Im Visier des Snipers

Erschienen: Dezember 2020

Bibliographische Angaben

- OT: I, Sniper

- aus dem Englischen von Patrick Baumann

- TB, 596 Seiten

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Michael Drewniok
Der Orden der aus der Ferne Tötenden

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2021

Binnen kurzer Zeit werden vier halb vergessene Männer und Frauen umgebracht, die sich In den 1960er und 70er Jahren Namen in der Friedensbewegung gemacht haben, weil sie (zum Teil gegen damaliges Recht) gegen den Vietnamkrieg u. a. offizielle Menschenrechtsvergehen protestiert hatten. Längst gehörten sie zum Establishment, wurden gern angehört, wenn sie sich als Zeitzeugen vor Publikum oder Kameras äußerten und konnten Seniorenprivilegien für sich geltend machen.

Offensichtlich erinnerte sich jemand missbilligend an ihre ‚wilden Jahre‘, denn das Quartett wurde von einem Scharfschützen erschossen, dem dies aus beeindruckender Entfernung gelang. Natürlich sorgen die Morde für multimediales Aufsehen, was Agent Nick Memphis vom FBI-Büro in Washington D. C. zusätzlich unter Druck setzt, als er den Fall übernimmt.

Zusätzlich sitzt ihm der milliardenschwere und einflussreiche T. T. Constable im Nacken: Er war einst mit einem der weiblichen Opfer verheiratet und verlangt eine möglichst baldige Aufklärung. Tatsächlich macht die Fahndung scheinbar Fortschritte; sie konzentriert sich auf einen frustrierten Vietnamveteranen, der sich offenbar im Alter an den ebenfalls grau gewordenen ‚Verrätern‘ rächen wollte.

In der US-amerikanischen Scharfschützenszene kommt Unruhe auf. Unter denen, die an die Tat eines übergeschnappten Kameraden nicht glauben wollen, ist Bob Lee Swagger, genannt „der Henker“, der einst Vietkongkämpfer in dreistelliger Zahl ‚ausgeknipst‘ hat und als ‚Ruheständler‘ mehrfach zu Rate gezogen wurde, wenn Scharfschützen zu Mördern wurden. Zudem ist Swagger Nick Memphis‘ Freund und deshalb erneut bereit zu helfen - was freilich bedeutet, dass er selbstständig macht und in eine Richtung zu fahnden beginnt, die bald die wahren Drahtzieher hinter den Morden in Alarm versetzt und zu gewaltsamen Gegenaktionen veranlasst …

Plädoyer für die Faszination des politisch Unkorrekten

Versuchen wir - ohne didaktisch zu eifern oder den Anspruch auf detailkorrekte Definition zu erheben - zwischen reaktionären Autoren und konservativen Schriftstellern zu differenzieren: Es existiert eine Schnittmenge, die durch einschlägige Wertvorstellungen und die Liebe zur blanken Waffe dominiert wird. Ein wichtiger Unterschied liegt im Grad der Realitätswahrnehmung: Die Reaktionäre idealisieren ein (US-)Amerika, dessen Bürger harte, ehrliche (Hand-)Arbeit leisten sowie inbrünstig jede Politik, Wissenschaft und Kunst ablehnen, die nicht verstanden und akzeptiert wird. Sie allein verstehen ‚ihre‘ Vereinigten Staaten, denen im In- und Ausland das Recht zur Gestaltung der Welt zusteht, weil Gott und die Moral es wollen.

Die Konservativen denken zwar ähnlich, ohne jedoch den Splitter im eigenen Auge zu ignorieren. Stephen Hunter ist kein Mensch, den man dort sehen möchte, wo er Macht ausüben könnte. Sein Werk atmet förmlich einen vorgeblich auf Individualität und Unabhängigkeit pochenden Geist, der gleichzeitig scharf kritisiert, was aus seiner Sicht falsch läuft in der Welt, die er jedoch - das ist der versöhnende Faktor - nicht automatisch als potenzielles Paradies preist: Jawohl, es könnte besser laufen, wenn Politiker und Juristen nicht ständig durchgreifwilligen Militärs und Ordnungshütern in den Rücken fielen oder liberal-scheuklappigen Journalisten und linke Agitatoren ihre Meinungsfreiheit missbrauchten - doch dies wird erstens nie geschehen, weil zweitens auch die Gralsritter im Kampf gegen solche Missstände mehrheitlich selbstgerechte, hohlköpfige Pfeifen sind.

‚Wahre Männer‘ wie Bob Lee Swagger, der Strolche alternativlos und endgültig umlegt, sind und bleiben überlebensgroße Außenseiter, denen Hunter keine Heiland-Funktion zuschreibt. Die daraus resultierende Distanz und gesunde Ironie machen (leidlich verkappte) Gesellschaftskritik erträglich, während die erwähnten Reaktionär-Autoren dumpfe (Alb-)Träume von „law & order“ erbrechen, in denen wahre Helden Verräter-Strolchen die Felle so genussvoll gerben, wie es in der Realität niemals gelingen wird.

