Frostmond

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 312 Seiten

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Jochen König
Frostiger Mond über dem Highway Of Tears

Buch-Rezension von Jochen König Mai 2021

Von 1980 bis 2012 wurden laut einer offiziellen Studie fast 1200 indigene Frauen in Kanada Opfer eines Gewaltverbrechens oder verschwanden spurlos. Am berüchtigten Highway 16 verschwanden seit 1970 43 Frauen, 18 wurden ermordet aufgefunden, 17 davon gehörten  den „First Nations“ an, den Ureinwohnern Kanadas (neben den Inuit). Mittlerweile ist die über 1300 Kilometer lange Straße bekannt und berüchtigt als der „Highway of Tears“.

Frauke Buchholz, die eine Zeitlang in einem Cree-Reservat in Kanada zubrachte, widmet diesen Femiziden ihren Debütroman. In der Realität wurde die Polizei kaum aktiv, um die Mordserie aufzuklären. Erst Justin Trudeau versprach zu Beginn seiner Amtszeit ein größeres Engagement, um den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Erfolge blieben marginal.

In Aversion vereint

In Frostmond arbeiten zwei unterschiedliche Polizisten hartnäckig gemäß Trudeaus Weisung, um die Ermordung mehrerer Frauen aufzuklären. Im Zentrum steht die brutale Hinrichtung der 14-jährigen Cree Jeanette Maskisin, die von den Mustern der anderen Tötungsdelikte leicht abweicht, weshalb sich im Verlauf der Ermittlung der Verdacht erhärtet, dass man auf der Spur mehrerer Täter ist. Der Profiler Ted Garner aus Sasketchewan und der raubeinige Straßencop Jean-Baptiste LeRoux von der Sûreté de Quebec können sich nicht ausstehen, müssen aber eng zusammenarbeiten, da der Druck von außen wächst, und sie gegen den Widerstand der Cree-Gemeinschaft wirken müssen, die den weißen Polizisten misstrauisch und - aus berechtigten Gründen - feindselig gegenübersteht. Problematisch auch, dass Chogan Maskisin, der Cousin Jeanettes, auf eigene Faust unterwegs ist, um den oder die Mörder zu finden und zu bestrafen - und dabei nicht der kanadischen Justiz zuarbeitet.

Im gleichen Raum, doch nie zusammen

Drei Erzählperspektiven prägen den Roman: Der Blick von außen gehört dem belesenen, analytischen Ted Garner, der bereits zum Outsider wird, weil er kaum rudimentäres Schulfranzösisch beherrscht. Der ruppige, sexsüchtige Jean-Baptiste LeRoux ist den Opfern näher, aber viel zu beschäftigt damit, sein desaströses Leben nicht völlig aus den Fugen geraten zu lassen, während Chogan Maskisin als Angehöriger der Cree und Vertrauter seiner Cousine unverbrüchlich involviert ist; so ist es kaum überraschend, dass er den Polizisten immer einen Schritt voraus ist. 

Anhand der unterschiedlichen Sichtweisen zeigt Frauke Buchholz spannend auf, wie die Kommunikation zwischen inhomogenen Gruppierungen scheitert. Schon Garner und LeRoux haben enorme Verständigungsprobleme, die Kultur der Cree bleibt beiden unzugänglich - wobei die Trennung historisch gewachsen ist und gepflegt wurde, wenn nicht von Seiten der Einwanderer sogar eine radikale Umerziehung vorgenommen wurde, die das Machtverhältnis letztlich nur betonte, und ungeahndete Verbrechen über Jahrhunderte zumindest begünstigte (oder eher noch verantwortete).

Flucht aus der Gewalt – in neue Gewalt

So entwickelte sich eine Parallelkultur, die zwischen zwangsweiser Assimilierung und Ausgrenzung ein Schattendasein führen musste; Abstürze sind vorprogrammiert. Frostmond zeigt eine Gesellschaft, die geprägt ist von Armut, häuslicher Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch, in der die Sehnsucht nach einem besseren Leben, der Ausbruch in eine Welt, in der man sein Potenzial entfalten kann, Folter und Tod bringt. Gerade junge, intelligente, aber wenig wehrhafte Frauen wie Jeanette Maskisin werden so zu Opfern degradiert, lediglich Befriedigungsmaterial für frustrierte Patriarchen.

Hintergründiges lässt Buchholz beiläufig einfließen, es überlagert nicht oberlehrerinnenhaft die Erzählung um die Mordermittlung, die mehrfach ins Stocken gerät - bis sich die Ereignisse überschlagen und das gewaltsame Ende (etwas hastig) die Beteiligten fast erschlägt.

Fazit: Ein lesenswertes Debüt

Frostmond ist ein stilistisch präzise artikuliertes, formal und inhaltlich ausgereiftes Debüt. Die verschachtelte Erzählweise fordert die Leserschaft; ein Abgleiten in die Untiefen des herkömmlichen Serial-Killer-On-The-Loose-Krimis vom Grabbeltisch vermeidet Frostmond gekonnt. Spannung bezieht der Roman aus seiner Figurenkonstellation, den Geschichten hinter der Geschichte und der engen Verzahnung mit einer bitteren Realität. Philosophische Momente haben wir erfreulicherweise nicht einem kriminellen Superhirn zu verdanken, sondern Schopenhauer-Fan Garner, der ausgerechnet in Sophie, der (Noch?)-Gattin seines eher schlicht strukturierten Zwangspartners LeRoux, eine verständnisvolle Gleichgesinnte findet. Gut, dass Buchholz es vermeidet, die beiden kooperierenden Kontrahenten am Ende als Buddies in den Sonnenuntergang reiten zu lassen.

Lohnend ist Frostmond auch als Einstieg in eine weitere Beschäftigung mit den gewaltvollen und eine verfehlte Soziopolitik enthüllenden Geschehnissen rund um den „Highway of Tears“.

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