigel, der angeblich kurz, aber dringend in Oxford zu tun hatte, findet nach seiner Rückkehr das Boot leer im Themsewasser treibend. Derek ist verschwunden, seine Leiche wird trotz eifriger Suche nicht gefunden. Dies ruft die „Unbeschreibliche“ auf den Plan - jene Firma, bei der Derek hoch versichert war und die bei Selbstmord oder einem Verbrechen nicht auszahlen müsste. Firmendetektiv Miles Bredon reist mit Gattin und Assistentin Angela an den Ort der möglichen Übeltat. Dort trifft das Paar auf ihren Freund Inspektor Leyland, der im Auftrag von Scotland Yard ebenfalls Ermittlungen anstellt.

Weil sich dies schon früher bewährt hat, beschließt man eine Zusammenarbeit. Die Untersuchung ist ohnehin vertrackt: Zwar fördern Leyland und die Bredons interessante Indizien zu Tage, doch statt sich zu einem Fallbild zu fügen, widersprechen sie sich. Ist Nigel ein Mörder? Ist Derek überhaupt tot? Gibt es einen unbekannten Dritten in diesem Spiel? Kann man den Indizien trauen? Die Wahrheit stellt in der Tat eine Überraschung dar …

Flussfahrt mit möglicher Mordtat

Die Gegenüberstellung von Idylle und Mord ist eine Spezialität des klassischen englischen Kriminalromans; oft sorgt ausgerechnet das Mordopfer für die einzigen (Blut-)Flecken in dem bunten, unbeschwerten Bild von Land und Leuten. Wie man genau dies höchst unterhaltsam auf die Spitze treibt, demonstriert Ronald A. Knox im zweiten Band seiner Serie um den Versicherungsdetektiv Miles Bredon.

Knox wählt als Schauplatz mutig DIE englische Idylle: Fußspuren an der Schleuse spielt im Sommermonat Juli am Oberlauf der Themse unweit der Universitätsstadt Oxford. Der Fluss ist hier kein mächtiger Strom, sondern fließt und schlängelt sich langsam durch eine von Knox geradezu hymnisch beschriebene Parklandschaft, die damals wie heute von Boot und Rad fahrenden, schwimmenden, wandernden und sonnenbadenden Ausflüglern bevölkert wird.

Wer sich ein Bild vom bunten Themse-Treiben in vergangenen Zeiten machen möchte, lese Drei Männer im Boot, den ewigen Klassiker von Jerome K. Jerome (1858-1927), der 1889 humorvoll eine ereignis- bzw. zwischenfallreiche Flussfahrt schilderte. Jerome setzte Maßstäbe; Knox bezieht sich ausdrücklich auf ihn. Er muss sich vor dem großen Vorbild nicht verstecken.

Einladung an grübelfreudige Leser

Als eigenes Element bringt Knox ein Mordrätsel in die Handlung ein. Wie in Die drei Gashähne, dem ersten Roman mit Miles Bredon, verwandelt er die Landschaft in eine Bühne, auf der jedes Einrichtungsstück sorgfältig platziert wird. Eine Karte wäre hilfreich, denn das Szenario ist verzwickt; sollte man als Leser/in den Ehrgeiz aufbringen, gemeinsam mit Bredon und Leyland zu ermitteln, ist Konzentration erforderlich, um sich in der komplexen Tatort-Geografie zurechtzufinden.

Dabei ist Knox ein entschlossener Verfechter des „fair play“: Faule Tricks sind im Kriminalroman nicht gestattet. Die verschlungenen Indizien-Fährten laufen schließlich logisch zusammen. Allerdings steht Knox ebenfalls auf dem Standpunkt, es seinem Publikum nicht allzu einfach machen zu dürfen, was er in einem bemerkenswerten Einschub so erklärt:

„Die Muse des Kriminalromans - die es heute zweifellos geben muss - befindet sich ihren Schwestern gegenüber im Nachteil. Sie darf nicht ungeschminkt drauflos erzählen. Wenn sie es täte, gäbe es kein Geheimnis, keine Situation, keine Lösung. Die Allwissenheit des Verfassers und die Allgegenwart des Lesers, die Hand in Hand gehen, würden die Spur verwischen. Kein Knäuel würde unentwirrt bleiben, kein Indiz verlorengehen. Wir müssen deshalb von Zeit zu Zeit den Faden der langweiligen zeitlichen Erzählung unterbrechen und die Dinge nicht so sehen, wie sie an sich sind, sondern wie sie den unmittelbar Beteiligten erscheinen.“ (S. 28)

Wieder das ‚unmögliche‘ Verbrechen

Zwar bietet Fußspuren an der Schleuse ein Feuerwerk humorvoller bis ironischer Anmerkungen; als Kriminalroman stellt die Handlung dennoch Ansprüche. Knox beginnt mit verwirrenden Indizien, die er im Laufe des Geschehens zwar bereits in die Auflösung einpasst, während er sie unbekümmert um weitere Rätsel vermehrt. Weniger hartnäckige Leser werden vermutlich bald die Waffen strecken bzw. sich fragen, wie oder ob es Knox gelingen wird, sich aus der Sackgasse zu befreien, in die er sich augenscheinlich manövriert hat.

