Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Personne n'a peur des gens qui sourient

- aus dem Französischen von Sina de Malafosse

- HC, 224 Seiten

Couch-Wertung:

70°
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Sabine Bongenberg
Die gut aufgebaute Grundspannung wird fast verplappert

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Apr 2021

An einem Sommertag packt Gloria die wichtigsten Dokumente, Papiere, ein paar Spiele für die Töchter und ihre Pistole zusammen, holt ihre beiden Töchter Stella und Loulou aus der Schule ab, und flüchtet mit den beiden in ein entlegenes Ferienhaus im Elsass. Zurück bleiben ihr altes Leben, das Grab ihres Ehemannes Samuel und die bisherigen Freunde; vor ihnen liegt eine dunkle Zukunft, die aber immerhin eines mit sich bringen soll: Sicherheit für die beiden Kinder. Dennoch – so stellt Gloria fest – gibt es immer noch ein paar Menschen, die wissen, wo sie sich aufhält; auch lässt sich nicht jede Handynutzung ihrer Töchter kontrollieren. Möglicherweise war die Flucht in die Anonymität eines neuen Lebens doch nur eine Illusion - denn irgendjemand scheint ihr auf der Spur zu sein ...

Die französische Autorin Véronique Ovaldé führt den Leser mit einem beherzten Sprung zu dem Lebens-Wendepunkt der nunmehr alleinerziehenden Gloria. Offensichtlich ist etwas eingetreten, das sie dazu zwingt, von hier auf jetzt alles zurückzulassen und mit ihren fünfzehn- sowie sechsjährigen Mädchen in ein einsames Ferienhaus zu flüchten. Genauso offensichtlich wird jemand von dieser Flucht Notiz nehmen, denn Gloria versucht das Haus so zu hinterlassen, als wäre sie nur kurz verreist. Bereits jetzt macht sich beim Leser ein ungutes Gefühl breit, das während der ganzen Lektüre nicht so recht weichen will: Wovor stürzt Gloria so atemlos davon, wer darf nicht erraten, wo sie sich aufhält, und was könnte schlimmstenfalls passieren? Ovaldé berichtet im Präsenz über die jetzige Situation der Heldin, im Imperfekt wird über ihre die Kindheit und über ihr Leben mit ihrer großen Liebe Samuel erzählt - und nicht perfekt waren fast alle ihre Beziehungen zu den ihr nächsten Menschen. Gloria hat im Laufe der Zeit aber gelernt, ihre Gefühle hinter einer geschickten Wand des Lächelns zu verbergen; denn auch wenn ihre Tochter Stella einmal tadelnd bemerkt, dass „ein Lächeln genügt und alle glauben, du bist harmlos“, so ist es doch genau das, was sie anstrebt.

Solide Grundspannung, viele Abschweifungen

Ovaldé ist es mit diesem Buch gelungen, eine solide Grundspannung zu schaffen, die aber unglücklicherweise durch viele Abschweifungen – fast könnte man auch schon sagen „Geplapper“ – mehrfach auf eine harte Probe gestellt wird. Obwohl das Buch mit 224 Seiten ein recht schmales Bändchen ist, sehnte ich mich doch manchmal nach einer Auflösung und nervten mich die komplizierten Satzkonstruktionen und Verschachtelungen der Autorin. Hier hätte ein bisschen mehr Einfachheit dem Roman sicher nicht geschadet. Manchmal hätte ich mir auch beim Erzählen der Geschichte durchaus ein wenig mehr Tempo gewünscht - und scheinbar ist das auch der Autorin aufgefallen, muss doch gelegentlich eine quasi über den Dingen schwebende, unsichtbare aber warnende Kraft eingeführt werden, die die Spannung wieder ein wenig nach oben drückt.

Ovaldé schafft es immerhin, mit dem Ende zu überraschen. Nachdem der Leser fast schon glaubt, dass die Handlung möglicherweise so ausdümpeln könnte wie der tiefe See in Glorias Nachbarschaft, wird eben dieser See Schauplatz eines neuen Verbrechens, das nicht nur vieles aus der Vorgeschichte zurechtrückt, sondern scheinbar auch noch den Auftakt für eine neue Entwicklung einläutet. Plötzlich entwickelt sich die Handlung regelrecht rasant - aber der Leser erhält hier nur ein paar Stichworte und hätte doch dazu gerne etwas mehr erfahren.

Fazit

Véronque Ovaldé hat ein ungewöhnliches Werk geschaffen, bei dem sich auch die Einordnung in das Genre eines Krimis nicht unbedingt auf den ersten Blick erschließt. Mit vielen Abschweifungen und Verschachtelungen wird die Geduld des Lesers manchmal auf eine härtere Probe gestellt. Es lohnt sich dennoch, dabeizubleiben, überrascht das Ende doch mit einer unerwarteten Auflösung. Für mich ein bisschen unbefriedigend war die Frage nach Schuld und Sühne - dennoch kann möglicherweise auch eine selbst hervorgerufene Einsamkeit die eigene Gefängniszelle bilden.
 

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