Das Gift des Bösen

Erschienen: Februar 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The Poisoner

- aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger

- TB, 576 Seiten

- Bd. 2 [Craftsman]

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Michael Drewniok
Polizisten & Hexen gegen Verschwörer & Munkel-Magier

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2020

Sabden ist eine eher berüchtigte als berühmte Kleinstadt in der englischen Grafschaft Lancashire, seit hier einst als Hexen angeklagte Frauen grausam zu Tode gebracht wurden. Die Ironie dabei: Es waren Hexen, die den frommen Häschern ins Netz gingen - allerdings nicht alle, weshalb noch in diesem Jahr 1999 Frauen wie Sally Glassbrook und ihre Töchter Cassandra („Cassie“) und Elanor („Luna“) magisch aktiv sind.

Hilfe aus dem Jenseits können sie brauchen, denn sie sind verfemt, seit Gatte bzw. Vater Larry vor drei Jahrzehnten als Serienkiller entlarvt wurde. Überführt hat ihn damals die blutjunge Polizistin Florence Lovelady, der ein steiler Aufstieg gelang: Inzwischen ist sie als Assistent Commissioner die ranghöchste Polizistin Englands.

Die Ereignisse von Sabden haben Lovelady nie losgelassen. Nach dreißigjähriger Haft stirbt Larry Glassbrook, aber zuvor hat er noch einmal mit Lovelady gesprochen und sie auf ein angeblich nie aufgeklärtes Verbrechen hingewiesen: In Sabden wurden auf dem Grundstück eines ehemaligen Heims für Kinder und ledige Mütter die Gebeine mehrerer Jugendlicher entdeckt. Sie seien schon vor vielen Jahrzehnten an einer Seuche gestorben, lautet die offizielle Erklärung, aber Glassbrook erinnert Lovelady an die unrühmliche Geschichte von Black Mass Manor, die 1969 nach einem Brand scheinbar ihr Ende fand.

Zunächst nur aus Pflichtgefühl forscht Lovelady nach. Was sie erfährt, erscheint ihr ausweichend oder gar falsch, weshalb sie nach Sabden zurückkehrt, um vor Ort der Sache auf den Grund zu gehen. Damit stößt sie unabsichtlich in ein Wespennest, dessen Insassen - die viel zu verbergen haben - aufgestört und angriffslustig auszuschwärmen beginnen …

Mischung aus Prequel und Fortsetzung

Mit Das Gift des Bösen legt Sharon Bolton den zweiten Teil ihrer 2018 gestarteten „Craftsman“-Serie vor. Diese Fortsetzung ist gleichzeitig Prequel und beantwortet Fragen, die in Der Schatten des Bösen ohne Antwort blieben. Die Ereignisse spielen auf zwei Zeitebenen; das Drama um rätselhaft-kriminelle Ereignisse in einer englischen Kleinstadt 1969 wird dreißig Jahre später aufgelöst, aber nicht abgeschlossen, weshalb der Kampf gegen die aufgeflogenen „Meister“ weitergehen kann und wird.

Die Erzählstruktur sorgt nicht für Verwirrung, da Autorin Bolton darauf geachtet hat, dass sich beide Romane unabhängig voneinander lesen lassen. Die Verzahnung der Geschehnisse ruht auf einer nun deutlich werdenden Hintergrund-Historie, die über das in Band 1 thematisierte Treiben eines Serienkillers hinausgeht. Ob diese Verknüpfung gelungen oder gar glücklich ist, steht auf einem anderen Blatt. Zumindest dieser Rezensent hegt gewisse Zweifel.

Nicht die Verbindung von Krimi und Phantastik ist das Problem. Ungeachtet der Tatsache, dass zumindest klassische Kriminalfälle traditionell ‚realitätsnah‘ gelöst werden, gibt es eine populärliterarische Grauzone, in der sich „okkulte Detektive“ u. a. Spezialisten tummeln, die es mit Verbrechern und Phantomen gleichermaßen aufnehmen. Aktuell sind es beispielsweise James Oswald oder Phil Rickman, die wie Bolton in beiden Genres wildern. Diese beiden Autoren werden hier genannt, da sie das Gute (Oswald) wie das Schlechte (Rickman) einer solchen Kombination belegen; Bolton liegt etwa im Mittelfeld.