Aber der Autor hält die Fäden jederzeit fest in der Hand. Er kann es sich deshalb erlauben, seine Ermittler immer neue und schlüssige Theorien entwickeln zu lassen, um sie anschließend zu verwerfen. Knox behält immer ein As in der Hinterhand. Lässt man nachträglich das kriminelle Geschehen vor dem geistigen Auge ablaufen, bewundert man die Geschmeidigkeit, mit der sich ihr komplizierter Mechanismus abspult.

Der „looked room“ des klassischen Rätselkrimis wird dabei effektvoll durch den Fluss Themse ersetzt. Wasser hat keine Balken; eine physikalische Eigenschaft, die Knox bestimmte Kniffe erlaubt, die das von ihm eingefädelte Verbrechen ermöglichen, während er gleichzeitig hoffen kann, dass seine Leser diese Tatsache erst einmal vergessen und sich hinters Licht führen lassen.

Kriminalistik ist Teamwork

Mit Erfolg greift Knox auf das zentrale Figurenpersonal des Vorgänger-Romans zurück: Elegant führt er Bredon in die Handlung ein, dem er ganz selbstverständlich Ehefrau Angela folgen lässt. Erneut ist diese kein Anhängsel, das in Vertretung des Lesers die dummen Fragen stellt und mit offenem Mund die Genialität des Gatten bestaunt, sondern gleichberechtigte Mitarbeiterin, die problemfrei unabhängig ermittelt, um sich anschließend mit dem Ehemann auszutauschen.

Wiederum stößt Inspektor Leyland zu dem Paar. Er repräsentiert die ‚offizielle‘ Seite des Gesetzes. Stieße ihn dies im klassischen Krimi oft in die Rolle des tumben Befehlsempfängers und ulkigen Trottels, bleibt Leyland bei Knox ebenfalls Partner.

Ansonsten bevölkert der Autor seine Sommeridylle mit jenen pittoresken Gestalten, die in solcher Archetypisierung wohl nur im „Whodunit“ der „Goldenen Ära“ vor dem Zweiten Weltkrieg erträglich ist: Figuren wie der geistig schlichte Schleusenwärter Burgess sind witzig, während Bredons ‚unmöglicher‘ Onkel Robert und seine verkalkten akademischen Genossen ironisch überzeichnete Oxford-Dons sind, wie Knox - der als Studentenpfarrer ebendort amtierte - sie sehr genau kannte.

Finaler Twist mit kolossalem Sprung

Schon in Die drei Gashähne gelang es Knox, seine Leser nicht nur mit einer originellen Auflösung zufriedenzustellen, sondern zu überraschen. Auch dieses Mal kommt alles anders als gedacht: Die übliche finale Runde aller Verdächtigen entfällt. Unverhofft bricht die Handlung ab. Ein Brief fügt dem Puzzle die letzten Steinchen ein. Was wie eine schlechte Idee klingt, funktioniert erstaunlich gut.

Dies gilt auch für die deutsche Fassung: Knox‘ geschliffener Stil regte offensichtlich auch den Übersetzer an. Viele Jahrzehnte später fallen diverse längst in Vergessenheit geratene Wendungen - wer nennt heute noch einen Zug durch die Kneipen „Pintenkehr“? - auf, gehen aber in einem zwar altmodischen, doch deshalb erst recht dem Text gerecht werdenden Tenor unter.

So ist es schade, dass Fußspuren an der Schleuse hierzulande erst einmal und bereits 1962 erschienen ist. Eine Neuauflage ist seit Jahren überfällig, ein Anzapfen antiquarischer Quellen deshalb der Rat dieses Rezensenten.

Fazit

Klassische Rätselkrimi-Kunst mit bis zu dreifachen gelegten Falschfährten; spannend, wendungsreich, mit großartigen Beschreibungen von Land & Leuten, dazu witzig auf die trocken-britische Art: ein Meisterwerk!

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