Der andere Sohn

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Det sista livet

- aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein & Max Stadler

- HC, 528 Seiten

Couch-Wertung:

80°
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Michael Drewniok
Der tödliche Sog falscher Erwartungen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

Der letzte Undercover-Einsatz des FBI-Agenten John Adderleys endete beinahe mit einem Kopfschuss, denn die nigerianische Drogenmafia, die er in der US-Großstadt Baltimore ausspionierte, kam ihm auf die Schliche. Nur knapp konnte Adderley entkommen - aber seither leidet er unter einem (sorgfältig geheim gehaltenen) Trauma, das ihn in der Krise buchstäblich lähmt, und muss die ewige Rache besagter Mafia fürchten, weshalb er in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird.

Die neue Identität führt ihn in die alte Heimat zurück: John ist das Kind eines US-Amerikaners und einer Schwedin und wuchs in der schwedischen Kleinstadt Karlstad auf. Nach dem Scheitern der Beziehung zog der Vater mit Joe in die Vereinigten Staaten. Zurück blieben Halbbruder Billy und die gemeinsame Mutter. Der Kontakt ist abgerissen, obwohl die Mutter John vor zehn Jahren inständig um Hilfe gebeten hat. Damals war Billy Hauptverdächtiger, als die Industriellentochter Emilie Bjurwall spurlos verschwand. Die Tat konnte ihm nicht bewiesen werden, und eine Leiche tauchte nie auf. Billy gilt in Karlstadt dennoch als Mörder.

Nun richtete die Polizei eine Sondereinheit ein, die alte, ungeklärte Fälle neu aufrollen soll. Billy haben die Beamten sofort im Visier. Faktisch illegal lässt Adderley sich in diese Gruppe versetzen. Er stellt fest, dass die Beamten nicht nach der Wahrheit suchen, sondern Billy den Mord anhängen wollen. Adderley deckt auf, dass die Beweise gegen seinen Halbbruder inszeniert wurden. Der Täter gehört womöglich zur lokalen Polizei. Adderley versucht das Komplott aufzudecken, doch die Zeit läuft ihm davon: Seine Kollegen finden heraus, wer er ist, und die Nigerianer sind ihm möglicherweise auf der Spur …

Lichtstrahl aus der Neuen Welt

Der skandinavische Thriller ist seltsam: Wenn Leser zu ihm greifen, erwarten und fordern sie geradezu den Sturz in einen Abgrund der Melancholie. Alles Schlechte, das Menschen einander antun können, wird genüsslich in quälender Breite dargeboten. Als Ermittler treten nicht minder angeschlagene Männer und Frauen auf, die nicht nur mit dem Fall, sondern mit privaten Problemen zu kämpfen haben. Über allem lauern tückische Konzerne, die Medien, Terroristen und organisierte Verbrecher oder wenigstens karrieregeile Vorgesetzte. Zu schlechter Letzt unterstreichen Düsternis, Schnee oder Dauerregen die Trostlosigkeit.

Hierzulande ist man förmlich süchtig nach entsprechender Lektüre und duldet keine Enttäuschung entsprechender Erwartungen. Tristesse gilt als Qualitätsmerkmal; zumindest befriedigt sie die Sicht derer, die diese Welt als politisch und sozial gescheitertes Jammertal betrachten. Wer Weinerlichkeit weniger schätzt, reagiert ungeachtet oft durchaus beachtlicher Plots vorsichtiger und wird wählerisch. Glücklicherweise folgen längst nicht alle skandinavischen Autoren wie Lemminge dem Trend. Mohlin & Nyström arbeiten zwar ausgiebig mit den beschriebenen Klischees, sorgen aber für Ventile im sonst allzu druckgeprüften Dampfkochtopf der Niedertracht.