Die Bösen, die ganz Bösen & die vom Schicksal Gebeutelten

Echte Hexen, die über magische Kräfte verfügen, hat es nie gegeben. Entsprechende Aberglauben ziehen sich durch die Jahrtausende und gipfelten in den bekannten Verfolgungen vor allem des 17 und 18. Jahrhunderts, denen tausende unschuldiger Frauen (sowie Männer, die dann „Hexer“ waren) zum Opfer fielen. Die Aufklärung machte dem ein Ende, und aus der Hexe wurde eine literarische Spukgestalt, die später auch in Kino und Fernsehen unterhaltsam ihr Unwesen trieb.

In den 1970er Jahren wurde die Hexe vom Feminismus entdeckt. Unter Beugung und notfalls Ignorierung historischer Tatsachen dachte man sich einen Bund „weiser Frauen“ aus, die untereinander vernetzt ‚geheimes Wissen‘ aus mystischer bzw. ökologisch reiner Urzeit bewahrten und deshalb von machtgierig-chauvinistischen Männerbünden meist kirchlicher Provenienz gejagt und ausgerottet wurden.

Die Instrumentalisierung wirkt bis heute nach und lässt die Hexe als Figur leicht unglaubwürdiger wirken als den Vampir oder den Werwolf, die man nie von einer ähnlich intensiv entstellten Pseudo-Realität trennen musste. Zwar lässt auch Bolton ihre Hexen nachts nackt tanzen, doch sie vermeidet klug die meisten peinlichen Klischees, d. h. stellt ihre Protagonistinnen nicht als Kriegerinnen im Dienst von Mutter Erde bloß. Die Hexen von Sabden sind Frauen, die einen Weg gefunden haben, sich ihre Haut notfalls mit übernatürlichen Mitteln zu wehren, wobei Bolton entsprechende Auftritte höchstens andeutet, uns einen magischen Final-Kampf zwischen Hexen und „Meistern“ erspart und ‚ihren‘ Frauen nicht in der stereotypen Opferrolle verharren lässt

Das personifizierte Böse

Werden explizit „starke Frauen“ angekündigt, ist man (zumindest als Krimi-Fan) vorsichtig, da in solchen Romanen oft der Geschlechterkampf im Vordergrund steht. Er schlägt sich aufdringlich im geschilderten Fall nieder und tobt über mindestens 500 Seiten. Ein solchermaßen verkapptes Drama ist Das Gift des Bösen nicht. Frauen spielen die Hauptrollen, ohne dabei die keineswegs ausgeklammerten Konflikte mit Männern, die von Gleichberechtigung nichts halten, in Rache- oder Triumphzüge zu verwandeln. Stattdessen wird eine Geschichte erzählt, in der es u. a. um das Böse als reale Macht geht, das sich in Menschengestalt manifestiert, um seine Macht auf das Diesseits auszudehnen.

Daraus resultiert ein Kampf, der seit Äonen andauert und sich fortsetzen wird, selbst wenn es gelingen sollte, die „Meister“ irgendwann auszuschalten. Bolton konfrontiert Florence Lovelady als ranghohe Polizistin, die fest in einer von Beweisen geprägten Berufswelt verankert ist, mit einer Sphäre, die sich solcher Rationalität entzieht. Bei ihrer ersten Begegnung kann und will Lovelady sich dem noch nicht stellen. Erst drei Jahrzehnte später wagt sie den entscheidenden Schritt.

Wie so oft bleibt die Auflösung hinter dem Rätsel zurück. Mit unglaublichem Aufwand verfolgen die „Meister“ einen Masterplan, der nüchtern betrachtet in die Kategorie „Hirngespinst“ fällt. Bolton mischt ihrem Thriller eine Prise Science-Fiction unter, die der Auflösung nicht bekommt, weil man den wahren Grund durchzuschmecken glaubt: Irgendwie muss zuletzt erklärt werden, was in Black Mass Manor vorgeht. Die komplizierten Intrigen der (allzu allgegenwärtigen) „Meister“ verpuffen relativ unspektakulär bzw. werden an anderer Stelle fortgesetzt. Nach beinahe 600 Seiten (plus dem möglicherweise gelesenen Vorgängerband) ist das angesichts der ansonsten gut erzählten und recht spannenden Story ein wenig enttäuschend.

Fazit

Der zweite Band der „Craftsman“-Reihe greift direkt auf die Handlung des Vorgängers zurück, interpretiert die Ereignisse aber neu, wobei Übernatürliches in die Handlung eines ‚typisch englischen‘ Kriminalromans einfließt. Diese Elemente mischen sich nicht immer glücklich, doch glaubhafte Figuren und ein lange gewahrtes Rätsel sorgen für eine unterhaltsame Lektüre.

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