Nur die Tiere

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Seules les bêtes

- aus dem Französischen von Anne Thomas

- HC, 270 Seiten

Couch-Wertung:

75°
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Thomas Gisbertz
Clever konstruierter Roman als Sozialstudie

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Apr 2021

19. Januar: Im französischen Zentralmassiv tobt der „tourmente“, ein für diese Region typischer Wintersturm, der die Gegend im Schnee versinken lässt. Ausgerechnet jetzt verschwindet die Wohlhabende Évelyne Ducat spurlos. Die Menschen in dem kleinen Städtchen rätseln, was mit ihr geschehen sein könnte. Es kursieren zahlreiche Gerüchte und Beobachtungen; doch nicht alles wird der Polizei preisgegeben, denn hier in der abgeschiedenen Bergwelt hüten die Menschen ihre Geheimnisse. Ist Évelyne bei einer Wanderung erfroren? Wurde sie ermordet, weil sie fremdging, oder wurde sie von einem Rivalen ihres Mannes umgebracht? Die Sozialarbeiterin Alice hat ein Geheimnis mit ihrem Klienten Joseph, einem zurückgezogen lebenden Schafzüchter - und der verhält sich nach dem Verschwinden von Évelyne Ducat äußerst merkwürdig.

Geheimnisse und Verdächtigungen

Plötzlich fehlt auch von Alices Mann Michel jede Spur. Wusste er etwas vom Verhältnis seiner Frau mit Joseph? Wurde Michel vom Schafzüchter getötet, um seine Geliebte ganz für sich zu haben? Und in welcher Beziehung stand die Verschwundene Évelyne Ducat zu der jungen Maribé, die eines Tages im Städtchen auftaucht und alle Blicke auf sich zieht?

Mit jedem Kapitel erhält eine andere Person das Wort und ein neues Geheimnis, ein neuer Verdacht taucht auf, bis sich das Puzzle um Évelyne Ducats Verschwinden allmählich zusammenfügt ...

Französischer Autor

Colin Niel, geboren 1976, ist für den Schweizer Lenos Verlag, bei dem Seules les bêtes  nun in einer deutschsprachigen Ausgabe erschienen ist, eine der großen Stimmen des französischen „Roman Noir“. Nach einem Studium der Evolutionsbiologie und Ökologie arbeitete er zunächst als Agrar- und Forstingenieur, u.a. mehrere Jahre in Französisch-Guayana. Mit einer vierteiligen guayanischen Serie, die vielfach ausgezeichnet wurde, gelang ihm der Durchbruch als Autor. Auch in seinem aktuellen Roman lassen sich klare Bezüge zu Afrika finden. 2017 erhielt Colin Niel für Nur die Tiere  u.a. den „Prix Landerneau Polar“ und den „Prix Polar en séries“. Der Roman wurde von Dominik Moll 2019 für das Kino (dt. Titel: Die Verschwundene) verfilmt. Heute lebt Colin Niel als Schriftsteller in Marseille.

Einsamkeit und Wunsch nach Liebe

Colin Niels preisgekrönter Roman Noirist ein durchaus raffiniert konstruierter Krimi, bei dem aber mehr die Menschen und ihr Handeln im Vordergrund stehen. Wie beim Häuten einer Zwiebel werden Schicht für Schicht freigelegt, und man dringt zunehmend zum Kern der Geschichte vor. Die Erzählung erfolgt polyphon aus fünf verschiedenen Perspektiven; die letzten beiden Sichtweisen lösen das Rätsel zunehmend auf, während bei den ersten drei Erzählinstanzen zwar Fragen beantwortet werden, aber auch neue entstehen.

