Lockvogel

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 376 Seiten

Couch-Wertung:

72°
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Yannic Niehr
Method Acting wider Willen

Buch-Rezension von Yannic Niehr Apr 2021

Es soll die Sause des Jahres werden … Bei der Party des gefeierten Star-Regisseurs Alexander Steiner ist wie üblich die gesamte Wiener Schickeria zugegen. Doch diesmal schlagen die Dinge scheinbar zu sehr über die Stränge: Am Morgen danach liegt einer der Kellner vom Catering-Service tot im Pool, erschlagen von einer Nebelleiste zur Luftkühlung. Es wird von Fremdeinwirkung ausgegangen, und schnell gerät Vincent Blum, der an jenem Abend den Barkeeper gegeben hat, unter Verdacht.

Gleichzeitig findet Sybille Steiner, die Ehefrau des Regisseurs, ein seltsames Tagebuch einer unbekannten Verfasserin in ihrem Briefkasten, das ihren Mann im denkbar schlechtesten Licht dastehen lässt: Eine junge, aufstrebende Schauspielerin beschreibt darin, wie er seine Machtposition ausgenutzt habe, um sie sich sexuell gefügig zu machen und anschließend fallen zu lassen – in der Ära von #MeToo brenzliger Zündstoff. Da sie einen Skandal vermeiden möchte, bittet Steiner den abgehalfterten Privatdetektiv Edgar Brehm, diskret Ermittlungen anzustellen. Brehm, vereinsamt und gesundheitlich wie finanziell am Rande des Ruins, hat schon einige Schicksalsschläge einstecken müssen – da kommt ihm das großzügige Honorar, das Steiner ihm anbietet und das zumindest einen Teil seiner Sorgen aus der Welt schaffen würde, gerade recht.  

Zum Glück verirrt sich zur selben Zeit auch noch die junge Schauspielschülerin Antonia „Toni“ Lorenz in sein Büro: Ihr Freund Felix Meier sei verschwunden – und mit ihm Schmuck und Geld von Tonis Großmutter. Die liebe Großmama (bei der Toni aufgewachsen ist) hat ihr das Vermögen überlassen, damit Toni die Gebühren des Konservatoriums sowie den Platz im Altenheim bezahlen kann. Umso dringender möchte Toni ihren Freund (und das Geld) wiederfinden. Außerdem fühlt sie sich in letzter Zeit verfolgt. Doch leider kann sie sich Brehm nicht leisten – also schlägt sie ihm vor, stattdessen für ihn zu arbeiten. Brehm ist anfangs so gar nicht begeistert, merkt aber schnell, dass er ohne sie an seine Grenzen stößt.

Ermittlungen im Umfeld des Regisseurs führen die beiden zunächst nicht weiter, und Hinweise sind rar gesät. Von Blums Unschuld sind beide schnell überzeugt. Doch was hat die große Darstellerin Anna Ferry mit allem zu tun? Ist Alexander Steiners Assistent Paul Herz involviert? Was hat es mit dem geheimnisvollen Drehbuch auf sich, das der Tote Steiner überreichen wollte? Hängt am Ende alles irgendwie zusammen? Es scheinen sich zunächst nur weitere Fragen zu stellen. Gäbe es doch nur eine Möglichkeit, Toni auf Steiners Set einzuschleusen …  

„Ich war nicht deine Auserwählte. Ich war dein Spielzeug. Doch das wird sich jetzt ändern …“

Die Filmbranche kann einer Kriminalerzählung ein faszinierendes Setting liefern – gehört es dort doch offenkundig zum guten Ton, dass hinter der undurchsichtigen Glamour-Fassade, welche der Öffentlichkeit präsentiert wird, nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht. Zum Glück kennt sich Autorin Theresa Prammer, die sich vor ihrem Romandebut im Jahr 2013 bereits als Schauspielerin und Theaterregisseurin etabliert hatte, in diesem Metier aus und lässt dieses Wissen in die Geschichte einfließen.

Mit Nervenkitzel punktet diese nur bedingt; dennoch ist die Spannung ausreichend, um die Leserschaft durchgehend bei der Stange zu halten. Prammer neigt aber dazu, wichtige Informationen erst recht spät zu streuen, sodass man doch recht lange im Dunkeln tappt. Gelegentlich wirkt Lockvogel konstruiert, manches arg gewollt: So verwundert Tonis ausgeprägte Naivität zu Beginn doch sehr; die Andeutung einer potenziellen Romanze zwischen Brehm und dem „irritierend attraktiven“ Verdächtigen Vincent Blum ist eher unglaubwürdig; und auch die Tatsache, dass Fernanda, Brehms befreundete Kontaktperson bei der Polizei, immer wieder Sätze fallen lässt wie „Dieses eine Mal helfe ich dir noch, aber dann ist Schluss“, nur um dann doch wieder ihren Job zu riskieren und ihm Informationen zuzuspielen, überstrapaziert die Logik des Geschehens etwas.

„Meine Oma sagt immer, es gibt gute Menschen, die böse Dinge tun. Und böse Menschen, die Gutes tun. Die Grenzen sind fließend“

Lockvogel kann gegen Ende ein stimmiges Statement zu den Themenkomplexen abgeben, die seinen Hintergrund bilden, dies bleibt aber Nebensache – damit ist das Buch nicht ganz der brisante Gesellschaftsthriller, für den man es eingangs halten könnte. Die große Stärke des Romans liegt vielmehr in seinem Personal: Edgar Brehm ist mehr als die bloße Karikatur eines Ermittlers, der seine besten Zeiten hinter sich hat; er hat das Herz am rechten Fleck, und darf man erst die Hintergründe seines damaligen Ausscheidens aus dem aktiven Polizeidienst erfahren, verleiht ihm das auch Tiefgang. Und Tonis Entwicklung zur gewieften Ermittlerin zu verfolgen, die für Brehm unverzichtbar – und sogar zur engen Vertrauten – wird, macht Spaß. Die Detailverliebtheit in der Figurengestaltung erstreckt sich auch auf das Ensemble der Nebencharaktere, allen voran Tonis Großmutter. Es ist zudem ein absolutes Plus, dass Lockvogel sich selbst nicht zu ernst nimmt und mit viel Humor glänzen kann.

Fazit

Mit einer gehörigen Portion Wiener Charme hat Theresa Prammer ein liebenswertes, sympathisches Ermittlerduo geschaffen, das problemlos auch weitere Fälle unterhaltsam wird tragen können. Lockvogel ist zwar nicht der ganz große Wurf, aber aufgrund seiner Qualitäten absolut lesenswert.   

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