Der weite Schuss ins Schwarze bzw. Gehirn-Graue

Weil Hunter nicht belehren bzw. manipulieren will (oder kann), überwiegt die Freude an einer Unterhaltung, die sich nicht in himmelschreiend dämlichen Metzel-Attacken suhlt, sondern als spannend beschriebene Jagd goutiert werden kann, in der (gut bewaffnete) Gutmenschen fiese Bösewichte strafen, wobei die Glaubwürdigkeit dem Effekt nie in die Quere kommt; es funktioniert, weil Hunter eben ein Schriftsteller ist, der diese Bezeichnung verdient = seinen Job beherrscht.

Dabei ist er über ‚indirekte‘ Beleidigungen keineswegs erhaben: Die Schauspielerin Joan Flanders, die einst publicitytauglich gegen den Vietnamkrieg wetterte, ist das nicht wirklich maskierte Pendant zu „Hanoi-Jane“ Fonda, die allerdings die meisten ihrer einstigen Kritiker und Feinde überlebt hat und weiterhin unbehelligt ihr prominentes Unwesen treibt. Hunter arbeitet an Flanders und den anderen Sniper-Opfern einführend seine Missbilligung solcher Aktivitäten ab, wobei er uns den erhobenen Zeigefinger erspart.

Kameradschaft, Korpsgeist und Opfermut legt stellvertretend Bob „der Henker“ an den Tag. Er ist ein Mann einfachen Denkens und konsequenten Handelns, dem Hunter gern die Schlichen und Tücken der offiziellen Justiz gegenüberstellt. Dies wird nie zur stumpfen Predigt, sondern bleibt Teil der furios vorangetriebenen Handlung - so wie auch die im „military thriller“ quasireligiöse Präsentation mordtauglich detailgespickter Feuerwaffen nur dann erfolgt, wenn es für das Geschehen Sinn ergibt.

Sich die Hände schmutzig = blutig machen

Hohl-Patriotismus bleibt der Bewunderung einer Zielgenauigkeit untertan, die das Töten aus dem möglichst opferfernen Hinterhalt in eine schwarze Kunst verwandelt. Hunter beschränkt sich dabei nicht auf die gewaltpornografische Darstellung massenhaft berstender Schädel; tatsächlich bleibt der Bodycount für einen Roman dieser Seitenstärke vergleichsweise moderat. Im Vordergrund steht der Entwurf eines sniper-zentrierten Mikrouniversums, das durch eigene, scharf umrissene Regeln bestimmt wird. Der Argumentation muss (oder will) man nicht folgen, aber sie gibt einer Figur Profil, die sich nicht um Beifall bemüht und final auf die (Familien-)Farm zurückzieht (die vermutlich neben den Altersruhesitzen von Rambo und John McClane liegt) - aber nicht lang, denn es gibt immer einen Strolch, dem nur Bob Lee Swagger gewachsen ist!

Alte Haudegen legen normalerweise eine offensive Verachtung moderner Technik an den Tag. Einmal mehr geht Hunter einen anderen Weg: Swagger hält sich zwar zurück, wenn es um Kommunikations-Hightech oder das Internet geht, aber er beherrscht notfalls beides, statt sich mit Dinosaurier-Methoden aus Krisensituationen zu retten. Gänzlich offen ist Swagger für Neuerungen der Waffentechnik, die er problemlos einsetzt, um seine Intuition und angeborene Zielgenauigkeit zu unterstützen.

Erzählerische Klasse beweist Hunter, wenn er ausführlich ein Duell zwischen Scharfschützen und dabei beschreibt, wie Swagger die Supertechnik seines Gegners aushebelt, indem er ihre Schwachstellen erkennt und einfallsreich einsetzt. Im Visier des Snipers ist kein Simpel-Thriller, in dem vertierte Unholde niedergemäht werden, sondern lange sogar ein geradezu klassischer Whodunit, in dem FBI-Mann Memphis und Scharfschütze Swagger Indizien sichern und auswerten. Übertreibungen bis an die Grenze zur Lächerlichkeit (und darüber hinaus) kommen vor (man denke an Bobs endlose Waterboarding-Orgie und seinen schwafel-philosophischen Folterknecht), doch dies ist letztlich typisch für Action-Remmidemmi der groben, aber gefälligen Art.

Fazit

Wieder einmal treibt eine Mörderbande ihr Unwesen, der nur (und hier zum sechsten Mal) durch einen ebenfalls gesetzfrei vorgehenden, aber (gerade deshalb) rechtschaffenden Mann wie Bob Lee Swagger das Handwerk gelegt werden kann: Das ist spannend, gut geschrieben und - ohnehin genreklassisch - trotz des konservativen Weltbilds unterhaltsam.

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