Text

Erschienen: Februar 2020

Bibliographische Angaben

- aus dem Russischen von Franziska Zwerg

- TB, 368 Seiten

Couch-Wertung:

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Brigitte Grahl
Im digitalen Labyrinth Richtung Hölle

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Jan 2021

Der russische Schriftsteller Dmitry Glukhovsky ist als systemkritischer Autor mit Science-Fiction bekanntgeworden - ein Genre, in dem sich Gesellschaftskritik gut als Utopie bzw. Dystopie verpacken lässt. Mit Text wendet Glukhovsky sich einem anderen Genre zu, dem Krimi. Aber Text ist weit mehr als das: Text ist eine Reflexion über die moderne Gesellschaft, in der Kommunikation zunehmend gesichtslos über digitale Medien stattfindet und über die sogar Identitäten ausgebildet werden, bei denen Schein und Sein nicht mehr zu unterscheiden sind. So ist es möglich, dass Ilja, die Hauptfigur in Text, das Leben eines anderen übernimmt, allein auf den digitalen Fragmenten basierend, die er in dessen Handy als Textnachrichten und Fotos gespeichert findet.

Identität und Figuren entstehen im virtuellen Raum

Text hat zwar eine Handlung in der realen Welt und es kommen darin auch Nebenfiguren vor, aber durch seine Konstruktion mutet der Roman fast wie ein Ein-Personen-Stück an. Die zweite Hauptfigur, Petja, ist über den längsten Teil der Handlung nicht körperlich, sondern nur virtuell vorhanden. Alles wird aus der Perspektive von Ilja erzählt, dem einstigen Opfer Petjas, der jetzt die Rollen vertauscht hat und zum Täter geworden ist. Petja hat Ilja einst durch untergeschobene Drogen sieben Jahre seines Lebens genommen; jetzt nimmt Ilja seinem Peiniger Petja nicht nur das Leben, sondern durch dessen Handy auch die Identität: „Da oben, da spiele ich dich. Und ich weiß gar nicht mehr, wo du aufhörst und wo ich anfange. Mir kommt es schon so vor, als seist du nicht echt. Aber du bist echt – und hier. Und wer ist das dann dort oben?“ (S. 272)

Die Realität wird aus Bruchstücken zusammengesetzt

Aus Messenger-Nachrichten, SMSen, Fotos und Videoaufnahmen setzt Ilja wie bei einem Puzzle das Leben Petjas zusammen. Der ist in Geheimdienst, Polizei und kriminelle Drogengeschäfte verwickelt; auch privat gibt es in Petjas Leben jede Menge Schwierigkeiten. Ilja lässt sich mit der Nutzung von Petjas Handy auf ein gefährliches Spiel ein, in dem er nur mühsam die Zusammenhänge, Personen und Hierarchien durchblickt - immer in Angst, dass die Polizei den Ermordeten entdeckt und dass er sich durch eine Nachricht verrät, die nicht zum Verstorbenen passt. Je mehr Ilja über seine Nemesis Petja erfährt, desto mehr Verständnis entwickelt er für dessen Verhalten. Beide sind letzten Endes Gefangene eines Staatssystems, in dem der Stärkere und Skrupellosere oben schwimmt und derjenige, der versucht, gut zu sein, untergeht:  „Wer schuldig ist, der kuscht. Darauf fußt das Lager, der ganze russische Staat und überhaupt der Erdball.“ (S. 238)

Schuld und Sühne im modernen Russland

Mit der Figurenkonstellation und dem Handlungsverlauf weckt Glukhovsky Anklänge an ein großes russisches Werk: an Schuld und Sühne von Dostojewsky; der Student, der Richter, die gute Geliebte, Verantwortung übernehmen für seine Taten. Aber Ilja begeht zwar böse Taten, erhält sich aber seine Menschlichkeit, auch wenn ihm das letzten Endes keine Belohnung einbringt, sondern nur Schlechtes: „Irgendwie hatte er alles richtig gemacht, und trotzdem ging’s Richtung Hölle. Auf der Erde ist das Leben so eingerichtet, dass alle Menschen unbedingt in die Hölle kommen. Besonders in Russland.“ (S. 143)

Fazit

Mit Text hat Dmitry Glukhovsky einen stilistisch ungewöhnlichen und interessanten Krimi geschrieben. Die Charaktere erhält der Leser überwiegend „aus zweiter Hand“, sie formen sich aus digitalen Nachrichten und den inneren Monologen des Protagonisten. Die Handlung bezieht ihre Spannung aus der Bruchstückhaftigkeit der Informationen, die der Protagonist und damit auch der Leser hat. Wie in einem verminten Labyrinth irren Leser und Hauptfigur durch die Realität, die sich aus Vermutungen zusammensetzt - wie ein digitales Bild, in dem zu viele Pixel fehlen, um es klar zu erkennen. Dazu kommt, dass es schwerfällt, die „Gefährlichkeit“ der Figuren und Nachrichten einzuschätzen, wenn man sich nicht mit der Rolle des Geheimdienstes, der Polizei und der Politik in Russland auskennt. Text ist inhaltlich ungewöhnlich und atmosphärisch äußerst düster; ein Wodka davor hilft zum Durchhalten, ein Wodka danach, um den Text zu verdauen.

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