Nur der Mond war Zeuge

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1948 unter dem Titel „The Franchise Affair“

- London : Peter Davies 1948

- Frankfurt/Main : Ullstein Verlag 1959 [unter dem Titel „Der große Verdacht“]. Übersetzt von Karl-Otto von Czernicki. [keine ISBN]. 192 S.

- Köln : DuMont Verlag 1990 [unter dem Titel „Die verfolgte Unschuld“]. Übersetzt von Manfred Alliè. ISBN-10: 3-7701-2066-3. 299 S.

- Köln : DuMont Verlag 2002 [unter dem Titel „Die verfolgte Unschuld“]. Übersetzt von Manfred Alliè. ISBN-13: 978-3-8321-6706-6. 299 S.

- Berlin : Oktopus/Kampa Verlag 18. März 2021. Übersetzt von Manfred Alliè. ISBN-13 : 978-3-311-30002-1. 432 Seiten, HC

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Michael Drewniok
Die Unschuld als Instrument der Heimtücke

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

In Milford, einer englischen Kleinstadt, führt Anwalt Robert Blair ein geruhsames und etwas langweiliges Leben, aus dem ihn eines Tages der Hilferuf von Marion Sharpe reißt: Mit ihrer Mutter lebt die alleinstehende Frau in einem alten Haus vor den Toren der Stadt. Die Bürger betrachten das Paar mit Misstrauen und grenzen es aus, weshalb eine bizarre Anschuldigung umso stärker wirkt: Die 15-jährige Schülerin Elizabeth Kane behauptet, von Mutter und Tochter Sharpe auf offener Straße entführt und in ihr Haus verschleppt worden zu sein, wo sie einen Monat als deren Haushaltssklavin schuften musste, bevor ihr die Flucht gelang - eine Anschuldigung, die von den Sharpes entschieden zurückgewiesen wird.

Da Inspektor Hallam von der örtlichen Polizei überfordert ist, zieht er Scotland Yard zu Rate. Inspektor Grant konzentriert sich zunächst darauf, Beweise für eine mögliche Schuld der beiden Frauen zu finden. Anwalt Blair, der sich bald zu Marion Sharpe hingezogen fühlt, will  dagegen Tochter und Mutter helfen. Er versucht sich deshalb als Detektiv, der sich bemüht, Betty Kanes Geschichte als Lüge zu entlarven. Dafür müsste er herausfinden, wo Betty in dem Monat ihrer angeblichen Gefangenschaft tatsächlich gewesen ist. Doch das junge Mädchen hat seine Leidensgeschichte sehr geschickt konstruiert und alle Spuren verwischt. Oder sind die Sharpes tatsächlich schuldig?

Für die gar anständigen Bürger von Milford steht die Täterschaft ohnehin fest. Mutter und Tochter werden beschimpft, in der Nacht wirft man die Fenster ihres Hauses ein und beschmiert die Wände. Zunehmend verzweifelt, aber weiterhin entschlossen sucht Anwalt Blair nach dem losen Fädchen in Betty Kanes Geschichte. Schon hat Inspektor Grant einen Haftbefehl für die beiden Sharpes ausgestellt, als sich doch eine Wende abzeichnet …

Menschenkinder und Mob-Monster

Die Anonymität der Großstadt ist zum feststehenden Begriff geworden. Im Kontrast dazu steht angeblich die Dorfgemeinschaft, in der jede/r jede/n kennt und Solidarität großgeschrieben wird. Die Realität sieht anders aus: Wo man in überschaubarer Zahl dicht aufeinander hockt, wächst das Bedürfnis, die Gruppe über einen Kamm zu scheren. Ungeschriebene Regeln gelten mehr als das Gesetz, und es ist schwer auszuscheren, ohne von der „major majority“ drangsaliert oder ausgeschlossen zu werden.

Josephine Tey entwirft mit Milford ein Modell-Dorf, das die Ambivalenz des angeblich gesunden, geordneten, moralischen Landlebens perfekt widerspiegelt und dabei ironisch in Frage stellt. Sie gibt sich erfolgreich viel Mühe, das erste Handlungsdrittel der Schilderung eines Alltags zu widmen, das gestressten Stadtmenschen wie das Paradies vorkommen muss. Man kümmert sich - umeinander und um das Stadtbild, weshalb Milford angenehm altmodisch und blitzsauber wirkt.

Doch Tey beginnt früh mit der Entlarvung der Idylle. Beinahe unmerklich fallen weniger angenehme Aspekte des Dorflebens auf. Tey hebt das unterschwellig durch ebenso trockenen wie trügerischen Humor hervor - eine Herausforderung für den Übersetzer, der er glücklicherweise gewachsen ist. Immer deutlicher wird, dass mitspielen muss, wer in Milford integriert werden möchte. Wer sich widersetzt und dabei das dörfliche Establishment vor den Kopf stößt, muss nicht nur mit übler Nachrede rechnen: Im Schutz der Nacht nehmen die Bürger von Milford das Gesetz, wie sie es verstehen, in die eigenen Hände. Hexen darf man nicht mehr verbrennen. Terrorisieren kann man weibliche Außenseiter aber immer noch.

