Der Solist

Erschienen: Januar 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 240 Seiten

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Jörg Kijanski
Begeisternder Serienstart

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2021

Am 19. Dezember 2016 kommt es auf dem Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche zu einem verheerenden Attentat: Der islamistische Attentäter Anis Amri fährt mit einem Sattelschlepper in eine Menschengruppe. Elf Personen sterben, über fünfzig werden teils schwer verletzt.

11. September 2017: Neuhaus, einer der besten Ermittler aus der BKA-Zentrale Wiesbaden, trifft in Berlin ein, wo er die SETA genannte Sondereinheit zur Terrorabwehr unterstützen soll; diese wurde als Folge des Anschlags von Amri gegründet. Anderthalb Wochen sind es bis zur nächsten Bundestagswahl - da wären neue Anschläge besonders verheerend, zumal die Partei „Die Aufrechten“ um den Einzug in den Bundestag kämpft. Noch nicht ganz angekommen, wird Neuhaus zu einem Tatort am Landwehrkanal gegenüber der Fraenkelufer-Synagoge gerufen. David Schuster, ein umstrittener jüdischer Aktivist wurde ermordet aufgefunden - Todesursache: ein Schuss in den Hinterkopf aus nächster Nähe; dazu ein Bekennerschreiben vom „Kommando Anis Amri“.

Neuhaus, der als Solist nur dem BKA-Präsidenten direkt unterstellt ist, wird von der SETA mit verhaltener Freude aufgenommen, was ihn jedoch nicht stört, da er ohnehin ausschließlich alleine arbeitet. Seine türkischstämmige Kollegin Suna-Marie, von allen Grabowski genannt, macht ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung - denn die beiden sollen nicht nur ein Team bilden, sondern finden sich auch menschlich sympathisch. Schon geschieht ein zweiter Mord.

Neuhaus – Eigensinniger Ermittler ohne Vornamen

Der Solist ist der Auftakt zu einer neuen Serie, dessen Protagonist ein recht eigensinniger Ermittler ist: Nicht nur, dass er eine Sonderrolle einnimmt, die ihm die direkte Unterstellung beim BKA-Chef einräumt; er ist auch recht argwöhnisch gegenüber den eigenen Kollegen. Wie der Fall Amri gezeigt hat, gab es reichliche Pannen bei dessen Überwachung, die einige Zeit vor dem Anschlag sogar eingestellt wurde. Neuhaus vermutet, die Kollegen hätten einen pünktlichen Feierabend bevorzugt, was ihn nicht nur aus Sicht seiner Kollegin hochmütig erscheinen lässt.

   „Wir hätten ihn zehnmal kriegen können und haben ihn zwölfmal laufen lassen“, entfuhr es Neuhaus. „Zeitweise waren drei Dienste auf ihn angesetzt…“

   „Vier“, verbesserte Grabowski.

   „Aber länger als von 9 bis 17 Uhr wollte niemand arbeiten … Weißt du, wie viele Tage ein Berliner Polizist im Durchschnitt jährlich krank ist?“

   „Nämlich?“

   „Hab ich heute Morgen gelesen: Es sind 49,1 Tage. Kennst du in deinem Bekanntenkreis irgendwen, der kein Beamter ist, aber sieben Wochen im Jahr an seinem Arbeitsplatz fehlt?“

Das Privatleben der beiden Hauptfiguren findet Erwähnung, ohne den Plot zu beherrschen. Es haben sich anscheinend zwei verwandte Seelen gefunden, denn Neuhaus und Grabowski verstehen sich trotz zahlreicher Gegensätze durchaus vielversprechend. Gleiches gilt für den schnörkellosen Schreibstil des Autors, der ohne große Umwege immer den Fall vorantreibt. So entsteht hohes Lesetempo und eine ebensolche Spannung.

   „Grabowski, das stinkt. Hier geht es nicht um Datenschutz, hier geht es um Vertuschung. Ich habe noch keine Dienststelle erlebt, die nicht dafür sorgt, dass alle Daten jederzeit verfügbar sind. Das nennt man doppelte Buchführung: eine offizielle Akte für die juristischen Bedenkenträger, eine vollständige Akte im Keller für die weiteren Ermittlungen oder schlicht das Gedächtnis der Abteilung.“

Der Fall Amri ist der Aufhänger für die aktuelle Anschlagsreihe, dessen Täter offenbar mit diesem bekannt war. Salah heißt der islamistische Attentäter, der von Mamadou geführt wird. Dies wird gleich zu Beginn des Romans klar, sodass die Frage bleibt, wer sich hinter den Decknamen verbirgt und was die Todesopfer – ein jüdischer Aktivist, eine muslimische Rechtsanwältin und weitere – miteinander verbindet? Und welche Rolle die Partei „Die Aufrechten“ spielt? Neuhaus und Grabowski sind auf sich allein gestellt, denn da das Thema Rechtsextremismus selbst in den Reihen der Polizei immer wieder vorkommt, ist Vorsicht gegenüber dem SETA-Team angesagt - zumal es da noch eine weitere Aufgabe zu erledigen gibt, die hier nicht gespoilert werden soll.

Fazit

Die Auflösung des Falles und die Erläuterungen, wie alles zusammenhängt, sind das berühmte „Große Kino“: ein Paukenschlag, der schon jetzt für große Vorfreude auf eine Fortsetzung sorgt. Die aktuellen Themen radikaler Islamismus, Rechtsextremismus, die Ereignisse rund um den Anschlag am Breitscheidplatz und die damaligen Versäumnisse der Ermittler, bieten zudem interessanten Lesestoff, der zum weiteren Nachdenken anregt. Kurzweilige Unterhaltung mit nachhaltiger Wirkung - was will man mehr?

Der Solist

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