Als Aufhänger des Geschehens dient wie so oft die Konfrontation des Stereotyps mit dem Außenseiter: John Adderley ist ein US-Amerikaner in Schweden. Zwar hat er dort Wurzeln, ist aber ein Kind der Vereinigten Staaten und als solches oft irritiert über die Alltagssitten seiner alten/neuen ‚Heimat‘. Mohlin & Nyström lassen ihn in seinen Reaktionen übertreiben und in Fettnäpfchen treten, sorgen aber auch dafür, dass Adderley dort für frischen Wind sorgt, wo eine Auslüftung erforderlich ist. Dabei setzen sie sogar ein Instrument ein, das im Skandinavien-Thriller normalerweise so gegenwärtig wie ein Albino-Nashorn ist: Humor.

Vergangenheit als Last

Die Anhänger der ‚klassischen‘ Nordlicht-Tristesse müssen sich aber nicht sorgen: Zwischenmenschliche Schlechtigkeiten treten auch bei Mohlin & Nyström im Rudel auf. Je enger die Familienbande sind, desto mehr gleichen sie Henkersstricken. Die reiche Familie Bjurwall ist - selbstverständlich - ebenso angesehen wie heuchlerisch; eine Doppelung, die immer ausgeprägter wird, je näher man dem nördlichen Polarkreis kommt. Kaltherziger Vater-Tyrann, ehrgeizgepeitschte Tochter, verachteter Schlapp-Schwiegersohn, überforderte (und hier gleich nymphomane und drogensüchtige = der Selbstzerstörung frönende) Tochter, dazu Ehebruch sowie weiteres Übel, das hinter polierten Edel-Fassaden brütet.

Für John Adderley wird die Rückkehr nach Schweden zum Rücksturz in eigene unbewältigte Familienprobleme. Vorwurfsaggressive Säufer-Mutter, haltloser, weil im Stich gelassener Bruder, vernachlässigte Nichte - man fragt sich, wieso Adderley sich dies antut, wobei ihn das Autorenduo zusätzlich unter Druck setzt: Der Versuch, dem Bruder inkognito zu helfen, fliegt wie erwartet auf, woraufhin Adderley es sich mit den (verdächtigen) Polizei-Kollegen verdirbt. Wird es richtig brenzlig, schaltet sich sein Hirn ab, und die Beine werden spaghettiweich. Im Hintergrund lauert zu allem Überfluss die nigerianische Drogenmafia, die ihm weltweite Blutrache geschworen hat. (Sie sorgt für den Cliffhanger zum zweiten Band der Karlstad-Serie, denn es stellt sich heraus, dass die vertierten Meuchler Adderley auf die Schliche gekommen sind.)

Der Plot ist bei nüchterner Betrachtung eher Mittel zum Zweck. Was sich nach mehr als 500 Seiten als des Rätsels Lösung erweist, kann nicht wirklich überraschen; Mohlin & Nyström führen uns bezüglich des Täters ordentlich (bzw. dreist) an der Nase herum und können die Identität des vertuschten Hauptverdächtigen trotzdem nicht wirklich schützen. Wer Krimis kennt, rechnet relativ früh mit der deshalb nicht mehr schauerlich-tragischen Auflösung. Dem Autorenduo geht es mehr um das ‚psychologische Drama‘ - hierin spiegelt sich Nyströms Erfahrung als Drehbuchautor. (Hoffentlich endet Der andere Sohn nicht als Vorlage für eine jener schwedisch-deutschen Ko-Produktionen, in denen wider alle Vernunft bewiesen werden soll, dass Bildstatik und Endlos-Gerede Fernsehen ist!)

Als Roman funktioniert dieses konstruierte und manipulierende Garn, das - natürlich -  gleichzeitig der Auftakt zu einer Serie ist, die „Mohlin & Nyström“ zum Marken-Branding erhöhen und Karlstad zur festen Größe auf den „Greif-zu!“-Tischen moderner Buchhandelsketten machen soll.

Fazit

Im zentralen Plot eher schwacher Thriller, was aber durch lebhaftes Geschehen und grob, aber gut gezeichnete Figuren ausgeglichen wird. Skandinavische Hyper-Melancholie bleibt angenehm gedämpft, es wird sogar witzig: Für ein Debütwerk sehr routiniert geschrieben und schon deutlich für eine Verfilmung aufbereitet, sorgt der erste Band der „Karlstad“-Serie für gediegene Unterhaltung.

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