Lethargie und Erwachen

Obwohl Nur der Mond war Zeuge zu einer Serie gehört, in der Josephine Tey Inspektor Grant von Scotland Yard ermitteln lässt, bleibt dieser eine Nebenfigur. Grant beschränkt sich auf kriminalistische Routinearbeit und tritt zurück, um dem eigentlichen Helden Platz zu machen: Zwischen den Fronten in Milford steht Robert Blair. Er gehört zum Dorfadel der Alteingesessenen und führt ein geregeltes Leben. Dass sich Blair zu Tode langweilt, merkt er erst, als ihn seine Hilfsbereitschaft aus dem Alltagstrott reißt. Blair ist familienbedingt in seinen Job gerutscht. Die Frau im Haus ist seine wunderliche Tante. Ein Tag ist wie der andere. Blair ist unzufrieden, ohne dies artikulieren zu können. Anders ausgedrückt: Er ist reif für eine Veränderung.

Die ist mit der ersehnten Aufregung verbunden, bereitet Blair aber auch keinen Himmel auf Erden. Tey ist in diesem Punkt ehrlich und realistisch. Mühsam und in persönlichen Nöten muss sich Blair sich in der neuen Welt der selbstbestimmten Entscheidungen - und Konsequenzen - behaupten. Allerdings wünscht er sich die Grabesruhe seiner bisherigen Existenz nie zurück.

Einmal in Schwung geraten, holt Blair nach, was er, der sich bisher sanft und schwach dem Milford-Terror gebeugt hat, vermisst. Wie weit er gekommen ist, beschreibt Tey in einem wunderbaren Epilog, der dem üblichen Finale - der Fall wird im Rahmen einer spektakulär ablaufen Gerichtsverhandlung aufgelöst - folgt, ohne wie ein süßlicher Nachklapp als Kotau vor der harmoniesüchtigen Fraktion der Leser/innen zu wirken. Tey stand als Schriftstellerin und Frau mit beiden Beinen fest im Leben. Schwulst war ihre Sache nicht. Kein Wunder, dass ihre wenigen Werke sich außerordentlich frisch gehalten haben!

Historisches Drama als Vorlage

Josephine Tey griff mit ihrem Roman einen berühmten Kriminalfall der englischen Geschichte auf. Ende Januar 1753 war in London das im Vormonat spurlos verschwundene Dienstmädchen Elizabeth Canning aufgetaucht. Nach Auskunft der 18-jährigen hatte man sie entführt, gegen ihren Willen gefangen gehalten und mit Gewalt zu allerlei Hausarbeiten gezwungen. Nun identifizierte sie zwei Frauen als ihre Peinigerinnen. Sie wurden verhaftet und verurteilt.

Misstrauisch wurde zu ihrem Glück ausgerechnet Sir Crisp Gascoyne, Untersuchungsrichter sowie Lord Mayor of London und nach dem König oder der Königin höchster Würdenträger der Stadt. Er ließ eigene Ermittlungen anstellen, die nach und nach Cannings Gruselbericht als Märchen entlarvten. Nun wurde sie selbst vor Gericht gestellt und zur Deportation in die damals noch britische Kolonie Nordamerika verurteilt. Dort begann sie ein neues Leben, heiratete, gründete eine Familie und starb 1773 im Alter von 38 Jahren.

Wo Canning sich warum im Januar 1753 aufgehalten hatte, konnte nie geklärt werden. Die Affäre beschäftigte bereits die Zeitgenossen. Auch später wurde sie immer wieder und kontrovers aufgegriffen. Josephine Tey hielt sich an die Interpretation des Schriftstellers Arthur Machen (1863-1947), der 1925 sein Buch The Canning Wonder veröffentlicht und Cannings Leidensgeschichte als Lügengespinst offengelegt hatte.

1951 ‚löste‘ Tey ein weiteres Rätsel der englischen Vergangenheit: In Daughter of Time (dt. Richard der Verleumdete/Alibi für einen König) ließ sie Inspektor Grant die wahre Geschichte des Königs Richard III. Plantagenets (1452-1485) ermitteln, der nicht nur, aber vor allem dank William Shakespeare lange als (zudem körperlich missgestalteter) Thronräuber und Mörder verfemt war. Daughter of Time gilt als einer der besten Kriminalromane aller Zeiten.

Der Fall im Film

The Franchise Affair war ein großer Publikumserfolg. Bereits drei Jahre nach der Erstveröffentlichung entstand sehr nah an der Buchvorlage der gleichnamige Film. Regisseur Lawrence Huntington (1900-1968), der auch am Drehbuch mitarbeitete, inszenierte ihn mit Ann Stephens (1931-1966) als Betty Kane, Michael Denison (1915-1998) als Robert Blair und Dulcie Gray (1915-2011) als Marion Sharpe. Für das Fernsehen (BBC) entstand 1988 eine sechsteilige Mini-Serie.

Fazit

Aus heutiger Sicht eher verharmlosend, aber dennoch präzise beschreibt die Autorin eine verhängnisvolle Ereigniskette (Vorurteil, Misstrauen, Denunziation, kollektive Vorverurteilung), ohne darüber die Spannung oder den trockenen englischen Humor zu vernachlässigen: ein Krimi-Klassiker als lupenreines Lektüre-Vergnügen!

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