Es gibt keinen klassischen Ermittler. Zwar taucht mit Major Cédric Vigier, einem Schulfreund Alices, an vereinzelten Stellen ein Polizist auf, aber dieser spielt nur eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt stehen die Bewohner eines kleinen Städtchens im französischen Zentralmassiv. Der Roman darf dabei durchaus als eine Milieustudie des ländlichen Frankreichs verstanden werden. Das Leitmotiv der Erzählung ist die Suche nach Liebe, Zuneigung und Geborgenheit, nach denen sich alle Figuren des Romans sehnen. Sie leiden unter dem Determinismus ihres Daseins. Dies gilt sowohl für die verarmten, vollkommen perspektivlosen Landwirte und ihre Familien, als auch für wohlhabende Bewohner, wie die verschwundene Évelyne Ducat, oder die Zugezogenen, wie die junge Maribé. Was alle eint, ist ihre Einsamkeit und ihre verzweifelte Suche nach Liebe und Anerkennung. Dabei bedient sich Autor Colin Niel sämtliche Facetten der Liebe: von Zuneigung über gleichgeschlechtliche Liebe und große Altersunterschiede zwischen den Partnern bis hin zu Partnerbörsen.

Eindringlicher Erzählstil

Die Sprache des Autors ist sicherlich außergewöhnlich - was einerseits eine Qualität ist, andererseits aber auch sein Tücken hat. Dies erkennt man schnell daran, dass es nicht wenige Fußnoten gibt, da einzelne französische Begriffe nicht immer im Kontext einfach zu übersetzen sind, sondern ihre ganz eigene Bedeutung haben. Trotz einer sehr guten Übersetzung von Anne Thomas geht dadurch wahrscheinlich auch etwas von dieser ganz eigenen Atmosphäre verloren, weshalb es sich anbietet, den Roman im Original zu lesen.

Aber auch so fesselt Colin Niel mit einem ungewöhnlichen Sprachgefühl. Ihm gelingt es, die unterschiedlichen Charaktere ihn ihrer Sprache und ihrem Denken einzufangen, sodass sie jederzeit authentisch und lebensecht erscheinen. So manches Handeln der Figuren mag dem Leser auf dem ersten Blick befremdlich erscheinen und nicht richtig zu einem Kriminalroman zu passen; dennoch zeigt diese Darstellung nur die Einfachheit der Menschen, ihre Überforderung (nicht nur in Sachen Liebe) und in einer gewissen Weise auch die Traurigkeit ihrer Existenz.

Ausbruch aus dem Leben

Der Roman kennt eigentlich keine Gewinner. Am Ende haben beinahe alle eines verloren: ihre Hoffnung auf eine besseres Leben. Letztendlich bereuen sie ihr Handeln, auch wenn es für sie zwingend notwendig war. Ein letzter Versuch, ihrer eindimensionalen, vorherbestimmten Existenz zu entfliehen. Ein Leben lang haben sie sich etwas vorgemacht bei dem, was sie eigentlich wollten; haben sich von anderen beeinflussen lassen, wie man sein Leben zu leben hat, und sich anhören müssen, was für einen gut ist. Auch wenn die meisten Figuren mit dem Versuch, sich aus ihrem Leben zu befreien - und sei es nur für einen Augenblick der Zweisamkeit - scheitern, so zeigt dies nur ihre Ausweglosigkeit auf. Dennoch gibt es am Ende aber einen Lichtblick, obwohl alles anders kommt als erhofft. Wenigstens eine Figur darf am Ende sagen: „Ich bereue nichts. Diesmal nicht.“

Fazit

Colin Niels Erzählung ist sicherlich kein traditioneller Kriminalroman. Vielmehr greift er als Spannungsroman das Schicksal seiner Protagonisten auf, die sich nach Liebe sehnen, gegen ihre Existenz anzukämpfen versuchen und letztendlich scheitern. Der Erzählstil ist düster, pessimistisch, sprachgewaltig, die Figurendarstellung besticht durch ihre Klarheit und Genauigkeit - ein besonderer (Kriminal-)Roman über das Leben am Rande der Gesellschaft.

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